Besondere Situationen bedurften besonderer Maßnahmen.
Die vier Nachtwächter, die eigentlich ihren undankbaren Dienst in den Straßen Morporks antreten sollten, trafen sich in der „Geflickten Trommel", um ein Krisengespräch zu führen.
Oben in Ankh hatte es sich längst herumgesprochen, dass ein unlizenzierter Einbrecher fast jede Nacht sein Unwesen trieb und es wäre ein Hohn der Bevölkerung gegenüber in Nächten wie dieser durch die Straßen zu laufen und zu beteuern, das alles gut sei, vor allem, wenn die Wache eigentlich beauftragt war, den Einbrecher zu stellen.
Es gab viel Heuchelei in Ankh-Morpork, aber Colon und Nobby kannten ihren Hauptmann gut genug um zu wissen, dass Mumm Heuchelei verabscheute und es ihnen sicher nie verziehen hätte, wenn sie jetzt so getan hätten, als sei alles gut.
Feldwebel, Korporal, Gefreiter und Fähnrich drückten sich in einer dunklen Ecke der Taverne herum und versuchte so wenig wie möglich aufzufallen, was sich als durchaus problematisch herausstellte, wenn man bedachte, dass nur wenige Zivilisten in metallenen Uniformen nachts durch dir Stadt streiften.
Sie überhörten eine gebrummte Bemerkung eines Tavernengastes, der klang wie: „Das ist sie also unsere Stadtwache! Statt etwas gegen diese Einbrüche zu tun, verdrückt sie sich während der Arbeitszeit in eine Kneipe!".
Fähnrich Fleischmeister ballte eine Faust, doch Feldwebel Colon schob ihn unbeirrt vor sich her vor bei an dem mutmaßlichen Provokateur. Aus dem Mundwinkel zischte er: „Nicht. Auffallen. Nicht. Provozieren. Lassen. Einfach. Hinsetzen.".
„Was glaubt ihr hat es mit den Diebstählen auf sich?", fragte Karotte um die unangenehme Stille zu durchbrechen.
„Der Hauptmann ist ziemlich... dingsbums... Er grübelt mehr als sonst.", warf Colon ein und nippt an seinem Bier. Mittlerweile sah Karotte darüber hinweg, dass bei der Stadtwache offenbar während der Dienstzeit Alkohol getrunken wurde. Er selbst jedoch gab sich mit einem Zitronentee zufrieden.
„Wenn ihr mich fragt ist das ein verdammt schlauer Mistkerl!", sagte Nobby, „Er führt die Gilde seit Tagen an der Nase herum und ihr wisst was die normalerweise für kurzen Prozess machen. Sie haben sogar und um Hilfe gebeten.".
„Was habt ihr vor zu unternehmen?", fragte Fleischmeister mit einer dumpfen Stimme, die noch dumpfer klang, wenn sie selten genug erklang, um sich nicht in sie zu gewöhnen.
„Keine Ahnung!", sagte Nobby beiläufig, „Aber es gibt da ein Sprichwort bei und: Lass die Gilden das erledigen! Hey, ich gehe ne neue Runde besorgen. Noch einen Tee, Karotte?".
Fähnrich Fleischmeister machte ein unzufriedenes Gesicht.
„Hör mal.", sprach Colon ihn kumpelhaft an, „Ich weiß, wenn man neu ist, hat man noch einen gewissen Enthusiasmus. Aber der ist in diesem Beruf einfach nicht angebracht, sogar eher kontraproduktiv, wenn du verstehst, was ich meine.".
„Wegen Sprüchen wie diesen verachtete uns die ganze Stadt.", sagte Fleischmeister langsam ohne aufzublicken.
„Naja, aber wenigstens erwarten sie keine Heldentaten von uns.", gab Colon resigniert zurück, „Sie erwarten, dass wir uns nicht wehren, wenn sie sich über uns auslassen und sie erwarten, dass wir feige Drückeberger sind, aber immerhin erwarten sie nicht, dass wir unser Leben auf's Spiel setzen.", fügte er hinzu und verstand langsam, was dem jungen Fähnrich so übel aufstieß. Wenn man jung ist, erwartet man mehr vom Leben, als das Beispiel, das ich oder Nobby abgeben, dachte der Feldwebel und geriet fast ins Schwelgen, ins Nachhängen einer verlorenen Jugend.
