Einer der letzten strahlenden Tage des Jahres. In Ankh-Morpork waren strahlende Tage selten und so tummelte sich heute eine quirlig Masse in den Gassen und auf den Marktplätzen. Vielleicht war dies der letzte regenlose Tag es Jahres.
Lilian und Charlotte schlenderten Arm in Arm durch die Einkaufstraßen von Ankh. Hier in den gehobenen Läden der Stadt war nicht so viel Betrieb, da es nicht so viele Bürger gab, die sich die Waren in diesen Geschäften leisten konnten.
Dennoch nutzten viele stattlichen Damen das angenehme Klima um sich ein Kleid zu kaufen, dass weniger ein Kleid, sondern eher eine Erscheinung. Jede wollte das aufregendste Kleidungsstück und die teuersten Schmuckstücke für sich, damit sie auf der Party jedem in Erinnerung bleiben würden.
Charlotte und Lilian wussten, dass sie wirklich jedem in Erinnerung bleiben würden.
„Ich suche nach etwas praktischem.", erklärte Charlotte, „Ich mag diese Korsagen und Fischbeine nicht. Ich möchte beweglich sein.".
Die Schneiderin lachte: „Fräulein, ist das euer ernst? Eine Taille kann nicht schmal genug sein. Ich denke, das ist in dieser Saison das allerwichtigste.".
„Ich bin gerne progressiv.", erwiderte Charlotte und Lilian wand den Blick beschämt ab.
„Na schön, wie ihr wollt. Was sagt ihr zu diesem grünen Stoff? Er würde hervorragend zu euren Augen passen.".
Charlotte prüfte den Stoff mit zwei Fingern: „Was könntest du daraus schneidern?".
„Ich dachte an ein schulterfreies Langkleid. Unten ein wenig ausgestellt.", die Schneiderin fertigte eine kurz Skizze an und bewies dabei ungeahntes zeichnerisches Talent, das erklärte, wie diese verhutzelte, alte Frau es bis hierher nach Ankh geschafft hatte.
„Mach einen Schlitz rein, ja?!", sagte Charlotte, als sie sich die Zeichnung angesehen hatte. Sie nahm sich den Stift und machte einen entschlossenen Stich: „Bis dahin.".
Die Schneiderin schaue durch ihrer Brille zu Charlotte hinauf: „Wie ihr wünscht. Lasst mich nur kurz Maß nehmen.".
Charlotte ließ es sich gefallen, dass man mit Maßbändern um sie herum scharwenzelte, Zahlen notierte und folgende Bemerkung an sie gerichtet wurde: „Ich weiß ja nicht, ob sich das für eine verheiratete Frau gehört. Das gehört sich ja noch nicht einmal für eine...".
„Ich bezahle sie nicht für ihre Kommentare.", schnappte Charlotte und schritt von der Markierung auf dem Boden, an der am heutigen Tage bereits diverse Damen ausgemessen wurden.
„Und was darf ich Euch anbieten?", fragte die Schneiderin schließlich, Charlotte ignorierend.
„Oh.", erwiderte Lilian, „Was ist mit diesem blauen Stoff. Das Schimmern ist...".
„Eine neue Webtechnik. Revolutionär. Ich bin die einzige, die ihn anbieten kann und das noch zu einem annehmbaren Preis. Glaubt mir, damit seid ihr der Mittelpunkt der Party. Ich könnte eine Korsage einnähen und die Nähte verzieren.".
„Ja, gerne.", sagte Lilian und lächelte.
Charlotte stand abseits daneben und zog eine skeptische Schnute.
„Und dazu hätte ich diese tollen, blauen Schuhe.", die Schneiderin zeige sie vor und ließ sie von Lilian genau betrachten.
„Könnte man den Absatz etwas erhöhen?".
„Aber sicher. Ich bringe ihn gleich rüber zum Schuhmacher.", sagte die Schneiderin fröhlich. Und zog eine Nadel aus ihrem Nadelkissenhut, „Dann lasst uns den Stoff abstecken!".
„Charlotte, du bist seltsam.", sagte Lilian, als sie die Schneiderei verließen, „Nicht, dass ich es nicht schon immer gewusst habe, aber was soll das?".
„Was?", erkundigte sich Charlotte.
„Wen willst du beeindrucken?".
„Niemanden.", sagte Charlotte.
„Das ist eine Lüge!", wusste Lilian.
„Nein, wirklich. Ich mag einfach Bewegungsfreiheit.".
„Du bist verheiratet und dein Mann wird nicht da sein und du hast einen Schlitz im Kleid bis...", echauffierte sich Lilian.
„Ich muss beweglich sein, wenn ich... Weißt du, ich muss die Kleider schnell wechseln können und das geht, bei diesen engen Kleidern. Ich denke nur praktisch. Du kannst ja tragen, was immer du möchtest, aber ich...", erklärte Charlotte.
„Du machst mir nicht weiß, dass du nicht noch eine andere Absicht hast. Ich meine, wie kommst du überhaupt auf die Idee auf dieser Feier irgendwelche fetten Weiber zu beklauen?".
„Lilian, jetzt enttäuschst du mich!", sagte Charlotte, „Ich dachte, ich hätte dir deutlich erklärt, das Klauen nicht das selbe ist wie du Kunst des Diebstahls. Es ist eine feine Kunst, beruhend auf absoluter Körperbeherrschung und...".
„...Perfekter Planung.", vervollständigte Lilian den Satz, „Ich weiß.".
„Ich sehe es als eine Art Projekt an. Wann bekommt man schon mal die Chance gleich so viele Leute auf einmal zu bestehlen?", plauderte Charlotte.
Die beiden flüsterten, denn sie waren immer noch auf den belebten Straßen unterwegs.
„Soll ich dich nach Hause fahren?", fragte Lilian, als sie bei ihrer Kutsche und dem rauchenden Kutscher, der sein halbes Leben mit Warten verbrachte, angekommen waren.
„Ja, das wäre nett.", erwiderte Charlotte und warf dem Kutscher einen freundlichen Blick zu. Deshalb sah sie nicht, dass sich Lilians Stirn in Falten legte. Sie kannte ihre Freundin zu gut um nicht zu wissen, dass sie gerade gelogen hatte.
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