Sonea betrachtete ihren leeren Reisekoffer, der neben ihr auf dem Boden stand. All ihre Sachen, die sie nicht mehr benötigte, hatte sie bereits bei Dorrien gelassen. Ihre Novizenroben und die zwei Notizbücher, die sie zum lernen mitgenommen hatte, waren wieder an ihrem gewohnten Platz in Soneas kleinem Zimmer.
In dem vergangenen Monat hatte sie mehr gelernt, als während ihrer gesamten Ausbildung. Wenn Dorrien einen der Bauern auf dem Land besucht hatte, um ihn zu behandeln, durfte sie ihn oft begleiten und zusehen. Sie waren fast jeden Tag mehrere Stunden unterwegs, um auch die entferntesten Bauernhöfe erreichen zu können.
Doch nun saß sie wieder in der Gilde. Bei dieser Erinnerung wurde Sonea mit einem Mal traurig. Die Zeit mit Dorrien war unerwartet schnell vergangen. Doch Sonea tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie nur noch ein halbes Jahr in der Gilde bleiben musste und dann für immer zu Dorrien ziehen konnte. Einzig Lady Vinara, die Dekanin der Heiler, zu denen Dorrien und nach ihrem Abschluss auch Sonea gehörten, konnte ihr noch einen Strich durch die Rechnung machen. Aber Sonea konnte sich keinen Grund vorstellen, warum sie es ihnen verbieten sollte. Sie hatte ihnen schließlich bereits erlaubt, dass sie die Ferien zusammen verbringen durften.
„Sie werden es mir gewiss nicht gestatten, wenn ich meinen Abschluss nicht schaffe", überlegte Sonea und ging mit einem leisen Seufzen zu ihrem Schreibtisch zurück und schlug ihr Notizbuch auf. Verwirrt blätterte sie einige Seiten um und stellte dann entsetzt fest, dass sie eines der leeren Bücher eingepackt hatte. Ihr Buch mit all ihren Aufzeichnungen lag noch bei Dorrien.
Geschockt dachte sie darüber nach, was sie tun konnte. Den Stoff wieder aufzuarbeiten würde Wochen dauern und einen ihrer Klassenkameraden zu fragen, ob sie sich seine Aufzeichnungen ausleihen könnte, war zwecklos. Es quälte sie zwar keiner mehr, dafür aber ignorierten sie ihre Mitschüler so gut wie es ging. Doch dann kam ihr Anny in den Sinn. Sie war zwar noch nicht so lang an der Universität wie Sonea selbst, doch dennoch hatte die junge Frau es bereits geschafft sich bis in Soneas Klasse hochzuarbeiten und sie hatte Soneas Notizen bei den gemeinsamen Hausaufgaben kopiert.
Sonea stürmte durch die Tür ihres Zimmers und zwang sich, als sie einige andere Novizen auf den Gang sah, einen langsameren Gang einzulegen. Als sie bereits zwei Flure der Novizenquartiere durchquert hatte, blieb sie abrupt stehen. Sie begriff, dass sie auf dem Weg zu Annys altem Zimmer war. Doch ihre Freundin wohnte nicht mehr in dem Quartier der Novizen, sondern in der Residenz des Hohen Lords. Ob Sonea sie dort besuchen durfte? Sie war noch nie in der Residenz des Hohen Lords gewesen, aber sie brauchte die Aufzeichnungen dringend, da Lady Meydin darauf bestand, dass jeder Novize von Beginn des Schuljahres den Stoff des vergangenen Jahres wiederholte. Sonea vermutete, dass die Heilerin einen Test schreiben würde oder zumindest mit der Klasse zusammen den Stoff noch einmal wiederholte. Sie wollte nicht gleich an ihrem ersten Tag nach den Ferien mit leeren Händen da stehen.
Sonea drückte die Schultern durch und ging aus dem Novizenquartier. Sie wählte einen der Wege, der durch hohe Hecken geschützt war, damit nicht jeder bemerkte, dass sie sich dem großen, im Schatten des Waldes schwarz wirkenden Hauses, näherte.
