Charlotte setzte sich auf Lilians Bett und schwieg. Sie schaute weder betrübt noch fröhlich, sie schaute einfach und scheinbar beobachtete sie irgendeine interessante Begebenheit, die sich in irgendeiner anderen Dimension gleich dort drüben abspielen musste.
„Was ist los mit dir? So früh waren wir gar nicht verabredet.", sagte Lilian und brachte ihrer Freundin eine Tasse Tee.
„Ich werde heiraten.", erklärte Charlotte sachlich.
„Das ist ja herrl...", Lilian gluckste.
„Was weißt du über einen gewissen Fähnrich Kenneth Fleischmeister?".
„Ein Fähnrich?", rief Lilian ein wenig zu laut und Charlotte rollte mit den Augen, „Palastwache, stimmt's?".
„Nachtwache.", erwiderte Charlotte.
„Naja... Immerhin. Obwohl... Ist kein Dieb, was?!".
„Nein, eher das Gegenteil.".
„Dachte ich mir schon. Eigentlich stehst du nicht auf die Diebe. Du stehst auf die Kommissare!".
„Lilian, ich kenne, den Mann gar nicht. Ich habe keine Ahnung, ob ich auf ihn stehe!".
„Ich finde es trotzdem... Ich freue mich so für dich! Wer hätte gedachte, dass du noch vor mir heiratest, wo du noch niemals...".
„Ist dein Vater zu Hause?", fragte Charlotte, die langsam gelangweilt an die Decke starrte während Lilian sich künstlich zu freuen versuchte, den Neid aber nicht aus ihrem Gesicht verbannen konnte.
„Er ist drüben in der Meuchlergilde. Die wollten irgendwelche Informationen über einen Zauberer drüben aus der Universität.".
„Na dann los!", rief Charlotte plötzlich voller Elan, „Er hat sicher irgendwo eine Akte über diesen Fleischheini.".
„Meine Mutter ist zu Hause.", entgegnete Lilian.
„Solange sie sich nicht im Zimmer befindet, in das ich einbreche, macht mir sowas keine Sorgen.".
„Da kannst du dir sicher sein.".
Klick.
Das Türschloss sprang auf, ohne dass Charlotte länger mit dem Dietrich als mit einem Schlüssel hätte hantieren müssen.
Der Raum dahinter zeichnete sich durch eine enorme Größe und eine noch enormerer Enge aus.
Ein kleiner Schreibtisch war umwuchert von Aktenständern. Auf dem Bode stapelten sich Mappen, türmten sich bis unter die Decke und diverse Aktenschränke platzte an den Nähten auseinander, sodass Papier herauslugte.
„Ist das hier irgendwie geordnet?", fragte Charlotte.
„Natürlich.", antwortete Lilian.
„Und wie?".
„Keine Ahnung. Vielleicht nach dem Alphabet, aber ich weiß nicht, wo das Anfangen soll.", flüsterte Lilian kleinlaut.
„Aber du kennst dich doch hier aus, dachte ich.", sagte Charlotte und es gelang ihr nicht über einen Aktenstapel zu stolpern, der sich in ihren Weg geschlichen hatte.
„Naja, die Adligen haben da hinten einen extra Schrank, was mit den anderen Leuten ist, weiß ich nicht.".
„Vielleicht geht es nach Berufsgruppen.".
„Oder nach Stadtteilen.".
„Oder nach Einkommen.".
„Vielleicht gibt es einen Lageplan.".
„Wann kommt dein Vater wieder nach Hause?".
Es ist weithin bekannt, dass Akten von einer besonderen Magie in Besitz genommen sind, die dafür sorgt, dass wichtige Mappen und Ordner immer genau dann verschwinden, wenn man in ihnen etwas nachschlagen oder anhand von ihnen seine Unschuld in einem Versicherungsbetrugsprozess beweisen muss. Die meiste Zeit, in der man sie nicht braucht, tauchen sie einem ständig vor den Füßen auf, bringen einen zu Fall oder fallen selbst auf Köpfe oder teure Porzellanvasen, die seltsamerweise auch immer an strategisch ungeschickten Orten aufgestellt sind. Wissen die Götter wo die Dinge hingeraten, wenn man sie braucht und wie zum Teufel sie genau dort hin geraten sind, wenn man gerade eines zerschmettert hat.
„Sieh mal hier!", rief Lilian plötzlich.
Charlotte drehte sich um und spähte um einen Aktenstapel herum zu ihrer Freundin, die sich auf dem Stuhl hinter dem Schreibtisch niedergelassen hatte und Staub von einer Akte wischte.
„Er hat sie sich rausgesucht, um sie deinem Vater bei Gelegenheit mitzubringen. Hier auf dem Zettel steht es.".
Charlie Freemont, wegen Hochzeit Charlotte, stand auf einem Zettel, der mit einer Büroklammer an die Akte geheftet war.
Charlotte schürzte ihre Lippen und ihre Augenbrauen klappten herunter - ein sicheres Zeichen, dafür, dass ich gerade einen mörderischen Gedanken dachte.
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