Trauzeuge! Nun es gab schlimmeres, Bräutigam zum Beispiel. Natürlich hielten es alle für selbstverständlich, dass er anwesend sein würde und dem Paar seinen Segen gab.
Mumm hatte die Zeremonie jedoch mit erstaunlicher Leichtigkeit hinter sich gebracht. Die Priester hatten sich nicht lange aufgehalten mit Schwüren, Beschwörungen und Opferungen. Offenbar hatte man nur eine etwas geschmälerte Version einer Standardhochzeit gebucht.
Es gab keine Rituale, die Fruchtbarkeit oder Glück beschwören sollten. Es gab noch nicht einmal einen Kuss, als der höchste der drei anwesenden Priester darauf hinwies, dass Fleischmeister seine Braut nun küssen durfte.
Mumm setzte seine Unterschrift unter einen Vertrag, das war alles.
Ziemlich schäbig, dachte er, aber lieber schlicht als zu pompös.
Irgendjemand hatte sich damit überworfen diese Hochzeit zu organisieren und er hatte versagt.
Es gab keine Tischkarten, keine Menükarten und überhaupt gab es überhaupt keine Ordnung, als es darum ging, an der großen Tafel Platz zu nehmen.
Mumm wurde mehr oder weniger in einer Welle von Dieben und deren Frauen an den länglichen Tisch geschoben, als eine aufgeregte Servicekraft ihn bei der Hand nahm:
„Du bist doch einer der Trauzeugen! Komm schon! Komm schon!".
Widerstand war zwecklos.
„Du musst hier sitzen beim Brautpaar. Anweisung der Braut.".
Mumm wurde auf einen Stuhl gezogen und beschloss sitzen zu bleiben und sich so wenig wir möglich zu bewegen.
Beängstigend, dachte er, so viele Diebe in einem Raum! Ich frage mich, ob Fleischmeisters Familie hier überhaupt einen Platz findet.
Andererseits, ich habe noch niemanden gesehen, der ihm irgendwie ähnlich sieht. Vielleicht ist keiner von seiner Familie gekommen. Kein Wunder, wenn ich einen solchen Sohn hätte, würde ich das auch geheim halten wollen.
Das allgemeine Chaos schwächte sich ab, als alle Gäste einen Platz gefunden hatten und das Festmahl noch nicht aufgetischt worden war.
Mumm atmete durch. Er musst seine Gedanken ordnen. Er wollte nicht hier sein, trotzdem hatte er seinen Namen unter ein Formular gesetzt, dass er noch nicht einmal durchgelesen hatte. Er wollte nach der Zeremonie verschwinden und war nun doch irgendwie in diesen Saal gelangt. Er wollte weit weg von der Szenerie sitzen, wo er so früh wie möglich abhauen konnte, und jetzt saß er am ersten Platz neben dem Kopfende.
Ihm gegenüber: Charlie Freemont, Brautvater und so penetrant grinsend wie immer.
Rechts neben ihm saß eine dickliche Tante mit Federschmuck im Haar. Sie sah aus wie ein Papagei. Ihr Kleid, ihre Make-up...
Links neben ihm: Die Braut, auf eigenen Wunsch.
Mumm schüttelte sich innerlich.
„Keine Angst, sie ist harmlos. Nur manchmal ein bisschen bissig.", flüsterte die Stimme eines Dienstmädchens in Mumms Ohr, als sie ihn Wasser in dein Glas einschenkte.
„Ja... Ja, natürlich. Wie albern.", brummte Mumm und ärgert sich offensichtlich zu offensichtlich gedacht zu haben. Es passierte ihm recht häufig und er arbeitete daran. Seltsam, er selbst konnte nie erkennen, was andere Leute dachten.
Und außerdem ist sie verheiratet, dachte Mumm, als er endlich die Gelegenheit bekam Charlotte Freemont aus der Nähe zu betrachten.
Das weiße Kleid stand ihr nicht. Sie wirkte zu bleich und ihre Haare zu rot, feuerrot, aber sie sah ihn an. Sie lächelte eine Lächeln hinter dem sich ganz andere Gedanken verbargen, als die, welche die Situation betrafen über die sie vorgab zu lächeln.
Mumm versuchte es einzuordnen ohne Charlotte anzustarren: Scheu, leidlich glücklich, aber auch triumphierend, zufrieden mit den Entwicklungen ihres Lebens und Mumm wusste, dass sie damit nicht ihrer Ehe meinte.
Mumms musste seine Augen zwingen, sich abzuwenden und sich auf Kenneth Fleischmeister zu konzentrieren.
Er trug eine Art dunkelblauen Anzug, der ihm einige Nummern zu klein war und an Knien, Ellenbogen und am verlängerten Rücken mit braunem Stoff geflickt war.
Sein Gesicht blieb ausdruckslos und starr. Mumm wollte ihm nicht ein gewisse Form von Intelligenz absprechen. Er besaß zweifellos scharfe Polizeisinne und ein kombinatorisches Gehirn, aber was zwischenmenschliche Beziehungen betraf, beschränkten sich Fleischmeisters Erfahrungen darauf sein Gegenüber mit Fäusten und Schlagstöcken zu bearbeiten. Mit einer Frau konnte der bestimmt nicht umgehen.