Vor der Tür, die passend zu dem dunklen Stein war, hielt Sonea inne. Sie atmete einmal tief ein und wieder aus, bevor sie die Hand hob um zu klopfen. Ihre Hand traf ins leere, da die Tür sich bereits von allein geöffnet hatte. Ein leichter Schauer lief ihr über den Rücken und sie schaute sich nach allen Seiten hin um.
„Komm herein, Sonea. Anny wird jeden Moment hier sein", sagte eine tiefe Stimme irgendwo hinter der geöffneten Tür.
Sonea zögerte kurz, dann trat sie in die Residenz des Hohen Lords. Sie zuckte erschrocken zusammen, als die Tür hinter ihr sich mit einem kurzen Klicken schloss und zwang sich weiter zu gehen, in den hell erleuchteten Raum vor ihr. Als sie den Raum betrat, verbeugte sie sich leicht zitternd vor dem Hohen Lord, der in einem der Sessel saß. Sie hatte ihn bereits einige Male auf dem Gelände der Gilde gesehen oder bei Zusammenkünften. Doch er war ihr noch nie zuvor so nah gewesen.
Im selben Moment kam Anny aus der Tür zu ihrer linken. Sie wirkte erleichtert Sonea zu sehen. Auch sie verbeugte sich schweigend vor dem schwarz gewandten Magier und bedeutete Sonea, dass sie rausgehen würden.
„Was hast du hier zu suchen?", fragte Anny überrascht, als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte.
„Verzeih mir, ich wäre nicht hier her gekommen, wenn es nicht wichtig wäre. Ich hoffe, du bekommst keinen Ärger deswegen?"
Anny machte eine wegwerfende Handbewegung und drängte Sonea dazu, ihr zu sagen, was sie wollte. Sonea erklärte ihr die Sache mit den Aufzeichnungen und war froh als Anny ihr zusagte, dass sie ihre Aufzeichnungen bekommen würde. Anny ging zurück in die Residenz und kam einen Moment später bereits wieder zurück.
„Entschuldige mich, Sonea. Ich muss auch noch Einiges für morgen vorbereiten", sagte Anny und ließ Sonea allein vor der Residenz stehen. Sonea schaute die Tür vor ihr verwundert an. Sie hatte erwartet, dass Anny alles wissen wollte, was Sonea in der Zeit ihrer Abwesenheit alles erlebt hatte, aber wahrscheinlich hatte Anny auch noch so einen riesen Berg Schulsachen bis morgen zu erledigen, wie Sonea. Sie hatten morgen noch genügend Zeit, um über ihre Ferien zu berichten.

„Ist Sonea schon wieder gegangen?", Auraya wusste, was nun kam. Seit dem Tag, an dem sie Akkarin in die Hüttenviertel gefolgt war, versuchte er sie zu verschiedenen Gelegenheiten in ein längeres Gespräch zu verwickeln. Sie wagte es nie auf seine Andeutungen einzugehen, da sie befürchtete, dass sie, sobald sie ihre Meinung dazu erneut äußerte, eine Strafe bekommen würde.
„Ja, sie hat noch einige Schulsachen zu erledigen. Genau wie ich."
Akkarin nickte leicht und schaute sie direkt an. „Du hättest mehr als genug Zeit für all das gehabt."
Auraya wusste, dass dies die Anspielung war, mit der sie bereits gerechnet hatte.
Doch dieses Mal keimte ein Gefühl von Ärger und Wut in ihr auf. Sie hatte Nächte lang wach gelegen und darüber nachgedacht, was Akkarins Worte zu bedeuten hatten. Hatte er tatsächlich vorgehabt Emerahl zu töten. Oder war es eine andere unerfreuliche Sache, die Anny gestört hätte. Aber was sonst hätte es sein können.
Doch es ist anscheinend nicht nach seinem Plan gelaufen. Es hatte keinen Kampf gegeben, wie Anny zuerst befürchtet hatte. Akkarin hatte die Frau lediglich davon geschickt und bisher hat sie nicht noch einmal bemerkt, dass er sich des Nachts davon geschlichen hatte.
