Das Morgengrauen war nicht Charlottes liebste Tageszeit, aber sie garantierte, dass sie weder zu Hause noch auf den Straßen auf ihren Mann treffen konnte. Der lag derzeit müde und abgekämpft in seinem Bett und schlief vermutlich.

Auf den Straßen hingegen erwachte das Leben, zumindest wechselte es sein Erscheinungsbild.

Schichtwechsel. Gauner, Streuner und zwielichtige Geschäftsleute tauschten mit nur marginal weniger zwielichtigen Geschäftsleuten, Marktschreiern und Straßenpredigern. Einmal begegnete Charlotte einem Bettler oder einem verwirrt herumirrenden Alchimisten auf der Suche nach Utensilien, die bei der letzten Explosion ihren Aufenthaltsort verlegt hatten, einmal beobachtete sie einen Studenten der unsichtbaren Universität, der es in der letzten Nacht nicht geschafft hatte die thaumaturgischen Hindernisse, welche mit dem Einsetzen der nächtlichen Ausgangssperre, über den Campus gelegt wurden - es handelte sich um unsichtbare Mauern, Fallen und äußerst unangenehme, weil bloßstellende Flüche - erfolgreich zu umgehen, nun unterwegs zu den ehrwürdigen Hallen der Universität war und unentwegt „Ohneinohneinohnein! Siewerfenmichraus! Daswars! Ohneinohneinohnein!" vor sich hin murmelte.

Charlotte richtet ihren Blick auf die Straße, blickte nicht nach oben, damit sich nicht Gefahr lief gesehen, erkannt und gegrüßt zu werden.

Obwohl der Morgen erst im Grauen begriffen war, lag bereits einen enorme Hitze über Ankh-Morpork. Zum Teil handelte es sich um die übriggebliebene Hitze des Vortages zum Teil hatten sich bereits neue Hitzepartikel in der Senke um den Fluss herum gesammelt, rieben sich die Hände und lachten: „Heute werden wir es ihnen zeigen!".

Charlotte eilte über die Königsbrücke hinüber nach Ankh.

Seltsam, dachte sie, je länger ich allein darüber nachdenke, desto weniger habe ich das Bedürfnis.

Charlotte war sich durchaus bewusst, dass sie drauf und dran war, Lilians Vorschlag zu befolgen und es gefiel ihr nicht, eine Entscheidung nicht selbst gefällt zu haben. Es fühlte sich immer an wie einen Fehler zu begehen.

An das Haus der Assassinengilde konnte man nicht einfach anklopfen. Wer hier vorstellig werden wollte, musste beweisen, dass er es ernst meinte und das Gebäude auf einem komplizierteren Weg als durch die Tür betreten.

Charlotte jedoch fiel es leicht, an dem rauen Außenputz des Hauses hinauf zu klettern und sich aufs Dach zu schwingen, sobald sie die Regenrinne erreicht hatte.

Diesen Teil ihrer Arbeit hatten Assassinen mit Dieben gemeinsam. Doch dann entfernten sich die Weltanschauungen auch schon wieder.

Charlotte saß vor dem Schreibtisch des Gildenvorsitzenden. Sie kannte den Namen nicht, aber das tat auch nichts zur Sache. Selten hielt sich ein Vorsitzender länger als einen Monat in seiner Position. Vorsitzende einer Gilde waren nicht zwingend Meister in ihren Fächern und vor allem in der Assassinengilde merkte man schnell, dass es die reinste Verschwendung was die besten Meuchler auf den Sitzplatz hinter den Schreibtisch zu verbannen. Zumeist fand man hier gescheiterte Auszubildende oder unliebsame Verwandte der einflussreichen Meuchler.

„Was können wir für dich tun, junge Dame?", fragte der kleine, rundliche, rotbäckige Mann gönnerhaft. Sein Gesicht gleich einem Klumpen Hefeteig und es schien aufzugehen, jedesmal, wenn er lächelte.

„Ich bin nicht sicher, ob ich eure Dienste wirklich in Anspruch nehmen soll.", antwortete Charlotte wahrheitsgemäß.

„Wieso das denn?".

„Es ist nicht meine Idee gewesen.".

„Ich kann dir nur raten, dir darüber klar zu werden, was du willst. Einmal entschieden, ist es unmöglich das Ergebnis rückgängig zu machen.", erklärte der Assassine.

„Was können sie mir anbieten?".

„Wir morden grundsätzlich diskret und subtil. Von uns kannst du keine Amokläufe erwarten. Auch keine schmervollen, langwierigen Tode. Ich könnte einen leichten Giftmord empfehlen. Da es dein erster Auftrag ist, bekommst du einen Rabatt auf einen Wurfmessermord auf der Straße. Das hat den Vorteil, dass er in deiner Wohnung keinen Dreck hinterlässt. Die Entsorgung von Blut und Zielsubjekt übernimmt die Gilde für einen kleinen Aufpreis.", zählte der Meuchler auf und überlegte, als er geendet hatte, ob er nicht noch ein Sonderangebot vergessen hatte, „Wenn ich fragen, darf: Wer ist denn der zu Inhumierende?".