Ob Charlotte ihm leid tun sollte, wusste Mumm nicht, denn wie diese Frau durch den Raum blickte und jeden einzelnen Gast abschätzte, wie sie lächelte und aussah, als könnte sie die Gedanken jedes einzelnen Menschen der Scheibenwelt lesen, wie sich bewegte und damit den Inbegriff aristokratischer Langeweile verkörperte, dieses eiskalte Kalkül, wie diese Frau ihm zu zwinkerte um ihn aufzufordern mit dem Essen zu beginnen - Er hatte gar nicht mitbekommen, wie man den Teller vor ihn hingestellte hatte und dass alle anderen bereits grunzten und mit ihren Servietten die Soße von ihren Mündern und Hemden wischten - wie diese Frau ihr zusammengeknotetes Haar löste und nun sich bequem über die Schultern fallen ließ, brauchte sie niemanden, der sie beschützte und auch niemanden der sie bedauerte.
Armer Kenneth, dachte Mumm plötzlich, das sind die Frauen, vor denen uns unsere Mütter immer gewarnt hatten. Und er führte eine Gabel mit Kartoffelbrei zu seinem Mund.
„Sie sind der Hauptmann, nicht wahr?", fragte eine Stimme plötzlich links neben ihm und der Schock diese Stimme zu hören führte dazu, dass er sich an der Bratensoße verschluckte und mit einem Hustenanfall die Aufmerksamkeit aller Anwesenden kurzzeitig auf sich zog.
Seine Atmung koordinierend, hob er langsam seinen Kopf und blickte widerwillig nach links: „Ja. Hauptmann Samuel Mumm.", er zeigte die Zähne als er ein Lächeln versuchte.
„Charlotte Freemont.", sie streckte ihm die Hand über den Tisch und strahlte. Berechnend, dachte Mumm, doch er schüttelte ihre Hand.
„Aber ich denke, dass mein Name hier nicht unbekannt ist.".
„Nein, Miss...es.".
„Weißt du, ich finde dein Arbeit recht interessant. Das ist auch der Grund, warum ich Kenneth hier geheiratet habe. Wachleute sind die wahren und unerkannten Helden der Stadt.", plauderte sie.
„Tatsächlich? Und ich dachte, es handelt sich um eine arrangierte Hochzeit.", sagte Mumm und knirschte mit den Zähnen, wie er es immer tat, wenn er eine Lüge witterte.
„Ja, das schon, aber schon vom ersten Augenblick, da wir uns kennen lernten haben wir uns ineinander verliebt.", Charlotte zwinkerte mit keiner Wimper, „Was hast du? Ist dir was zwischen die Zähne geraten?".
„Nein, schon in Ordnung.".
„Dann ist ja gut. Ich dachte schon, du hättest dich verschluckt oder so. Weißt du, wenn Leute ersticken, dann...".
„Nein, es ist alles in Ordnung!", sagte Mumm nachdrücklich und starrte auf seinem Teller.
Der Braten schmeckte ihm nicht, zu wenig Fett, zu viel Kräuter. Er war es nicht gewohnt so zu speisen und die Geräusche, die sein Magen machte, beunruhigten ihn zunehmend.
Es war an der Zeit sich aus den Klauen dieser Harpyie zu befreien: „Entschuldige bitte, aber... meine Schicht beginnt gleich und ich muss meinen Männern ein gutes Vorbild sein. Kenneth hat natürlich heute Nacht frei, aber für uns andere ruft die Pflicht.".
„Oh, das verstehe ich natürlich. Sehr ehrenwert. Ich würde deine Männer gerne bei Gelegenheit einmal kennen lernen. Weißt du, ich nehme meine Aufgabe sehr ernst. Ich soll ein wenig vermitteln zwischen den Dieben und den Wachleuten. Diebe stehen derzeit nicht besonders hoch im Kurs, was?".
„Nein, eine Schande, wie ich finde.".
„Mein Vater arbeitet an einem Imageprojekt. Vielleicht willst du ja auch mitmachen?".
„Mal sehen, Misses.".
„Sag mal, Hauptmann.", Mumm war aufgestanden, doch Charlotte, hielt ihn am Arm fest. Niemand hätte sich aus diesem Griff entwinden können, auch wenn ihre Hand nur ganz leicht auf seinem Unterarm auflag, „Nimmt eure Stadtwache eigentlich auch Frauen auf?".
„Wieso fragst du? Möchtest du eintreten? Ich glaube, das wäre keine gute Idee. Du wärst nicht der Typ für eine Nachtwächterin.".
„Naja, die Gilden nehmen keine Frauen auf und ich wünsche mir, etwas Sinnvolles zu tun. Repräsentieren ist auf die Dauer ein eher langweiliges Gewerbe.".
„Na, dann hast du jetzt ja eine Lebensaufgabe gefunden, indem du deinen Mann, be... kochst.".
„Oh, ich bin eine sehr schlechte Köchin.".
„Wie dem auch sei, ich denke, dass du trotzdem einen guten Job machen wirst, aber ich muss jetzt wirklich...".
Charlotte löste ihre Hand und wand sich von ihm ab und ihr Fokus richtete sich auf ihren Teller, der nun mit Eiscreme und Sahne beladen vor ihr stand, was Mumm erheblich erleichterte, als er der Gesellschaft den Rücken zu wandte und sich sicher war, dass ihm nicht nach gestarrt wurde.
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