Es war an der Zeit, dass sie Akkarin einige Fragen stellte. Ob er sie nun beantwortete oder nicht. Sie musste es versuchen. Auch wenn das bedeuten würde, dass sie wieder Bibliotheksdienst leisten musste.
„Ich weiß", sagte sie leise und blickte zu Boden, „es tut mir leid, dass ich euch nachspioniert habe."
Aus ihren Augenwinkeln heraus bemerkte sie, dass in Akkarins Blick Interesse aufblitzte.
„Warum hast du es getan?", fragte er mit unerwartet ruhiger Stimme.
„Ich musste wissen, was ihr tut und ob es der Gilde schaden könnte."
Akkarin schaute sie einen Moment schweigend an. Als wusste er nicht, was er darauf erwidern sollte. Auraya selbst spielte darauf, dass er ihren Verdacht und Takans Gedanken, dass er eine verbotene Form von Magie nutzte, bestätigen würde. Sollte sich danach eines Tages herausstellen, dass er sie, was die Gründe angeht, angelogen hatte, würde sie der Gilde alles erzählen.
„Bitte setze dich", sagte er schließlich und deutete auf den leeren Sessel neben ihm. Auraya setzte sich und beobachtete, wie Akkarin an seinem Weinglas nippte.
„Ich hoffe, du hast eine Antwort auf deine Frage bekommen. Ich werde es nicht noch einmal zulassen, dass du dich meinem Befehl widersetzt. Es war gefährlich und dumm von dir, mich zu begleiten. Du hättest getötet werden können."
Auraya schluckte die Bemerkung, dass sie sich problemlos selber schützen könnte, herunter und nickte stumm. Dies hier sollte nicht ihre Offenbarung werden, sondern Akkarins Geständnis. Das zumindest hoffte sie noch immer.
„Habt ihr öfters mit wilden Magiern zu tun?", fragte sie frei heraus, da er offensichtlich nicht selber davon anfangen wollte.
„Keine schnippischen Erwiderungen?", stellte er ihr als Gegenfrage und zog die Augenbraue hoch.
„Nein, ich weiß, dass ihr Recht habt."
„Es kommt vor, dass wilde Magier in die Stadt kommen. Meistens gelingt es mir, sie fortzuschicken, bevor jemand etwas von ihnen erfährt und die gesamte Stadt in Aufruhr versetzt."
Auraya nickte und dachte über die eine Nacht nach, als sie an Akkarins Keller gelauscht hatte.
„War der Mann in eurem Keller auch ein Magier? Und habt Ihr ihn tatsächlich weggeschickt oder getötet?", hakte sie weiter nach.
Sie blickte zu Akkarin auf. Auf seiner Miene waren zum ersten Mal, seit Auraya ihn kannte, Gefühle zu sehen. Er sah sie entsetzt, mit halb geöffnetem Mund, an. Als er bemerkte, dass sie ihn beobachtete, schloss er seinen Mund schnell und erhob sich von seinem Sessel, um sein Glas nachzufüllen.
„Ich glaube, du wolltest noch einiges für die Schule morgen vorbereiten", sagte er so kalt wie immer. Auraya spürte, dass er sehr wütend war. Auch wenn er sich nach außen hin nichts davon anmerken ließ. Sie beschloss, dass es besser war nicht herauszufinden ob seine Wut sich gegen sie richtete, da sie ihm nachspioniert hatte und offensichtlich mehr erfahren hatte, als er bereit war zuzugeben, oder ob er auf sich selbst wütend war, da er unvorsichtig gewesen war und sie ihn so entdecken konnte. Sie wusste, dass Takan ihm berichtet hatte, dass sie an der Kellertreppe gelauscht hatte. Aber offensichtlich wusste, bis zu diesem Moment, keiner von beiden, wie viel sie mitbekommen hatte.
„Gute Nacht, Hoher Lord", sagte Auraya und erhob sich von ihrem Sessel, um auf ihr Zimmer zu gehen. Akkarin stand noch immer mit dem Rücken zu ihr gewandt und starrte den Schrank an.