„Mein Ehemann.", sagte Charlotte leise und blickte fast verschämt unter sich.

„Ah! Wenn das so ist... In dem Fall gilt unser Witwen-Sondertarif. Eine Pauschale. Ein Standardauftrag mit Festpreis. Fünfundzwanzig Dollar. Für Siebenundzwanzig erhältst du zusätzlich einen angemessenen Trauerflohr, den du auch bei zukünftigen Aufträgen verwenden kannst.", plauderte der Teigmann.

„Hmm.", sagte Charlotte, „Ich bin nicht sicher, ob ich überhaupt...".

„Für dreiundzwanzig Dollar überlassen wir die Beseitigung des Zielsubjektes dem Auftraggebers.", der Mann begann zu schwitzen und wischte sich mit einem Taschentuch die Stirn ab.

„Ich glaube, du missverstehst mich.", begann Charlotte, „Ich weiß noch nicht, ob ich meinen Mann... inhummieren lassen will.".

„Wir könnten ihn auch nur fast inhummieren, wenn du ihm noch eine Chance geben willst. Ein Schuss vor den Buk sozusagen. Oder ein Drohbrief?", schlug der Vorsitzende vor und wischte sich erneut die Stirn. Sein ganzes Gesicht glänzte nun von Schweiß und er kam mit dem Wischen nicht mehr nach. Das Taschentuch triefte bereits, „Entschuldige bitte. Der Kaffee und die Hitze. Das ist nicht mein Klima.", er lächelte gequält, was Charlotte unsicher erwiderte.

„Ich glaube, ich könnte mit den Selbstvorwürfen nicht leben.", murmelte Charlotte und biss sich verlegen auf die Unterlippe.

„Keine Sorge, Misses. Garantie, Schuld, und Risiken übernehmen wir. Ist im Preis inbegriffen.".

„Ich fürchte, ich werde mit ihm leben müssen.", sagte Charlotte und blickte auf und strahlte plötzlich, „Danke, dass ich mit dir sprechen konnte!".

„Nicht einmal ein Drohbrief? Unser Siegel wird ihn bestimmt zur Vernunft bringen!", ereiferte sich der Meuchler.

„Nein, ich glaube meine Blicke sind Drohung genug.", sagte Charlotte, „Ich glaube trotzdem, dass du mir geholfen hast. Was bekommst du für das Beratungsgespräch?".

„Gnaah...", der Mann würgte plötzlich und griff sich an den Hals.

„Alles in Ordnung?", fragte Charlotte.

„Gnaargh!".

„Wirklich?".

„!".

„Der Ausgang ist da oben, richtig? Und dann übers Dach?".

„Urgh!".

„Danke! Auf Wiedersehen.".

„Ziiihpff!".

Die Lunge des Meuchlers war angeschwollen wie ein Blasebalg, ließ Luft hinein, jedoch nicht mehr hinaus. Er kannte die Symptome von seiner Ausbildung.

Das Gift war sehr wertvoll und teuer und er fühlte sich geschmeichelt, dass er es seinen Kollegen so viel wert war.

Er rutschte von seinem Stuhl und blieb reglos liegen, bis er einen Schatten über sich wahrnahm, der sich mit dem zunehmenden Schwinden seiner Sinne als schlanke, hochgewachsene Gestalt in einem schwarzen Kapuzenumhang entpuppte.

„Meistens passiert es, wenn man es am wenigsten erwartet, was?", sagte er.

DAS IST KEINE KUNST. NIEMAND ERWARTET ES WIRKLICH.

„Nun, in meinem Metier ist das ein Berufsrisiko. Man muss immer damit rechnen, dass ein Auszubildender sich einmal ausprobieren will. Ich war ja früher nicht anders.".

FASZINIEREND.

„Bei mir hat es nur nicht geklappt. Würde mich mal interessiere, wer es geschafft hat. Ihr steht garantiert eine steile Karriere bevor.".

IN EUREM METIER BEDEUTET STEIL MEIST AUCH KURZ, KÖNNTE ICH MIR DENKEN.

„So ist es. Aber es handelt sich ja auch nicht um eine gewöhnliche Arbeit. Meucheln ist eine Berufung.".

WIE DEM AUCH SEI, WENN DU MIR JETZT BITTE FOLGEN WÜRDEST?

„Natürlich, sicher bist du sehr beschäftigt.".

JA. MEINE ARBEIT DULDET KEINEN AUFSCHUB, SO GERNE ICH HIER WEITER MIT DIR PLAUDERN WÜRDE.

„Verstehe ich vollkommen. Du kannst mir nicht zufällig sagen, wer diese entzückende junge Dame vorhin war? Kam mir recht bekannt vor... Vielleicht könnte ich ja jetzt, wo ich tot bin ein wenig spuken...".

TUT MIR LEID, DAS LEBEN DER STERBLICHEN ÜBERSTEIGT DEIN DERZEITIGES WIRKUNGSSPEKTRUM.

„Schade, wirklich.".

KOMM JETZT.

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