Missgelaunt drängte sich Hauptmann Mumm zusammen mit seinen Männern, sowie Charlie Freemont, der sich mittlerweile, ob einer gewissen, gebotenen Seriosität, Charles nennen ließ, in einem engen Hausflur, eines Privathauses in der Teekuchenstraße.

Karotte zog bei den niedrigen Decken vorsichtig den Kopf ein, als er sich prüfend umsah. Ihm fiel nicht die geringste Spur eines Einbruchs ins Auge.

Nobby stand aufmerksam im Türrahmen zwischen Badezimmer und Hausflur. Er wollte keinen einzigen noch so kleinen Gesprächsfetzen verpassen, sowohl was das Gespräch in Badezimmer, als auch das im Flur anging.

Nun, es enttäuschte ihn, dass sowohl im Bad, als auch im Flur eiskaltes Schweigen herrschte.

Feldwebel Colon drückte sich in der Nähe seines Hauptmanns herum. Er wusste nicht, welchen Betrag er zu den Ermittlungen leisten konnte und entschied sich dafür wenigstens ein interessiertes, respektive betroffenes, Gesicht zu machen.

Mumm hingegen musterte Freemont, der offensichtlich ebenso wenig Ahnung vom Stand der Dinge hatte, es aber weitaus besser verstand sich zu verkaufen.

Überheblich grinsend stellte der Vorsitzende der Diebesgilde fest: „Ohne Zweifel hat hier jemand sehr ordentlich gearbeitet.".

Sein Verstand ist so scharf wie eine Rasierklinge, dachte Mumm.

„Aber ich kann euch beruhigen, die Diebesgilde hat noch jeden unlizenzierten Dieb dingfest gemacht.", sagte Freemont und machte eine gönnerhafte Geste in Richtung der Familie Schönkirsche.

„Bist du dir sicher, dass es ein Einbruch war?", fragte Lord Schönkirsche unsicher, „Wir achten immer peinlich darauf, dass alle Türen und Fenster geschlossen sind. Vielleicht könnte es ja...".

Freemont winkte ab: „Ah! Meine Erfahrung sagt, dass Dienstpersonal nur höchst selten zu kriminellen Handlungen gegen ihre Arbeitgeber in der Lage ist. Ihnen fehlen die Gene.".

„Das hab ich dir doch gesagt!", keifte Lady Schönkirsche, „Ich habe dir gesagt, dass du sie nicht feuern sollst! Habe ich es dir nicht gesagt?".

„Was genau ist denn abhanden gekommen?", mischte sich Mumm mürrisch ein.

Lady und Lord Schönkirsche zögerten erst und antworteten dann gleichzeitig:

„Eine Kette, ein Diadem und was sagst du da?"

„Mein Erspartes.".

„Wir müssen es ganz genau zu Protokoll nehmen. Augenblick... Fleischmeister! Wo bist du! Komm her und scheib mit!".

Fleischmeiser schob sich durch die Tür, unsanft an Nobby vorbei und salutierte widerwillig vor Mumm. Er zückte einen winzigen Schreibblock und einen Bleistiftstummel und krakelte mit, was Lord Schönkirsche ihm diktierte.

„Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen?", fragte Mumm mürrisch, als die Liste mit den gestohlenen Gegenständen niedergeschrieben war und eine unangenehme, spannungsgeladene Stille drohte.

„Naja.", überlegte Schönkirsche und blickte entschuldigend zu seiner Frau hinüber, „Die Fließen. Sind.".

„Was sind sie?", fragte Freemont in kumpelhaftem Ton.

Gleich legt er seinen Arm um ihn, dachte Mumm.

Freemont bekräftigte seine Freundschaft, indem er dem Lord den Arm um die Schulter legte.

„Sie sind nun fester an der Wand, als zuvor.".

Fester?", fragte Mumm.

„Kann ich bestätigen, Hauptmann!", rief Fleischmeister ihm zu, „Sie sind wirklich sehr fest!".

„Sonst irgendwelche Spuren?", fragte Mumm und rollte unwillkürlich mir den Augen.

„Nein.".

„Nein.".

„Nicht, dass ich es bemerkt hätte.".

Nacheinander antworteten Lady Schönkirsche, Fähnrich Fleischmeister und Lord Schönkirsche.

„Na schön!", knurrt Mumm, „Wir werden uns darum kümmern.".

