Es dämmerte. Pferde wieherten in panischer Platzangst. Die Straße vor der Villa Bleichfuß war vollgestopft mit Kutschen, eine prächtiger als die andere. Die meisten waren gemietet und gehörten einem windigen Geschäftsmann drüben in Sto Lat, wo Mieten und Verbrechensrate niedrig waren, der jedes Jahr zum Ende des Sommers gezielt Werbezettel an ausgewählte Familien verteilen, von denen er wusste, dass sie die Schmach zu Fuß auf das Fest der Feste zu gehen, nicht auf sich liegen wissen wollten.

Offiziell würde niemand zugeben, die Juwelen, die Kleider und die Kutschen - in einigen Fällen sogar die Perücken - geliehen zu haben. Es konnte die Einladung für das nächste Jahr kosten.

Inoffiziell war es Gang und Gäbe sein Leben auf Kredit zu führen. Wieso sollte man eigenes Geld ausgeben, wenn es da verrückte Leute gab, die sich darum rissen ihnen etwas zu leihen, in der Hoffnung irgendwann einmal Zinsen verlangen zu können, die man in manchen Fällen nun schon in der dritten Generation erfolgreich hinauszögerte, was die Gläubiger seltsamerweise ihre Hände reiben ließ. Sie wussten, ihre Zeit würde kommen. Das dachen sie, während sie selbst in der dritten Generation in einer halbverrosteten Blechhütte hausten. Das Banksystem von Ankh-Morpork befand sich noch in der experimentallen Phase, die geschickten Darlehensnehmern ein ruhiges und wohlsituiertes Leben bot, während dumme Kreditgeber sich selbst in den Ruin trieben.

Aus den geliehene, auf Hochglanz polierten Kutschen stiegen gewaschene und rasierte Herren, in Anzügen, sowie Damen in opulenten Kleidergebilden, die eher an moderne Kunst, als an praktische Bekleidung erinnerten.

Man sah den Gehweg vor lauter Hüten und Federn nicht mehr.

Jedes angenehme Abendgeräusch wurde übertönt von schrillen Begrüßungsrufen, scheinheiligem Geschmatze auf linke und rechte Wangen, sowie klackerndem Stöckelschuhgetrippel auf Kopfsteinpflaster.

Die Villa Bleichfuß befand sich außerhalb von Ankh, lag in der Nähe des Flusses, der an dieser Stelle jedoch nicht verschmutzt sondern die ungewöhnliche Farbe Blau besaß. Erst hinter den Hügeln erreichte der Ankh die Stadt, wo seine Farbe metamorphierte und das Wasser ein gesundes Braun annahm.

Vereinzelt schälten sich Worte aus dem Gekreische der sich begrüßenden Damen:

„Hast du gehört? Es soll ein Feuerwerk geben!".

„Wir haben uns aber schon lange nicht mehr gesehen. Was könnte der Grund dafür gewesen sein?".

„Du siehst heute wirklich entzückend aus!".

„Das ist ein Kleid aus Al Khali. Seht nur den feinen Stoff!".

„Und er hat tatsächlich ein Dienstmädchen geheiratet?"

„Sollen wir nicht hinein gehen? Theodor erwartet und sicherlich schon.".

Diesem Ruf folgte die Masse langsam wie ein Regenwurm, der sich auf Beton wand und vorwärts zu kommen versuchte. Sie schlängelte sich durch ein eiserenes Eingangstor uns fanden in Innenhof des Hauses die gedeckten Tische, eine Tanzfläche und einen mit bunten, magischen Lichtern geschmückten Springbrunnen vor.

Wie jedes Jahr hatte Theodor Bleichfuß sich selbst übertroffen. Nichts mehr wurde von ihm erwartet.

Üppige Blumenbouquets schmückten die Tische. Vor jedem Sitzplatz stand eine Tischkarte und ein Suppenteller, daneben jedoch befand sich jeweils ein ganzes Arsenal von Besteck, der jedem nicht eingeweihten Schweißperlen auf die Stirn getrieben hätte. Selbst der Vorgang des Essens verlange die Gewährung der Etikette.

