Die Pferdekutsche hielt vor dem zweistöckigen Haus in Morpork, das Kenneth Fleischmeister von der Mitgift seiner Frau gekauft hatte.
Eine für den schwül-heißen Sommertag zu sehr verhüllte Person stieg aus der Kutsche und huschte um das Haus herum und glitt durch die Hintertür in das Haus, das nun von Fähnrich der Wache und der Tochter des Vorsitzenden der Diebesgilde bewohnt war.
Lilian und Charlott umarmten sich, als hätten sie sich jahrelang nicht gesehen: „Ich wäre fast eingegangen da oben ohne dich!", gestand Lilian.
„Und ich langweile mich zu Tode. Es gibt wirklich noch weniger zu tun, als wenn man unverheiratet ist.".
Lilian sah ihrer Freundin schief an: „Naja, wenn ich mir deinen Mann so ansehen, kann ich mir denken, was du meinst.".
„Ich brauche etwas Abwechslung, Lili. Irgendwas.".
Lilian grinste: „Ist Kenneth zu Hause?".
„Ich glaube, er ist auf eine Pastete oder zwei unten an dem kleinen Imbissstand.", antwortete Charlotte.
„Sehr gut! Dann sollten wir gleich loslegen, bevor er zurückkommt, was?".
„Also? Was hast du herausgefunden?".
„Charlotte, Schatz...", schallte es aus dem Wohnzimmer.
„So hat er mich nicht gerade genannt, oder?", knurrte Charlotte entsetzt.
„Ich finde das sehr romantisch.", kicherte Lilian.
„Was nimmt der sich eigentlich heraus? Ich meine...".
„...Kannst du mir etwas Geld... Was zum Toifel macht ihr da?".
Kenneth Fleischmeister stand plötzlich in der Küche, trug Schürze und Geschirrkopftuch und starrte unverwandt auf die ausgerollte Straßenkarte Ankh-Morporks, über die Lilian und Charlotte sich beugten.
„Wir... ähm...".
„Wir beschäftigen uns ein wenig mit Kriminalistik, Schatz.", sagte Charlotte süßlich, „Ich meine, ich muss doch wissen, was mein Mann den ganzen Tag oder die ganze Nacht so treibt.".
„Da habt ihr aber sehr genaue Informationen.", bemerkte Kenneth, „Ich weiß nicht, ob der Hauptmann über so eine präzise Karte verfügt. Mit Namen. Und monatlichem Einkommen in der Legende.".
„Deshalb ist ja auch Lilian gekommen. Sie verfügt über das größte Archiv Ankh-Morporks. Ich hatte mir überlegt, dass wir vielleicht auch einen Beitrag leisten könnten, wenn ihr... Ihr sucht immer noch nach diesem Dieb, was?".
„Ja.", entgegnete Fleischmeister zerknirscht.
„Naja, mein Vater sucht ebenfalls nach ihm und ich hatte gehofft, dass ihr vielleicht mit ihm zusammen arbeiten könntet.", warf Charlotte ein, während Lilian ein weiteren Stück Pergament unter dem Tisch versteckte und sich Schweißperlen auf ihrer Stirn bildeten.
„Das würde der Hauptmann nicht tun, da bin ich sicher.", erklärte der Fähnrich und fügte pflichtbewusst hinzu, „Leider.".
„Wir haben ein wenig recherchiert und die bisherigen Einbrüche auf der Karte markiert. Glaubst du, dass da ein System dahinter steckt?", fragte Charlotte und starrte ihren Mann mit großen, naiven aber wissbegierigen Augen an.
„Nein. Ich glaube nicht. Ich glaube, ihr solltet das lieber den Profis überlassen. Nichts für ungut.", sagte Fleischmeister und griff sich galant ans Küchentuch, grüßte Lilian mit einer angedeuteten Verbeugung, „Charlotte, Schatz. Ich bräuchte noch etwas Geld um...".
„Ah! Natürlich. Warte.", Charlotte wandte sich um und verließ die Küche, stapfte die Treppe hinauf.
Lilian und Kenneth, die sich unten anschwiegen und rot anliefen, hörten, wie Charlottes Schlafzimmertür aufschnappte.