Meydin war froh, dass sie endlich zurück in die Gilde gehen konnte. Sie war bereits zu früher Stunde zu einem Notfall im Inneren Ring gerufen worden. Eine Frau lag in den Wehen, aber es gab Probleme bei der Geburt. Das Kind drohte im Leib der Mutter zu ersticken. Meydin hatte mehrere Stunden um das Leben der Frau und des Kindes gekämpft. Jetzt, in den späten Abendstunden, ging es Kind und Mutter gut genug, dass Meydin sie sich selbst überlassen konnte.
Als sie näher an die Tore der Gilde kam, stockte ihr der Atem. Vor einem der Hohen Pfosten, in denen die Flügel der Tore verankert waren, kauerte jemand. Als Meydin näher kam, bemerkte sie, dass es eine Frau war. Sie beschleunigte ihre Schritte und eilte zu der Frau. Als die Frau Meydin bemerkte, zog sie sich mühsam auf die Beine, um im nächsten Moment in Meydins Armen zusammen zu brechen.
„Was ist mit dir passiert?", fragte Meydin entsetzt, als sie die Verletzungen und dunklen Flecken bemerkte.
„Böse... Männer... angreifen", sprach sie mit einem starken Akzent.
„Ich werde dich zu den Heilern bringen", erklärte Meydin und stützte die Frau, während sie auf das rund angelegte Haus der Heiler zuging. Meydin würde diesen Fall einem ihrer Kollegen übergeben müssen. Sie hatte heute bereits zu viel Kraft und Konzentration für die Mutter und ihr Kind aufgebraucht.

Der erste Schultag des Sommersemesters war endlich überstanden. Auraya summte der Kopf von den ganzen Fragen, die ihr die Lehrer gestellt hatten. Der gesamte Tag war für die Wiederholungen in den einzelnen Fächern genutzt worden. Ihr wurden doppelt so viele Fragen gestellt, wie ihren Mitschülern, was einzig den Grund hatte, dass sie neu in der Klasse war und ganze zwei Semester übersprungen hatte. Ihre Lehrer wollten sich scheinbar alle selbst davon überzeugen, dass sie den Anforderungen der Abschlussklasse entsprach.
Auraya hatte alle Fragen problemlos beantworten können, was sie nicht nur ihrem Gedächtnis, sondern auch ihrer Fähigkeit Gedanken zu lesen verdankte.
Nun saß sie allein auf einer Bank im Park der Gilde und genoss die wärmenden Sonnenstrahlen der Abendsonne. Am Tag war die Sonne zwar noch immer unerträglich heiß, aber zu dieser Zeit, wo die Sonne bereits nah am Horizont stand, war ihre Wärme sehr angenehm.
Auraya überlegte, was sie jetzt tun konnte. Sonea war bereits vor einigen Minuten von dem Platz neben Auraya aufgestanden, um in ihr Quartier zurückzukehren. Auraya wiederum widerstrebte es jetzt schon in die Residenz zurückzukehren.
Sie dachte darüber nach, Lady Meydin zu besuchen und nachzuschauen, ob sie etwas für die Heilerin erledigen konnte. Jetzt, da das neue Schuljahr begonnen hatte, wurde zwar nicht mehr von ihr verlangt im Heilerquartier mitzuhelfen, aber solang die Anforderungen in den einzelnen Fächern noch nicht so anspruchsvoll waren, dass sie ihre gesamte Zeit forderten, konnte sie genauso gut noch etwas helfen.
Entschlossen erhob sie sich von der Bank und machte sich auf direkten Weg ins Heilerquartier.
„Anny!", erklang eine erfreute Stimme hinter ihr, kurz nachdem sie das Heilerquartier betreten hatte.
„Guten Abend, Lady Meydin", sagte Auraya und verbeugte sich vor der Frau.
„Was führt dich zu mir?", fragte die Heilerin noch immer lächelnd.
„Ich dachte, dass ich Euch noch ein wenig helfen könnte."
Lady Meydin zog die Augenbrauen nach oben. „Ich hatte erwartet, dass du alle Hände voll mit der Schule zu tun hast. Aber ich hätte da einen kleinen Auftrag für dich."