Eine kleine Kapelle, bestückt mit Blasinstrumenten, die früher einmal zu den Köpfen bemitleidenswerter Ziegen gehört hatten, stand auf einem erhöhten Podest neben der Tanzfläche, die aus einem Parkettboden - ausgelegt auf dem Rasen des Innenhofs - bestand. Auch die Musiker waren mit Blumen dekoriert.

Einige dienstbare Geister verteilten Gläser mit Schaumwein an die Gäste, die den Servicekräften mit geschickter Beharrlichkeit überall, wo es nur ging, im Weg standen.

Mumm stand der Schweiß auf der Stirn. Das Glas in seiner Hand zitterte so stark, dass er den Großteil seines Inhalts auf dem Rasen verteilte.

Noch hatte sich niemand groß für ihn interessiert, doch das beruhigte ihn nicht wirklich.

Bemerkungen wie „Habt ihr draußen die Diebe gesehen?" und „Hab gehört sie haben Wächter aufgestellt. Dieses Jahr müssen wir uns wohl etwas zurückhalten." waren bereits gefallen.

Feldwebel Colon und Korporal Nobbs hatten ihre Posten eingenommen und schlichen wenig motiviert an den Wänden des Innenhofs entlang, nicht wissend worauf genau sie ein Auge werfen sollten.

Die beiden Wächter sahen aus wie zwei geprügelte Hunde. Colon war von seiner Frau in die Uniform und den Brustharnisch geschnürt worden, damit er zum ersten mal in seiner Karriere bei der Wache ordentlich aussah. Außerdem schien das Haar, das unter dem am Kinn festgeschnallten Helm gewaschen und gekämmt zu sein.

Nobby hatte seinen Harnisch poliert und sein Gesicht gleich mit. Seine Zähne waren geputzt und ein ungewöhnlicher, minzfrischer Geruch ging von ihm aus. Er grinste von unten herauf die Herrschaften an, die zu nahe an ihm vorbei stolzierten. Niemand schien jedoch Notiz von ihnen zu nehmen.

Gefreiter Karotte und Fähnrich Fleischmeister patrouillieren in den Fluren und Gängen des Hauses.

Mumm hatte sie noch nicht gesehen, seit er auf der Feier angekommen hatte. Aber er war sich sicher, dass Karottes Harnisch heller glänzte als die Sonne.

Was Fleischmeister betraf, was Mumm sich noch immer nicht sicher. Seine Pflicht würde er bestimmt mit vollem Eifer erfüllen, aber er zweifelte an seinem Feingefühl für die angemessene Sauberkeit.

Mumm sah an sich selbst hinunter. Sein Anzug war ihm einige Nummern zu klein. Er hatte Hochwasser in der Hose und sein Jackett konnte er nur offen tragen. Er hatte den Anzug irgendwo ganz unten in einer modernden Holzkiste in einer Zwischenwand seiner Wohnung gefunden. Es konnte gut sein, dass sie noch dem Vormieter gehört hatte. Mumm selbst konnte sich nicht erinnern, solche Kleidung je besessen zu haben.

Wenn er sich so betrachtete, wünschte er sich doch ein wenig mehr Zeit mit der Wahl seines Outfits verbracht zu haben.

Er fühlte sich nackt ohne Helm und unsicher ohne Kettenhemd. Außerdem schmerzten seine Füße in Schuhen, die ebenfalls aus der mysteriösen Kiste stammten und entsprechend mehrere Nummern zu klein waren und seinen Zehen nicht die gewohnte Luftzufuhr boten, die sie von den zur Uniform gehörenden Sandalen gewohnt waren.

Und dann verstummte die Masse der plaudernden Gäste.

Nachdem die letzte Mietkutsche irgendwo in der Nähe einen Rastplatz aufgesucht hatte, traf nun ein Gefährt ein, das mehr zu repräsentieren verstand als alle anderen Gäste zusammen zu repräsentieren gehabt hatten.

Sie war nachweisliches Eigentum der Insassin und gehörte zu den bekanntesten Vehikeln die durch Ankh-Morpork unterwegs waren. Die Repräsentantinnen zweier der wichtigsten Gilden der Stadt fuhren vor.

