Die schmale Gestalt bewegte sich in den Schatten der Häuser, lauschte auf fremde und die eigenen Schritte, nickte zufrieden, als sie rein gar nichts vernahm und zückte geschickt einen Dolch aus dem Ärmel des schwarzem Samtanzuges.
Mit einem präzisen und doch erstaunlich kraftvollen Hieb stieß sie die Klinge zwischen zwei unverputzte Steine des Anwesend des Lord Eierschmalz, testete die Stabilität, nickte anerkennend und schwang sich mit einer erstaunlichen Körperbeherrschung und einem noch bemerkenswerteren Gleichgewichtssinn hinauf, wo sie nach einem zweiten Messer und einer zweiten Lücke im Verputz suchte.
Leicht wie ein Vogel schwang sich das Phantom an einen Fenstersims, hing mit beiden Händen daran, holte etwas Schwung und schleuderte sich nach oben. Lautlos setzte es die Füße auf die Fensterbank und führte eine erstaunliche, akrobatische Leistung vor. Leider sah niemand zu.
Lord Eierschmalz lebte allein. Er pflegte früh ins Bett zu gehen und hatte einen leichten Schlaf, obwohl oder weil er für gewöhnlich bei geöffnetem Fenster schlief und seine Nase des Nachts dem würzigen Geruch vom weiter unter liegenden Morpork aussetzte.
Eierschmalz galt als exzentrisch, doch in den Kreisen der adligen Gesellschaft Ankhs war er recht beliebt, denn man schätzte seinen Humor.
Leider war er hässlich wie ein Grottenmolch und musste sich damit abfinden, niemals in seinem Leben eine Ehefrau zu finden.
Er lebte allein und nachts bedauerte er das oft. Deshalb pflegte er es früh ins Bett...
Lord Eierschmalz war ein Cousin dritten Grades des Patriziers, doch er interessierte sich nicht sehr für Politik. Er wand sich eher den leichteren Vergnügungen und Pflichten des Adels zu, indem er Bälle veranstaltete und sein Abendessen in Clubhäusern einnahm. Lord Vetinari überließ diese Aufgaben gerne seinem Vetter, da er selbst seine Zeit lieber damit verbrachte allein in seinem Büro Spionageberichte zu studieren und Bällen eher abgeneigt gegenüberstand.
Lord Eierschmalz genoss als Mitglied der herrschenden Familie absolute Steuerfreiheit und auch der Diebesgilde war es verboten sein Haus in räuberischer Absicht zu betreten.
Derzeit jedoch schlich die schwarz gekleidete Gestalt lautlos durch sein Schlafzimmer und ihre Absichten waren durchaus räuberischer Natur.
Unter dem samtenen Mundschutz formte sich ein hämisches Grinsen, als der Dieb in der Nachttischschublade einige kitschige Ketten und Ringe fand, für die der Lord berühmt und berüchtigt war.
Eierschmalz bewahrte seinen Schmuck an keinem sicheren Ort auf, weil er darauf vertraute, dass die Diebesgilde es nicht wagen würde das Gesetz zu brechen. Außerdem würde jeder den Schmuck wiedererkennen, wenn ihn der Dieb wieder verkaufen wollte.
Aber dem Dieb, der sich gerade in seinem Schlafzimmer herum trieb ging es nicht um die persönliche Bereicherung.
Der Schmuck verschwand in einer Innentasche des schwarzen Anzug und das Phantom kletterte aus dem Fenster zurück, fand die Messerstufen in der Wand und landete schließlich wie eine Katze auf dem Kopfsteinpflaster, huschte hinter eine Hecke, zog die Gesichtsmaske ab, atmete durch und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
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