„Wir machen noch nicht so viel in den ersten Tagen. Und auch sonst würde ich Euch gerne noch gelegentlich ein paar Stunden helfen."
„Du bist wirklich ein gutes Kind, Anny. Aber nicht, dass dein Studium darunter leidet. Das würde deinem Mentor gewiss nicht gefallen", sagte sie und drohte Auraya spielerisch mit dem Finger. „Also wenn du Zeit hast, ich habe gestern eine Frau in mittleren Jahren zu Lady Ferru gebracht, da ich mich nicht mehr um sie kümmern konnte. Ich wäre dir dankbar, wenn du dich nach der Frau erkundigen könntest und mir später Bericht erstatten würdest."
„Ja, Lady Meydin. Wo finde ich Euch dann?"
„In meinem Behandlungszimmer", sagte sie und drehte sich halb um. „Und danke, Anny. Du warst mir allein in den letzten Wochen eine sehr große Hilfe", sagte sie noch, bevor sie davon ging.
Auraya schaute der Frau nach. Sie mochte Lady Meydin. Sie war stets freundlich und verständnisvoll ihr gegenüber gewesen. Auraya drehte sich um und ging in die andere Richtung davon.
Lady Ferru erklärte ihr eilig, in welchem Zimmer die Frau lang und machte sich wieder an ihre Arbeit.
Auraya klopfte an die Tür, hinter der die Frau liegen sollte, aber es kam keine Antwort. Sie klopfte erneut. Als auch nach dem dritten Klopfen keine Antwort kam, öffnete Auraya die Tür einen Spalt weit und spähte in den kleinen Patientenraum dahinter.
„Verzeiht mir die Störung. Dürfte ich kurz mit Euch sprechen?"
Die Frau, die halb in ihrem Bett saß, halb lag, nickte knapp worauf hin Auraya in den Raum trat und die Tür hinter sich schloss.
„Ich hatte gehofft, dich hier anzutreffen, unsterbliche Auraya. Ist es nicht merkwürdig, dass wir nach all dieser Zeit noch immer nach unseres Gleichen suchen?"
Auraya, die als die Frau zu sprechen begonnen hatte mit dem Rücken zu ihr stehen geblieben war, wirbelte jetzt herum und blickte die Frau ungläubig an. Sie hatte eine längst ausgestorbene Sprache benutzt. Eine Sprache, die wahrscheinlich nur noch eine Hand voll Menschen sprechen konnte. Zudem hatte sie Aurayas richtigen Namen benutzt und von den Unsterblichen als "wir" gesprochen.
Auraya betrachtete die Frau, die in dem Patientenbett lag. Es war die gleiche Frau, wie die, die Akkarin vor einigen Wochen aus der Stadt geschickt hatte. Sie hatte dieselbe, leicht bräunliche Hautfarbe wie Auraya und ihr schwarzes, langes Haar war zu einem Zopf gebunden. Wäre die Frau 20 Jahre jünger gewesen, wäre sie eine absolute Schönheit. Besonders hier, wo es nicht viele ithanische Frauen gab.
„Emerahl!", wisperte Auraya und räusperte sich. „Was tust du hier?"
„Ich musste zurück kommen, um dich zu warnen. Diese Magier sind schwach. Aber dieser schwarze Mann, mit dem du in der Stadt nach mir gesucht hast, hat ein dunkles Geheimnis."
„Ich weiß", gestand Auraya.
Emerahl sah sie entsetzt an.
„Woher..? Hat er dich in seiner Hand? Es war... Er wirkte sicher, das du dich nicht gegen ihn stellen würdest."
„Nein Emerahl. Ich weiß, dass er irgendein Geheimnis hat. Nur ist es mir noch nicht gelungen, herauszufinden, was es genau ist."
Emerahl sah erleichtert aus, doch eine steile Falte auf ihrer Stirn sagte Auraya, dass da noch mehr war.
