Endlich allein, dachte Mumm und blendete den Gedanken aus, dass er sich die meiste Zeit ohne allein irgendwo befand.
Er atmete durch und stützte sein Kinn in seine Hände, während er die Ellenbogen auf dem Tisch abstützte.
Nach einer längeren Periode ohne Einbrüche hatte der Hauptmann gehofft, die Sache hätte sich von allein erledigt. Nun, jedoch, war alle Hoffnung dahin. Es hatte wieder einen Einbruch gegeben und er war sich sicher, dass es nicht der letzte gewesen sein würde.
Der Dieb hatte sich bisher nur Ziele auf Ankh ausgesucht, besonders reiche, Häuser und alle nicht weit von einander entfernt. Alle sogar in unmittelbarer Nähe des Wachhauses. Eine Provokation, ohne Zweifel!
Mumm konnte sich nichts vormachen, er hatte keinen blassen Schimmer, keine Anhaltspunkte, keine Spuren.
Die Einbrüche zeichneten sich dadurch aus, dass man auf den ersten Blick nicht ersehen konnte, dass ein Einbruch stattgefunden hatte. Die Wohnungen waren nicht durchsucht, keine Türen oder Fenster aufgebrochen. Niemals wurde auch nur ein Schatten gesehen. Der Dieb musste ganz genau wissen, wonach er suchte und er musste genau wissen, wo es sich befand, und wie man dort am besten und zur besten Zeit herankam.
Er besaß derartige Informationen?
Außerdem ergaben sich durch die ausgesprochene Gründlichkeit des Diebes noch ganz andere Probleme für die Ermittler der Wache und der Diebesgilde: Dass ein Einbruch stattgefunden hatte wurde erst festgestellt, wenn nach Schmuck oder dem gesparten Geld gesucht wurde. Man bemerkte den Diebstahl erst, wenn man erkennen musste, dass sich die gesuchten Gegenstände nicht mehr an dem Ort befanden, an dem man sie zurückgelassen hatte.
Der Zeitpunkt des Diebstahles konnte also in den meisten Fällen nicht genau ermittelt werden. Es konnte sein, dass bereits Tage vergangen, ehe auffiel, dass in der Wohnung etwas fehlte.
Mumm ging einige Möglichkeiten durch:
Er konnte versuchen einen Undercover-Agenten in die Diebesgilde einzuschleusen, falls es sich tatsächlich um einen ausgebildeten Dieb handelte, der nun auf eigene Faust agierte.
Dann erinnerte er sich an die potentiellen Agenten, die ihm zu Verfügung standen:
Feldwebel Colon. Mumm schüttelte den Kopf und strich ihn von seiner imaginären Liste. Er war nicht geschickt genug und ein mieser Schauspieler - Er erinnerte sich mit Schaudern an die letztjährige Wohltätigkeits-Laienvorstellung der Wachleute am Hof von Ankh. Colon hatte in „Gretalina und Mellias" Wächter Nummer 2 gegeben und obwohl es sich nicht einmal um eine Sprechrolle handelte und er nur für drei Minuten auf der Bühne gestanden hatte, ehe man ihn überwältigte, hatte er es geschafft, zu stolpern, die Kulisse mit sich zu reißen, den Text zu vergessen und einem Wächterkollegen aus der Palastwache die Federn vom Helm zu reißen, als er versuchte sich im Sturz daran festzukrallen. Eine äußerst peinliche Vorstellung, erinnerte sich Mumm, noch Monate später lachte man bei Hofe darüber.
Nur Lord Vetinari lachte nicht, er war bei jeder Vorstellung nicht anwesend gewesen. Ein schwacher Trost.
Korporal Nobby. Mumm schüttelte energischer den Kopf. Diesen Gesicht war so markant, dass man es immer erkennen würde, ob es sich nun in den Reihen der Diebe oder bei der Palastwache befand. Nein, Nobby war sicher nicht als Spion geeignet. Er war außerdem nicht vertrauenswürdig genug. Wenn er feststellen sollte, dass die Diebe größere Erfolgschancen besaßen, reicher oder sonstwie seinem persönlichen Vorteil zuträgliche als die Wache würde er nicht zögern die Seiten zu wechseln.
Gefreiter Karotte. Mumm schüttelte langsam und mitleidig den Kopf. Zu naiv, zu ehrlich, kannte nicht einmal die Bedeutung einer Lüge. Der Junge war einfach zu gut.
Fähnrich Fleischmeister. Mumm grinste grimmig. Nein! Keine Alleingänge von Fleischmeister! Zu gefährlich! Der Typ war zu dumm, zu einfach gestrickt und zu leicht zu provozieren. Er hatte sich nicht im Griff und das könnte ihm zum Verhängnis werden. Mumm schwankte. Vielleicht sollte er doch?
Andererseits war nicht erwiesen, dass eine derartige Mission überhaupt Sinn machen würde. Es war schließlich nur eine Spekulation, dass es sich bei dem Katzeneinbrecher um einen Gildendieb handelte.
Er konnte außerdem versuchen, den Dieb auf frischer Tat zu ertappen, Patrouillen aussenden und die Straßen sichern.
Jedoch wusste Mumm, dass es ich hier um einen besonders schlauen Verbrecher handelte, der sich sicher nicht so leicht erwischen lassen würde. Patrouillen... Das fand er je selbst schon fast lächerlich. Ein Zeichen der Verzweiflung.
Mumm schwieg. Mündlich wie im Geiste.
Ihm waren die Ideen ausgegangen.
Es wusste nicht, wo er suchen sollte, aber er wusste, dass sich der Dieb nicht zufällig finden lassen würde.
Er würde sich nicht einfach zeigen.
Es sei denn...
...man konnte den Dieb irgendwie anlocken. Dazu brauchte er einen Lockvogel. Einen sicheren Lockvogel. Einen nicht zu offensichtlichen Lockvogel. Einen Lockvogel, dem kein Dieb widerstehen konnte.
Und an dieser Stelle versagte Mumms Vorstellungskraft. In Verbrecher, ihre Denkweisen, ihre bevorzugten Ziele konnte er sich nicht hineinversetzen. Es kam ihm unmoralisch vor.
Und so lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück und legte die Beine auf seinen Schreibtisch. Er schloss die Augen und versuchte sich durch Schlaf abzulenken. Unangenehmes stand ihm bevor.
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