Er wurde unterbrochen, als Nobby ihm in Glas schales, bierähnliches Getränk vor die Nase setzte: „Ich habe ihm gesagt wir seien im Dienst und würden dieses Bier beschlagnahmen, wir bräuchten es für unsere Ermittlungen, aber er wollte es nicht rausrücken!", krächzte er, „Ihr schuldet mir alle...".
Weiter kam er nicht mit seinem Satz, da war der Wirt auch schon mit wenigen großen Sprüngen nach gehechtet: „Du glaubst wohl, du könntest einfach so die Zeche prellen, weil du hier in einer Rüstung aufkreuzt und deine Wächterkollegen mitbringst. Aber ich kenne dich genau Nobbs! Nicht in meiner Gaststätte! Nicht hier!".
„Aber, aber!", beschwichtigte der Feldwebel, „Er wollte sicher nicht...".
„Stehlen? Niemals!", bestätigte Nobby, „Ich hatte nur nicht genug Geld bei mir und wollte noch schnell bei meinen Kollegen sammeln.". Nobby grinste gequält und zog aus einem kleinen Ledersack, den er um den Hals trug, einige Münzen, „Siehst du, das reicht niemals für all das gute Bier!".
„Raus hier!", zischte der Wirt, griff mit einer bemerkenswert präzisen Handbewegung drei Gläser Bier und eine Tasse Tee, ohne auch nur einen Tropfen zu verschütten und zog sie an sich, „Und ihr wollte das Gesetz in dieser Stadt vertreten? Wollt Diebe fangen und seid doch selbst welche!".
„Schmarotzer!", tönte es aus einer anderen Ecke.
„Ja, genau!", bestätigte eine weitere Stimme und ein gewisser unterschwelliger Tumult regte sich im Schankraum der Geflickten Trommel.
„Wie gehen wohl besser!", schlug der Feldwebel vor.
Nobby sah sich um, erkannte, dass ihrer Gegner ihnen überlegen sein würden und nickte heftig, schob sich an Colon vorbei, hin zum Ausgang.
Nobby war ob seiner geringen Körpergröße weitaus geschickter darin aus tumultartigen Szenen zu flüchten, als der füllige Colon, der sich zudem auch noch um die beiden übereifrigen Wächterkollegen kümmern musste.
Karotte war aufgestanden und allein diese Geste ließ die Stimmung in der Geflickten Trommel etwas entspannen.
„Ich will hoffen, dass niemand hier vor hat, gegen das Gesetz zu verstoßen!", sagte er und schob sich aus der Sitzecke heraus.
„Oh nein! Natürlich nicht!", sprach eine Stimme und da Karotte nicht bewandert war, was Ironie anging, nickte er zufrieden und schob sich hinter Nobby durch den Pub.
Feldwebel Colon tat gut daran, Fähnrich Fleischmeister beim Arm zu packen und mit sich hinauszuziehen, denn dieser begann verdächtig zu zucken und einen seltsamen, nervösen Tick im Gesicht zu entwickeln, der ihn unregelmäßig zwinkern ließ.
Hinter ihnen flogen Möbel, Flaschen, Gläser und schmächtige Menschen durch die Luft und aus dem Pub, landeten auf dem Kopfsteinpflaster und was die Menschen betraft, so rafften sie sich wieder auf und torkelten zurück in die Geflickte Trommel.
„Seid ihr sicher, dass da drin keine Schlägerei stattfindet? Es wäre verboten, wisst ihr!", fragte Karotte zweifelnd.
„Dreckskerle!", kommentierte Nobby.
„Eine Schande ist das!", rief Fleischmeister plötzlich und seine Stimme dröhnte, sodass alle anwesenden Wächter innerlich zusammenzuckten, „Wir sind die Wache und flüchten vor diesen Trunkenbolden! Wir sind die Wache und lassen uns von ein paar dreckigen Dieben vorführen!".
