„Es reicht!", beschied Akkarin seinem Diener, der ihn unbeeindruckt musterte. „Ich muss herausfinden was sie hat. In den letzten Wochen ist sie vorsichtiger denn je mir gegenüber. Sie kommt sehr spät in die Residenz, so dass ich sie nicht mehr zu Gesicht bekomme und wenn ich ihr doch einmal über den Weg laufe, weicht sie meinen Fragen aus."
„Ihr sprecht von Eurer Novizin, Meister?"
Akkarin nickte leicht und setzte sein auf und ab durch den Raum fort.
„Vielleicht gibt es eine einfache Erklärung für ihr Verhalten. Es ist möglich, dass jemand ihr Herz erobert hat und sie deshalb immer erst so spät zurückkehrt."
„Nein, Takan. Sie verbringt die Abende im Heilerquartier und hilft Lady Meydin. Zudem hätte ich davon erfahren, wenn meine Novizin einen Geliebten hätte."
Mit einem tiefen Seufzer ließ Akkarin sich in seinen Sessel sinken.
„Was werdet ihr nun tun, Meister?"
Akkarin, der den Kopf in die Hände gestützt hatte, schaute auf.
„Ich werde ihre Gedanken lesen müssen. Und diesmal darf ich mich nicht so leicht davon abbringen lassen, wie das letzte Mal. Aber du Takan, du kannst zu Bett gehen. Es ist bereits spät und ich werde ohne dich klar kommen."
„In Ordnung, Meister. Seid vorsichtig", erwiderte Takan und verschwand nach einer tiefen Verbeugung in der Tür am Ende von Akkarins Empfangsraum.
Akkarin blieb allein auf seinem Sessel sitzen und dachte darüber nach, wie er Anny am besten gegenüber treten sollte. Es war gut möglich, dass sie bereits einem anderen Magier von seinen nächtlichen Ausflügen in die Stadt berichtet hatte oder wenigstens mit dem Gedanken spielte. Er konnte nicht glauben, dass das Wenige, was er ihr offenbart hatte, ausreichen würde um ihre Neugier zu befriedigen.
Es waren Stunden vergangen, als die Haustür der Residenz sich endlich öffnete und Anny eintrat.
„Du kommst spät", sagte er kalt, als sie den Raum betrat.
„Verzeiht, Hoher Lord. Bei Lady Meydin gibt es immer viel zu tun", antwortete sie ihm und machte Anstalten davon zu gehen.
„Setzt dich Anny. Ich werde mit Lady Meydin reden müssen, damit sie dich nicht immer so lange aufhält."
Anny öffnete kurz den Mund. Offensichtlich um ihn davon abzubringen, mit Lady Meydin zu sprechen. Schloss ihn aber sogleich wieder, als sie seinen wütenden Blick sah und lies die Schultern sinken, bevor sie sich auf dem Sessel neben ihn nieder lies.
„Also, was hast du?", fragte er etwas sanfter. Er wusste, dass sie ihm gewiss nicht freiwillig irgendetwas erzählen würde. Doch er wollte ihr zumindest die Chance dazu geben, bevor er sich in ihre Gedanken begab. Anny sah ihn verwirrt an.
„Was meint ihr?"
„Ich merke, dass etwas nicht stimmt. Jetzt hast du die Gelegenheit es von dir aus zu sagen." Akkarin stand ohne Anny anzublicken aus seinem Sessel auf und ging an die kleine Anrichte, um sich ein weiteres Glas Wein einzuschenken.
„Vielleicht hast du ja herausgefunden, was ich versucht habe vor dir Verborgen zu halten", erzählte er weiter, während er immer noch mit dem Rücken zu ihr stand.
Durch eine silberne Servierplatte, die zwischen zwei Holzstäbchen klemmte, konnte er Annys Gesichtsausdruck sehen. Er war selbst etwas überrascht, dass er anscheinend genau den richtigen Punkt erwischt hatte. Aber was genau war es? Was hatte sie erfahren?
Er ging zurück zu seinem Sessel und setzte sich erneut.
„Sag mir, was du weißt", sagte er freundlich und schaute ihr nun direkt in ihre Augen.
„Ich weiß nicht, was ihr meint", Anny blickte ihn mit ausdrucksloser Miene an und auch in ihren Augen konnte Akkarin nicht erkennen, ob sie die Wahrheit sagte oder nicht. Er konnte gar nichts sehen, nicht einmal ein paar Bruchstücke ihrer Gedanken. Doch damit hatte er bereits gerechnet. Er hatte diese Methode bereits einige andere Male bei ihr ausprobiert, jedoch nie so intensiv. Es kostete Akkarin all seine Beherrschung, nicht wie ein Verrückter von seinem Sessel aufzuspringen und ihre Gedanken zu lesen. Stattdessen holte er einmal tief Luft.
„Sag mir was du weißt, Anny. Ich habe ansonsten andere Möglichkeiten es herauszufinden", sagte er noch immer freundlich, doch sie musste den leichten Unterton in seiner Stimme wahrgenommen haben. Sie setzte sich etwas aufrechter hin.