Die Kutsche war offen und deshalb windschnittiger als die meisten altmodischeren Modell. Sie war weiß und zeigte dezente Verzierungen an den Türen, die wahrhaftig auf Reichtum hinwiesen, auf Reichtum, der es nicht mehr nötig hatte zu protzen.

Gezogen wurde das Gefährt von zwei gescheckten Pferden, die zwar nicht besonders edel, dafür aber neben all den heißblütigen Hengsten der anderen Gäste, einzigartig und unverwechselbar aussahen.

Drinnen saßen zwei junge Damen, die den dramatischen Auftritt liebten und bis zu Perfektion beherrschten.

Charlotte Freemont und Lilian Craine kamen wie es ihrem Stand entsprach zu spät und nun mussten alle darauf warten, bis die beiden ihr Glas Sekt geschlürft hatten, ehe sich alle auf ihr Plätze am Tisch setzen konnten.

Sofort scharte sich eine Gruppe um Lilian, die den besonderen Stoff ihres Kleides vorführte. Etwas abseits stand Charlotte und ließ ihren Blick über die Horde der Gäste schweifen, ehe sie das entdeckt hatte, was sie gesucht hatte. Man merkte es ihr kaum an, aber ihr Blick schien um ein Minimum zufriedener geworden zu sein. Sie führte ihr Glas zum Mund und trank es mit einem Zug aus.

Sofort bahnte sich eine aufmerksame, junge Frau mit einer staubigen Weinflasche ihren Weg zu Charlotte: „Darf es noch etwas sein?", fragte sie höflich.

„Ja, gerne. Vielen Dank.", erwiderte Charlotte und beugte sich verschwörerisch zu dem Dienstmädchen herüber, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern.

„Ich werde sehen, was sich einrichten lässt.", sagte das Mädchen anschließend und lief puterrot an.

Charlotte nickte und nippte kurz an ihrem gefüllten Sektglas, lächelte ein Lächeln über die Köpfe der anderen Personen hinweg, das vermuten ließ, dass ihre Gedanken sich nicht mehr nur mit den Geschehnissen im Hier und Jetzt beschäftigten.

Und endlich trat durch die Tür der Gastgeber des Festes.

Theodor Bleichfuß war ein Exzentriker. Er liebte das Bunte, das Überladene und das Überdimensionale. Er war zu Geld gekommen, als er Dame ehelichte, die zum Zeitpunkt der Hochzeit eine Körpertemperatur von 42 Grad aufwies und nur kurze Zeit nach ihr die Temperatur des kühlen Untergrund der Sto-Ebene annahm. Er beharrte, dass es sich um die einzige, wahre Liebe seines Lebens gehandelt hatte. Konsequenterweise waren bisher keine Beziehungen zwischen Bleichfuß und irgendwelchen Damen bekannt geworden. Es gab allerdings Gerüchte, dass hin und wieder seltsam anmutenden Gärtner in der Villa Bleichfuß angestellt wurden, die dann nie ihm Garten bei der Arbeit gesehen wurden.

Bleichfuß setzte ein fröhliches Grinsen auf und prostete seinen Gästen großspurig zu. Dann setzte er zu einer kleinen Begrüßungsansprache an:

„Herzlich Willkommen, meine lieben Freunde. Nach all den Jahren ist es fast zu einer Tradition geworden, dass das Haus Bleichfuß zu dieser kleinen Spätsommerfeier einlädt, auch um den Geringen Götter damit ihren Tribut zu zollen.", er wartete einen kurzen, höflichen Applaus ab und sprach dann weiter: „Ich hoffe, ihr habt euren Sekt genossen und den Klatsch, der sich über das letzte Jahr angesammelt hat genossen...", ein höffliches Kichern unterbrach den Gastgeber, „...denn jetzt kommen wir zu einem unangenehmeren Teil der Tagesordnung.".

