„Also meiner Meinung nach sind Kriminalromane die höchste Form der Literatur!".

„Hier, das kann ich dir ausleihen. Es lebt von den ständigen, unverhofften Perspektivwechseln.".

„Nein. Ein richtiger Krimi lebt davon, dass der Leser das ganze Buch über im Kopf des Kommissars eingeschlossen ist und sozusagen gemeinsam mit ihm die Ermittlungen anstellt. Man muss selbst drauf kommen, wer der Dieb ist, wie ein Detektiv oder so.".

Das Mädchen, das sich für plötzliche Perspektivwechsel begeisterte lag auf dem Rücken auf ihrem Bett und starrte an die Decke. Das Mädchen, das sich für Kommissargehirne interessierte lag auf dem Bauch und blätterte fahrig durch ein dünnes Büchlein, dass man ihr soeben ausgehändigt hatte.

Die beiden Freundinnen kannten und genossen ihre kleinen Meinungsverschiedenheiten. Das war die Grundlage, die ihre Freundschaft so stark machte.

Charlotte Freemont wohnte hier. Es war ihr Zimmer, in dem die beiden sich regelmäßig - in letzter Zeit mit umso verdächtigerer Regelmäßigkeit - trafen.

Sie war hoch gewachsen. Einen jungen Mann hätte man schlaksig genannt, bei einer jungen Dame nannte man es feingliedrig oder grazil. Schlaksigen Jungen hatte sie voraus, dass sie wusste, wie man mit einem solchen Körper umgehen musste um elegant zu wirken.

Die Schmäle ihres Körpers trieb der Köchin des Hauses Freemont täglich beinahe Tränen in die Augen. Das Kind esse nicht genug, hieß es jeden Mittag. Doch das stimmte nicht. Charlotte aß genug, sie verbrannte nur zu viel.

Im Augenblick hatte sie ihre langen, roten Haare in einem Frotteehandtuch eingewickelt, damit sie nach einer Bambusölkur gesünder glänzten als zuvor. Während sie die Einwirkzeit abwartete pustete sich auf die Fingernägel. Nach einigem Suchen hatte sie am Vortag einen Nagellack gefunden, der genau ihrer Haarfarbe entsprach und heute hatte sie ihn aufgetragen - nicht ohne damit ein wenig vor ihrer Freundin prahlen zu wollen. Charlotte genoss Komplimente und Bewunderung, aber die hatte sie sich durchaus verdient. Immerhin tat sie ja auch was dafür: Glänzende Haare, bemalte Fingernägel und eine vornehm geblasste Haut waren nur die halbe Miete. Um ihrem eigenen Standard gerecht zu werden übte sie täglich eine halbe Stunde vor dem Spiegel charmant zu lächeln. Bis heute konnte sie sich jedoch einen gewissen Anflug von Bissigkeit nicht abtrainieren. Man hatte ihr jedoch versichert, dass dieser sie nur noch entzückender machte, als sie ohnehin schon war.

Charlotte hatte die Nase gerümpft: Entzückend? Dann hatte sie das Thema verfehlt! Dienern konnte man in der Hinsicht sowieso nicht vertrauen...

Lilian Craine war zu Besuch. Sie wohnte nicht weit entfernt vom Haus von Charlottes Familie, doch war es weit genug, dass sie den Weg nicht allein zurück legen durfte. Also wartete unten vor dem Haus eine unscheinbare Kutsche, bis das Fräulein Lilly gedachte nach Hause zurück zu kehren.

Die Kutsche gehörte ihr allein, Kutscher und Unterhalt der beiden schwarzen Pferde zahlte der Vater, der seine Tochter standesgemäß reisend wissen wollte. Außerdem mochte er Charlotte und es banden ihn gewisse gesellschaftliche Verpflichtungen an die Familie Freemont.

Lilian war ein wenig kleiner als Charlotte, aber dennoch immer noch großer als die meisten jungen Mädchen Ankhs, auf welche die beiden Freundinnen ohnehin herabblickten, seit sie denken konnten. Auch ihr Verdauungsapparat schien schneller zu laufen als ihre Zähne kauen konnten und ihre Vorliebe für schwarze Kleidung erweckte zusätzlich den Eindruck einer fortgeschrittenen Anorexie. Auch sie achtete auf blasse Haut und glänzende Haare, ihr hingegen zeichneten sich durch ein erstaunlich schwarzes Schwarz aus, das die Samtuniformen der Assassinen im wahrsten Sinne des Wortes erblassen ließ. Ihr Haar legte sich in ordentlich zurecht frisierte Locken und endete an ihrem Kinn, einem winzigen Kinn, das einen ganz leichten Überbiss ungünstig betonte.

Auch ihre Nase war im Vergleich zur gesamten Person winzig ausgefallen; sie wölbte sich nach oben, sie eine Pflanze, die dem Licht entgegen wuchs.

Ihre Augen hingegen wirkten wie die einer Giraffe: riesig und von einer Unzahl fliegenbeinartigen Wimpern umsäumt.

Während Charlotte elegant und sehr ladylike auftreten konnte, ihren Stand und ihre Familie zu repräsentieren wusste, wirkte Lilian dagegen noch immer recht kindlich und wenig vornehm.

Vielleicht lag es daran, dass ihr die Sturheit auf der Stirn geschrieben stand, denn zumeist kräuselte sie ihre Augenbrauen zu einer generellen Skepsis. Auch ihre Unterlippe war es gewohnt einen Schmollmund zu ziehen. Lilian war mit sich und der Welt um sich nur selten zufrieden.

Beide Mädchen hielten nichts von Schmuck. Keine der beiden trug jemals ein Diadem, eine Kette oder auch nur einen Ring - sehr zum Unmut der Väter, die ihre Töchter mittlerweile gerne möglichst gewinnbringend verheiraten wollten.

Standesrechtlich befanden sich Lilian und Charlotte auf direkter Augenhöhe und in ganz Ankh-Morpork waren sie die einzigen jungen Damen in einer derartigen Position. Sie waren Freundinnen seit sie denken konnten, jeweils die einzigen, die sie je gehabt hatten.

Ihre Väter verbanden gewisse geschäftliche und politische Verbindungen, welche die Töchter jedoch selbst nicht zu interessieren hatten. Trotzdem taten sie es.

Charlotte war die treibende Kraft in der Freundschaft, Lilian begnügte sich gerne mit den Aufgaben im Hintergrund und das war der Grund, warum die beiden so gut funktionierten.

Ein weiterer Grund war die ständige, alltägliche, nicht auszumerzende Langeweile.

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