„Ich sagte Euch bereits, dass ich nichts weiß. Und jetzt entschuldigt mich bitte. Es ist bereits spät und ich muss morgen wieder früh aufstehen", antwortete sie ihm und wollte sich gerade aus dem Sessel erheben, als Akkarin eine kurze Handbewegung machte und Anny mit seiner Magie auf dem Sessel festhielt.
„Es tut mir leid Anny, aber du lässt mir keine andere Wahl", sagte er mit trauriger Stimme. Er ging um ihren Sessel herum und blieb auf der Rückseite stehen, legte ihr zwei Finger an ihre Schläfen und schloss die Augen. Doch er sah nichts. Ihr Geist war absolut leer. Das konnte doch nicht möglich sein.
Er sandte ihr ein Bild von sich selbst in ihre Gedanken. Sie hielt das Bild einen Moment fest, bevor es dann nach und nach verblasste.
Akkarin war verwirrt. Es war noch nie vorgekommen, dass er die Gedanken eines Menschen mit dieser Methode nicht lesen konnte. Er versuchte es noch einmal, wieder mit dem gleichen Resultat, dass ihr Geist das Bild auffing, es dann allerdings ohne darüber nachzudenken, verblassen lies. Gerade, als er es ein weiteres Mal versuchen wollte, spürte er einen brennenden Schmerz auf der Brust und schlug die Augen auf.
Anny war es gelungen, sich aus seinen magischen Fesseln zu befreien. Einen Moment später hatte sie sich sicherlich mit Magie von ihm gelöst. Doch Akkarin lies die Hände sinken und ging einige Schritte zurück.
„Geh in dein Bett! Und erzähle niemanden hier von. Hast du mich verstanden?", blaffte er sie wütend an.
„Gute Nacht, Hoher Lord", sagte Anny unbeeindruckt und ging ohne sich zu verbeugen in Richtung ihres Zimmers.
„Vielen Dank, Anny. Ich freue mich schon jetzt darauf, dich endlich offiziell zu meiner Assistentin erklären zu können."
Anny lächelte erheitert. „Nun ist es ja nicht mehr lange hin, bis ihr mich für Euch alleine habt", antwortete sie und packte weitere Verbandsmaterialien in den Schrank.
„Bevor ich es vergesse, dein Mentor wollte dich sehen. Du kannst ruhig erst einmal zu ihm gehen und das hier später fertig machen."
Meydin stutze, als sie das finstere Gesicht sah, das Anny zog. Als Anny jedoch sah, das Meydin sie besorgt beobachtete, glättete sich ihre Miene.
„So wichtig wird es schon nicht sein, dass ich hier gleich alles stehen und liegen lassen muss, nur um zu ihm zu gehen. Ich werde das hier erst fertig machen."
„Es ist deine Entscheidung. Aber lass ihn nicht zu lange warten. Er könnte es dir verübeln. Die meisten Magier oder Novizen der Gilde, ja sogar die normalen Familien aus der Stadt, würden sofort losrennen, wenn der Hohe Lord nach ihnen ruft."
„Ich bin aber nicht wie die Anderen, Lady Meydin. Der Hohe Lord weiß, dass ich nicht sofort aus dem Unterricht rennen kann, oder eine Prüfung unvollendet lassen kann, nur weil er wünscht, mich zu sprechen."
Lady Meydin nickte. Gleichzeitig wurde ihr klar, dass Anny dies gar nicht mitbekommen konnte, da sie mit dem Rücken zu ihr stand. Deshalb antwortete sie.
„Doch Anny. Als Schützling des Hohen Lords könntest du all das tun, ohne das es dir jemand verübeln würde."
Anny hielt kurz in ihrer Arbeit inne und seufzte leise, sagte aber nichts weiter.
Anscheinend wollte sie nicht diese Vorzugbehandlung, die sie von allen Seiten bekam. War das der Grund, warum sie freiwillig hier im Heilerquartier arbeitete? Hier nahm keiner Rücksicht darauf, dass sie der Schützling, der einflussreichsten Person der ganzen Gilde war.
Allerdings wäre Anny, ohne Akkarins Anweisung, gar nicht erst hier, fiel es Meydin ein.
„Kommst du ohne mich zurecht? Ich habe noch ein paar Patienten."
„Ja, Lady Meydin", antwortete Anny hinter einigen großen Kisten hervor.
Meydin schenkte ihr noch ein kurzes Lächeln, bevor sie den Raum verließ und zurück in ihr Behandlungszimmer ging.
Am späten Abend ging Auraya durch die Gärten der Gilde zurück in die Residenz des Hohen Lords. Seit dem Tag, an dem er versucht hatte ihre Gedanken zu lesen, war sie ihm nicht wieder begegnet. Egal zu welcher Zeit sie in die Residenz zurückkehrte, es war stets nur Takan dort und begrüßte sie.