„Ich kenne sein Geheimnis. Ich bin auf meiner Reise einigen Ausgestoßenen begegnet. Sachakaner. Sie verfügen über höhere Magie. Keine sehr freundlichen Zeitgefährten. Doch sie sind stärker als die normalen Magier. Hier nennt man diese Form der Magie Schwarze Magie und sie wird geächtet von der Gilde. Die Gedanken eines dieser Ausgestoßen haben mir verraten, dass vor vielen Jahren ein Magier der Gilde bei ihnen war und seinen Bruder mit Höherer Magie getötet hat. Als ich euch in der Stadt begegnet bin, hab ich es sofort gespürt, dass mit diesem Mann etwas nicht stimmt und habe einige Recherchen durchgeführt. Er ist der Mann, der damals einen der Ausgestoßenen getötet hat. Er ist ein brutaler Mörder. Du musst vorsichtig sein."
„Selbst wenn er höhere Magie benutzten kann, um sich zu stärken, so bin ich immer noch stärker als er. Seine Kraftquelle ist endlich. Meine nicht."
„Das ist richtig, Auraya. Aber stell dir vor, dass es ihm eines Tages gelingt, dich zu verletzten und auf diese Weise Magie von dir abzuziehen. Er wird feststellen, dass du die entzogene Magie, sofort ausgleichen kannst. Allein dadurch könnte er genug Macht sammeln, um dich zu töten."
„Er könnte auch in einem Moment, in dem ich unachtsam bin, meine Gedanken lesen und selber herausfinden, wie es funktioniert Magie auf diese Weise zu gewinnen", führte Auraya Emerahls Erklärung fort und schauderte. Sie verschwieg Emerahl absichtlich, dass Akkarin bereits versucht hatte, in ihre Gedanken einzudringen. Dies war zumindest die Erklärung, die sie sich auf den Ring gemacht hatte. Auf einmal wurde ihr bewusst, dass es ein großer Fehler war, der Gilde beizutreten. Sie dachte, sie wäre hier in Sicherheit und könnte endlich wieder offiziell Magie nutzen. Doch mit ihrem Eintritt in die Gilde, hatte sie nur Preis gegeben, dass sie eine unglaublich starke Magierin war und sich damit in größte Gefahr gebracht.
Die Tür öffnete sich und Lady Ferru trat ein.
„Guten Abend, Anny. Du bist ja noch hier."
Auraya verbeugte sich vor der Heilerin und sah aus ihren Augenwinkeln, das Emerahl ihr einen ungläubigen Blick zuwarf. „Ja, ich habe mich etwas mit Emea unterhalten", antwortete Auraya der Frau.
„Oh, du sprichst... Nein, jetzt sehe ich es. Sie kommt aus dem gleichen Land wie du. Richtig?"
Auraya nickte und schaute zwischen den beiden Frauen hin und her.
„Gut, dann kannst du ihr sicher erklären, dass es keinen Grund mehr dafür gibt, dass sie hier bleibt. Ihre Verletzungen sind geheilt. Aber sie soll sich die nächsten Tage noch etwas schonen."
„Ich soll mich schonen?! Ich werde so schnell ich kann von hier verschwinden", gab Emerahl leise zurück, nachdem Auraya die Worte der Heilerin übersetzt hatte.
Auraya musste ein Lächeln unterdrücken und reichte Emerahl ihren Umhang, nachdem sie sich aus dem Bett erhoben hatte. Sie hätte gerne noch mehr mit Emerahl gesprochen. Sie wollte sich erkundigen, wie das Leben in Ithania war und wie es den anderen Unsterblichen erging. Doch Emerahl schien es eilig zu haben, die Gilde wieder verlassen zu können. Bevor Emerahl den Raum verließ, drehte sie sich noch einmal um.
„Eines sollte ich dir noch sagen. Was auch immer passiert, denk an dein Geschenk der Götter."
„Was sagt sie?", schaltete sich Lady Ferru in das Gespräch ein. Auraya reagierte sofort.
„Sie hat uns gedankt. Für die Heilung und dafür, dass ihr so freundlich wart, obwohl sie nicht von hier kommt."
Lady Ferru nickte. Als Auraya wieder zu der Tür blickte, war Emerahl bereits verschwunden.
Das Geschenk der Götter. Was meinte sie damit?