„Das meintest du doch nicht ernst oder?", fragte Freemont, als sie das Haus verlassen hatten und über die Straße entlang schlenderten.

Sowohl Mumm, wie auch Freemont war die Gegenwart des jeweils anderen unangenehm. Keiner von beiden wollte Schwäche zeigen oder auch nur den kleinen Anschein von Unsicherheit erwecken. Diebesgilde und Stadtwache waren natürliche Feinde.

„Was soll ich nicht ernst gemeint haben?", fragte Mumm bemüht gleichgültig.

„Dass du dich darum kümmern wirst, natürlich!", antwortete Freemont gleichmütig und er war ein besserer Schauspieler.

„Wie meinst du das?", fragte Mumm aggressiv und es gab keine Antwort, die nicht dazu geführt hätte, dass er als Reaktion darauf Freemont einen ordentlichen Schwinger ins Gesicht versetzt hätte.

„Im Ernst, Hauptmann! Wann hast du dein letztes Verbrechen aufgeklärt?".

Mumm kniff die Augen zusammen und entschied sich gegen den Schwinger.

Er hatte Recht! Er hatte in seiner gesamten Karriere noch kein einziges Verbrechen aufgeklärt und schon gar keins, das in die Zuständigkeit der Diebesgilde fiel.

Oh ja, die Diebesgilde war gründlich, effektiv und viel besser organisiert als die Stadtwache. Und besser bezahlt. Trotzdem hatte man ihn und seine Truppe hinzu bestellt um den Tatort zu begehen. Ohne Zweifel ein Akt der Demütigung.

Mumm knirschte mit den Zähnen, antwortete jedoch nichts.

„Keine Sorge, Hauptmann.", sagte der Vorsitzende der Diebesgilde gönnerhaft.

Gleich legt er seinen Arm um mich, dachte Mumm angstvoll.

Freemont steckte seine Hände in seinen langen Diebesmantel, zog die Schultern hoch und kickte gegen einen Kieselstein, der auf dem Kopfsteinpflaster lag und auf diese Weise am Tag einige Meter zurücklegte.

„Ich verstehe deine Situation. Man kann dir keinen Vorwurf machen. Sie schicken dir einfach keine ordentlichen Leute, nicht wahr. Alle Freiwilligen, die etwas taugen kommen zur Palastwache und es gibt nicht viele Freiwillige in eurem Gewerbe, was?".

Mumm antwortete nicht, starrte nur vor sich, bemüht den Dieb nicht anzusehen.

„Weißt du, wir können uns die Leute aussuchen. Jedes Jahr bewerben sich so viele Jungen für eine Diebesausbildung, dass wie einige sogar abweisen müssen. Da können wir uns natürlich die besten heraus suchen und...".

Schon gut!", brummte Mumm, „Ich glaube, es läuft ohnehin darauf hinaus, dass ihr den Fall übernehmt, löst, abfertigt und die Lorbeeren abgreift! Wieso also den Mund fusselig reden? Was willst du von mir? Seit Jahrzehnten braucht ihr keine Hilfe der Wache, wenn es um Verbrechen geht!". Mumms Stimme schäumte vor Gift, doch Freemont überhörte es höflich und antwortete ruhig: „Wieso sollte ich nicht mal diejenigen kennen lernen, deren Arbeit wir sein Jahren übernehmen? Man hört ja so einige Dinge über den aufrichtigen Hauptmann Mumm und seine tapfere, aber hoffnungslos unterbesetzte Nachtwache.". Mehr sagte er nicht und lächelte vielsagend. Jedoch verstand Mumm nicht, was das Lächeln ihm sagen wollte.

Die Wege der Wege der beiden trennten sich, als sie das Haus der Diebesgilde passierten und Freemont sich verabschiedete und sogar seinen Hut vor Mumm zog.

Schleimiger Hund! Dieben ist nicht zu trauen, egal wie gut ihre Bilanz in der Verbrechensbekämpfung ist, dachte Mumm und marschierte allein zum Wachhaus hinüber.

Seine tapferen, aber hoffnungslos unterbelichteten Männer hatten sich abgesetzt und ihren Weg zur nächsten Taverne eingeschlagen.

Wer konnte es ihnen verübeln? Ihre Schicht begann mit Sonnenuntergang und eine Sonderzahlung für Einsätze am Tage in Privathäusern wurde nicht extra bezahlt, da sie für gewöhnlich nicht in ihr Aufgabengebiet fielen.

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