Doch heute wusste sie, dass er sie persönlich begrüßen würde, genauso wie sie wusste, dass es eine weitere unerfreuliche Begegnung werden würde. Sie schauderte bei der Vorstellung, dass er noch andere Möglichkeiten kannte, um ihre Gedanken zu lesen.
Er hatte sie kurz nach Unterrichtsschluss rufen lassen. Doch sie hatte beschlossen, im Heilerquartier zu bleiben und weiterzuhelfen. Obwohl sie wusste, dass eine Konfrontation mit ihm unumgänglich war, versuchte sie, jetzt wo diese Begegnung stattfinden sollte, den Zeitpunkt so weit wie möglich herauszuzögern.
Auraya stand nun schon mehrere Minuten vor der verschlossenen Tür der Residenz und dachte über das nach, was Emerahl ihr erzählt hatte. Hatte Akkarin es tatsächlich genau darauf abgesehen? Sie bemerkte, dass ihr Herz schneller schlug, als es normal gewesen wäre und atmete einige Male tief durch um sich zu beruhigen. Dann legte sie eine Hand auf die Türklinke, fest entschlossen, diese Sache so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Allein durch diese kurze Berührung schwang die Tür wie gewohnt auf und Auraya trat in den Raum dahinter. Als die Tür sich hinter ihr wieder schloss, fuhr Auraya erschrocken zusammen. Einmal mehr fühlte sie sich, als würde sie in der Falle sitzen. Zurück konnte sie nun nicht mehr gehen. Selbst wenn die Tür sich wieder öffnen ließe, musste Akkarin sie bereits gehört haben und würde sie sicherlich aufhalten, wenn sie versuchte wieder zu gehen.
„Komm herein, Anny, oder willst du mich etwa noch länger warten lassen?", donnerte eine wütende Stimme aus dem Empfangsraum auf sie ein.
Als sie seine Stimme hörte, durchströmte sie eine unglaubliche Welle der Wut. Wie konnte sie es je zulassen, dass einer dieser schwachen Magier so eine Macht über sie haben konnte und sie behandelte, als wäre sie eine Dienerin, die er umher scheuchen konnte, wie es ihm beliebte? Sie würde es nicht noch einmal zulassen, dass er eine Möglichkeit bekam, in ihre Gedanken zu blicken. Mit hoch erhobenen Kopf und durchgedrückten Schultern ging sie in den Empfangsraum.
„Guten Abend, Hoher Lord", sagte sie und deutete eine Verbeugung lediglich an.
„Hast du eine Erklärung, warum du mich hast warten lassen? Du hättest bereits vor Stunden hier sein sollen."
„Es war viel zu tun, ich habe es vergessen", antwortete sie ihm gleichgültig. In ihr allerdings sah es komplett anders aus. Nur zu gern hätte sie ihm die Stirn geboten, indem sie ihn selber bewegungsunfähig machte und ihn dann sich selbst überließ. Es wäre eine große Befriedigung für sie gewesen, ihn so zu sehen. Doch sie schob diesen Gedanken entsetzt beiseite. Seit wann war sie so skrupellos? Egal wie sehr dieser Mann es auch verdient hatte. Sie konnte es nicht tun. Sie durfte es nicht tun. Spätestens dann würde ihm klar sein, dass sie stärker war als er.
„Lady Meydin hätte dich freigestellt, wenn du es ihr erklärt hättest", sprach er weiter und riss sie aus ihren Gedanken.
Ich muss hier weg. Bevor ich noch etwas tue, dass ich bereuen werde. Dachte sie bei sich.
„Ich wollte aber nicht freigestellt werden. Wenn es nach mir ginge, wäre ich nicht einmal hier und ihr wärt nicht mein Mentor!", warf sie ihm an den Kopf und ging zu der Tür, die zu ihrem Zimmer führte.
„Andere Novizen wären froh, an deiner Stelle zu sein, Anny!", rief Akkarin hinter ihr her. Sie hörte, wie er hinter ihr die Treppe hinauf kam.
„Dann wählt doch einen Anderen. Lange wird er auch nicht glücklich sein bei Euch. Nicht wenn er erfährt, was für falsche Spielchen ihr spielt", rief sie und knallte die Tür zu ihrem Zimmer zu, bevor er sie erreicht hatte.
„Wenn du von Anfang an ehrlich zu mir gewesen wärst, hätte ich nicht zu solchen Maßnahmen greifen müssen", rief er etwas sanfter durch ihre Zimmertür. Auraya erwartete, dass er die Tür jeden Moment öffnen würde, aber er tat es nicht. Sie blieb ruhig auf ihrem Bett sitzen und versuchte sich zu beruhigen. Sie kochte innerlich. Er konnte seine Versuche, ihre Gedanken zu lesen, doch nicht einfach darauf zurückführen, dass sie nicht bereit war, mit ihm über diese Schwarze Magie, die er benutzte zu reden.
Als sie leise Schritte auf dem Gang hörte, atmete sie erleichtert aus. Doch auch dieses Thema sollte noch nicht beendet sein. Er würde es sicherlich nicht zulassen, dass sie ihm so ohne Konsequenzen die Stirn bot.