Theodor Bleichfuß war für einen etwas modrigen Humor bekannt, trotzdem hüstelten die opulenten Damen ein Lachen. Bis auf Charlotte Freemont, die lässig gegen eine Wand gelehnt ihren Blick über den Innenhof hinweg schweifen ließ, hatten alle Gäste sich gerade hingestellt und schauten hinauf auf Theodor, der, obwohl er auf dem Podest der Musiker stand, ihnen genau ins Gesicht schauen konnte, ohne den Kopf zu senken.

„Zu unserer Sicherheit hat der Patrizier heute Abend die Stadtwache abkommandiert. Die tapferen Männer werden ein wenig durch den Hof patrouillieren, um sicher zu gehen, dass nicht etwa ein Dieb versucht in meine Villa einzusteigen. Ein paar weitere Männer halten in den Fluren des Hauses Wache, um ihnen einen erholsamen Schlaf zu garantieren. Ich weiß, dass viele von euch derzeit rech besorgt sind, was die Gerüchte über einen gewissen Katzeneinbrecher angeht. Aber ich kann euch versichern, dass das Haus seit gestern Abend unter den wachsamen Augen der Diebesgilde steht, die derzeit Posten außerhalb dieser Mauern bezogen hat. Sollte ein unlizenzierter Dieb es also wagen heute Nacht hier einzubrechen, wir er auf der einen Seite von den Wächtern und auf der anderen Seite von den Dieben erwartet. Ich frage mich, was wohl die angenehmere Alternative sein wird... Sollte sich also in diesem Augenblick jemand unter uns befinden, der vorhat heute Nacht Schmuck oder sonstiges zu stehlen, so habe ich ihn hiermit gewarnt.".

Wieder lachten die Leute pflichtbewusst.

„Ich gehe davon aus, dass keiner von euch der Diebesgilde für dieses Jahr noch etwas schuldig ist, somit habt ihr von dieser Seite ebenfalls nichts zu befürchten.", einige Personen hüstelten. Viel bessergestellte Familien hatten Abkommen mit der Diebesgilde geschlossen. Zu Beginn eines Jahres bezahlten sie einen gewissen Betrag und die Gilde garantierte für dieses Jahr, keine Einbrüche oder Überfälle zu unternehmen. So hatte sich in Ankh-Morpork fast so etwas wie ein funktionierendes Steuersystem entwickelt. Allerdings gab es wie überall Steuersünder, die der Gilde falsche Auskünfte über ihr tatsächliches Vermögen machten, und dabei doch glatt die Investitionen in ein florierendes Mietkutschenunternehmen in Sto-Lat vergaßen.

„Euer Gepäck ist im Laufe des gestrigen Tages eingetroffen, es gab keine Zwischenfälle beim Transport und ihr könnt nun eure Zimmer aufsuchen, um euch ein wenig für die Nacht einzurichten. Selbstverständlich sind für all eure Wünsche Dienstmädchen rund um die Uhr erreichbar. Das Festmahl beginnt um sieben Uhr und ich möchte euch anschließend zum Ausklingen des Abends zu noch einem kleinen Tanz einladen. Die Kapelle spielt bis zwölf Uhr, wenn das abschließende Feuerwerk den Beginn des Herbstes einläuten wird. Getränke werden rund um die Uhr gereicht.".

Die Gäste applaudierten gehorsam und der Gastgeber hüpfte ungelenk und mit einer beschwichtigenden Geste von seinem Podest.

Mumm stellte sein Glas auf einem niedrigen Fenstersims ab und machte sich auf den Weg hinauf in sein Zimmer für die Nacht. Er wollte nicht im Gedränge die Treppen hinauf stolpern und so beeilte er sich, als erster das große offene Portal zu erreicht, durch das Bleichfuß eben den Hof betreten hatte.

Er war so sehr auf die Pforte fokussiert, dass im entging, dass ihm ein interessierter Blick, einer lässig an der Wand lehnenden Person, folgte.

Charlotte schlürfte langsam ihren Sekt aus, stellte es auf den niedrigen Fenstersims und schritt als letzte hinüber zur Tür. Sie warf noch einen Blick auf Feldwebel Colon und Korporal Nobby, deren rot angelaufenen Köpfe man noch auf der anderen Seite des Hofes erkennen konnte.

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