Als sie wieder hinunter kam, hatte sie ihr Schlafzimmer hinter sich abgeschlossen und den Briefcouvert mit Kenneth Sold zurück in ihrer Kommode verstaut. Sie hielt ihrem Mann einen grünen Schein hin: „Hier. Vertreib dir den Abend!".
Sie lächelte und Kenneth' Gesicht erreichte neue Rekorde, was die Intensität der Rotfärbung anging. Es nahm etwa den Farbton eines gekochten Hummers an.
Als Kenneth in Schütze und mit Kopfschmuck, leicht schwankend um mit verklärtem Gesichtsausdruck die Küche durch die Hintertür verließ, atmeten Lilian und Charlotte simultan aus.
„Du sagtest, er wäre nicht da!", zischte Lilian.
„Das dachte ich. Ist ja auch egal, der kriegt sowieso nichts auf die Reihe. Kannst unbesorgt sein. Der hat alles abgekauft.".
„Die dummes-Mädchen-Nummer?".
„Zieht bei derartigen Typen immer! Beschützerinstinkt oder so.".
„Du glaubst, sie alle zu durchschauen, oder?".
„Das ist nicht besonders schwer, oder?".
„Das sagst du. Ich hab keine Ahnung, was bei Männern im Kopf passiert.".
„Nicht viel. Das ist es ja gerade. Das alles ist so langweilig.".
„Du findest alles langweilig, Charlotte.".
„Ich weiß nicht, ob ich da zu viel verlange, aber ein bisschen Selbstbeherrschung könnte da schon mein Interesse wecken. Leider sind Männer in der Beziehung in eine Art evolutionäre Sackgasse geraten.", sagte Charlotte uns lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und warf sich die Hände in den Nacken um verträumt zu seufzen, „Weißt du, das einzige, was mich noch aufheitert, sind unsere kleinen Treffen.".
„Findest du das nicht sehr gefährlich? Ich meine, du hast ja eben gesehen, was passieren kann. Im Moment ist er noch blind vor Liebe, aber in ein paar Monaten wird sich das gelegt haben.".
„Dann wird er nur noch blind sein. Blind und dumm. Oder aber blind vor Dummheit. Lili, du kannst dir das nicht vorstellen. Jeden Tag das gleiche! Jeden Tag stehe ich auf und ich weiß, dass nichts passieren wird! Jedem Messerschwingenden Mörder, der mich im Badezimmer erwischen würde, wäre ich dankbar! Gönn mir doch das kleine Bisschen Gefahr!".
Eine kurze Zeit der Stille war gleichermaßen unangenehm für Charlotte wie auch für Lilian.
Letztere sprach nun aus, was Charlotte nicht denken gewagt hatte: „Charlotte, ich finde, wir sollten damit aufhören. Langsam wird es zu groß. Alle suchen nach uns.".
„Nein, sie suchen nach mir! Und es gefällt mir, gesucht zu werden.", erwiderte Charlotte.
„Das meinst du nicht ernst! Du sollst aufhören, immer diese Sachen zu sagen, die du nicht so meinst!".
„Ich meine es bitterernst! Wenn ich damit nicht weitermache, kann ich ja gleich in einen Kochkurs gehen und Marmorkuchen backen lernen!", sagte Charlotte und klang tatsächlich etwas verzweifelt, jedoch zu keinem Zeitpunkt unkontrolliert.
„Dann sorg dafür, dass dieser Wachmann aus dem Haus kommt. Und wenn sie dich erwischen, habe ich dich nie getroffen!".
„Keine Sorge. Den Triumph würde ich nicht mit dir teilen wollen.", Charlotte lächelte ihr hintergründiges Lächeln, das unergründliche Gedanken verbarg, die nur sie kannte - und das war das Drama ihres Lebens.
„Wie wäre es, wenn du die Dienste eines ordentlichen Assassinen in Anspruch nähmest? Der würde das Problem recht schnell aus der Welt schaffen und das ohne einen schmutzigen Finger zurück zu behalten. Du spielst einen Monat die trauernde Witwe und ziehst dann zurück nach Hause.".
Charlotte antwortete nicht.
*