„Hey, sei vorsichtig, was du da sagst!", sagte Feldwebel Colon beschwichtigend, „Die Diebesgilde... leistet der Stadt einen großen... Dienst.".
„Einen Dienst, der eigentlich uns obliegen sollte. Einen Dienst, den diese Wache überhaupt nicht in der Lage ist auszuführen! Die ganze Wache ist eine Schande!", erklärte Fleischmeister, „Der nächste Dieb, der mir über den Weg läuft, kriegt ein Abreibung! Verdient haben die Dreckskerle es immer!".
„Wenn sie eine Genehmigung haben, begehen sie kein Verbrechen.", erinnerte ihn Nobby, „Es ist allgemein bekannt, dass Diebe eine der wichtigsten Beträge zum Leben in der Stadt leisten.".
„Sie nehmen sich ganz schön viel raus, diese Diebe! Halten sich für gerecht und sogar für wichtig. Aber sie kriegen es selbst nicht auf die Reihe, einen... Dieb zu fangen! Ich würde sagen, sie haben versagt. Wenn sie es überhaupt je wirklich versucht haben, den Dieb zu fangen.".
„Was meinst du? Jede Gilde hat noch immer alle Anstrengungen darauf verwendet Mitbewerber auszuschalten. Das liegt in der Natur der Gilden.", warf Nobby ein.
„Ich meine, dass die Diebe den Einbrecher vielleicht deshalb nicht ausliefern, weil es einer von ihnen ist. Vielleicht geben sie die Einbrüche sogar in Auftrag. Wer weiß, vielleicht reicht ihnen dieses Jahr die Genehmigung nicht aus.".
„Interessanter Einwand.", sagte Colon nachdenklich, „Der Dieb scheint sehr geschickt zu sein, als sei er... ausgebildet worden. Das spräche tatsächlich für einen Gildendieb auf Abwegen.".
„Und sie binden uns in die Ermittlungen mit ein, um Zeugen dafür zu haben, dass sie ihre Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen erledigen. Es soll so aussehen, als würden sie alle Register ziehen, dabei haben sie den Dieb selbst geschickt.", führte Fleischmeister den Gedanken fort.
„Du bist gar nicht so dumm, Junge. Du kannst deine Theorie dem Hauptmann mitteilen. Er könnte ihn aufheitern.", sagte Colon und zog Fleischmeister weiter durch dir Straßen. Die anderen beiden folgten ihnen.
Ein dumpfes Knurren versicherte: „Der nächte Dieb, dem ich begegne, ist fällig!".
Die Nächte in Morpork waren ähnlich geschäftig wie die Tage, dennoch legte sich ein eingebildetes Gefühl der Einsamkeit auf die Gemüter der vier Wächter.
Sie trotteten in Richtung Ankh und nahmen sich das dortige Wachhaus zum Ziel. Vielleicht konnten sie dort Hauptmann Mumm etwas aufheitern und vielleicht würde das sie aufheitern.
Das Dasein eines Nachwächters erscheint oft frustrierend, ermüdend und nur selten erfolgversprechend.
Keiner der Vier sprach ein Wort. Nobby ärgerte sich, Fleischmeister sinnierte auf Rache, Colon versuchte nicht zu viel nachzudenken und Karotte versuchte für sich zu klären, ob dort eben in der Geflickten Trommel tatsächlich keine Gesetze gebrochen wurden, als sie das Etablissement verlassen hatten.
Bei einer derart gespannten Stille, einem so angestrengten Schweigen klang sogar die piepsigste Stimme, die sich einem zwischen die Ohren drängen konnte, wie ein markerschütterndes Dröhnen.
„Stehen bleiben!", piepste es, „Das ist ein Überfall im Namen und mit Genehmigung er Diebesg...".
Im nächsten Augenblick verlor der junge Diebesazubi vier Schneidezähne.
Alle Versuche Fleischmeister zurückzuhalten, scheiterten. Einen stiernackigen Mann, der rasend vor Wut auf einen Sündenbock einprügele, hielt zu schnell nichts zurück.
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