„Wenn du möchtest, kannst du heute Nachmittag drüben im Schnellimbiss etwas essen.", sagte Charlotte, legte ihr Buch bei Seite und schaute hinüber zu Kenneth, der sich auf einem Sessel zur Ruhe gesetzt hatte. Er trug eine geblümte Schürze und ein Geschirrtuch um den Kopf.

„Ich esse seit drei Tagen da unten im Schnellimbiss, Liebes.", antwortete er ruhig.

„Na dann scheint es dir ja zu schmecken.", erwiderte Charlotte, „Lilian kommt heute Mittag vorbei, aber ich werden dich nicht stören, wenn du dich ausschlafen willst.".

„Das ist sehr freundlich von euch.", Kenneth gähnte. Seit er verheiratet war und mit Charlotte Freemont in einem Haus lebte, war er durchweg so müde, dass es ihm kaum noch einfiel wütend zu sein. Hass kostete nur unnötig Energie, die man auch zum Fensterputzen verwenden konnte.

Charlotte war eine gute Frau. Er war der Überzeugung, dass er es nicht hätte besser treffen können. Er war in eine bessere Wohngegend in Morpork gezogen. Es war zwar nicht gerade Ankh, aber immerhin weit entfern vom Fluss, außerdem lag ihr Haus etwas erhört, sodass der markante Morpork-Geruch nicht ganz so intensiv die Wänden und ihrer Lungenbläschen verätzte. An manchen Tagen konnte ihnen die Luft nahezu frisch erscheinen.

Kenneth genoss es Zeit in der Gegenwart von Charlotte zu verbringen. Sie war hübsch anzusehen und auf ihre Weise witzig und geistreich. - Das vermutete Kenneth zumindest, denn er verstand nur die allerwenigsten ihrer Aussagen so wie sie gemeint waren. Deshalb gewöhnte er sich an, immer nur genau das zu tun, was ihm aufgetragen wurde, so vermied er allzu peinliche Missverständnisse und umging Diskussionen, die er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit haushoch verlieren würde.

Er wusste, er war Charlotte unterlegen. Aber das machte ihm nichts aus: Er besaß das männliche Privileg, einer anständigen Arbeit nachgehen zu dürfen und war so unverzichtbar für seine Frau. Sie war auf ihn angewiesen und das beruhigte ihn. Es ließ ihn die innere Nervosität vergessen, die ihn befiel, wenn er sich selbst mit einem Putzlappen in der Hand das Bücherregal abstaubend fand.

Hinter jedem erfolgreichen Mann, stand eine Strippen ziehende Frau. Immerhin stand er vorne!

Lilian, die Freundin, mochte er nicht besonders. Sie war eingebildet, fuhr immer mit ihrer eigenen Kutsche vor und bezahlte einen Kutscher dafür, dass er Stunden lang auf sie vor der Tür wartete.

Lilian kam häufig vorbei. Wusste der Toifel, was die beiden sich alles zu erzählen hatten. So viel kann ein Mensch gar nicht denken, was diese beiden Frauen sich alles zu erzählen zu haben schienen.

Auf eine gewisse Weise jedoch konnte er es seiner Frau nicht verwehren, sich mit Lilian zu treffen. Kenneth stellte es sich unvorstellbar grausam vor als Mädchen geboren worden zu sein. Da brauchte man sicher eine gute Freundin, mit dem man seine Probleme teilen konnte. Zudem waren Charlotte und Lilian beides die Töchter hochangesehener Gildenvorsitzender und man sagte schließlich: Hinter jedem erfolgversprechenden Geschäftsvertrag stand eine feste Frauenfreundschaft.

Vielleicht konnten Charlotte und Lilian für die Zukunft nützliche Kontakte - auch für die Stadtwache - knüpfen.

Wenn Kenneth ehrlich war, musst er zugeben, dass er ganz zufrieden war. Mehr konnte er sich nicht vom Leben erhoffen. Charlotte war bei Weitem hübscher, als alle Frauen, die ihn je eines Blickes gewürdigt hatten - und wenn es nur ein abschätziger war - und die Tatsache, dass sie sich hin und wieder dazu herabließ in einem normalen Tonfall mit ihm zu sprechen, tröstete ihn darüber hinweg, dass Charlotte darauf bestand, in getrennten Schlafzimmern zu nächtigen und sie - das hatte er bereits mehrfach vorsichtig ausprobiert - es zudem pflegte Schlafzimmertüren generell hinter sich zu verschließen.

Kenneth gähnte und in seinem Fall war es ein Zeichen von Müdigkeit. Er war nicht hungrig und im Augenblick zu erschöpft um unten am Kiosk eine Pastete zu erwerben. Er schlief mit dem Putzlappen auf dem Gesicht - er spendete einen angenehme Kühle an einem heißen Sommertag wie heute - im Sessel ein.

*