Charlottes Zimmer lag im zweiten Stock der Villa. Von ihrem Fenster konnte sie über die Außenmauer hinweg sehen und die Diebe bei ihrem Wachdienst beobachten. Es war das perfekte Zimmer für ihr Vorhaben.
Sie war bereits so oft in diesem Haus gewesen. Sie konnte sich an keinen einzigen Sommer erinnern, die nicht mir einer Party bei den Bleichfuß geendet hatte. Ihre Familie war Stammgast und hatte ich über die Jahre das Privileg erlangt, sich ihre Zimmer selbst wählen zu können.
Dieses Jahr waren neben Charlotte keine Mitglieder der Familie Freemont zugegen. Ihr Vater wartete draußen bei den Dieben auf eventuelle Zwischenfälle und ihre Mutter hasste tief in Inneren ihrer Seele alles, was mit Smalltalk, Rehbraten und Reifröcken zu tun hatte. Sie pflegte ein anderes Hobby, das der exzessiven Pferdewette - und sie war dabei erstaunlich geschickt, wenn man den Gerüchten auf der Rennbahn trauen durfte.
Charlotte hatte dieses Zimmer mit größter Bedacht gewählt. Es war nicht das beste des Hauses und Theodor hatte sie mehrfach angehalten doch eines weiter oben und mit Blick in den Innenhof zu wählen, aber Charlotte bestand auf dieses hier.
Ihr Gepäck war bereits hinauf gebracht worden und auf ihrem Kopfkissen lag ein Stück Bitterschokolade, wie sie es sich gewünscht hatte.
Charlotte öffnete ihre Tasche und zog eine etwas kleinere Tasche hervor, die farblich genau auf ihr geschlitztes Kleid abgestimmt, jedoch etwas zu groß für die derzeitige Mode war.
Aus einigen geheimen Innentaschen zog Charlotte seltsam Utensilien, die gewiss nichts mit einem geschmackvollen Partyauftritt zu tun hatten. Geschmackvoll würde es nicht werden, aber denkwürdig - und wenn Charlotte es irgendwie hinbekäme, wollte sie zumindest teilweise, den Abend auch geschmackvoll gestalten. Dafür mussten jedoch die Utensilien in ihrer Tasche versteckt bleiben, bis sie benötigt wurden.
Es handelte sich um eine kleine Flasche Klebstoff, diverse Messer, ein elastisches Seil, ein paar Karabinerhaken, schwarze Handschuhe mit Widerhaken und Spikes, die man mit einem Klick an allen Schuhen montieren konnte.
Außerdem packte sie eine Bürste ein. Man konnte nie wissen, wann es nötig wurde sich die Haar in Ordnung zu bringen. Zum Beispiel, wenn man gerade eine Mütze vom Kopf gezogen hatte.
Charlotte atmete tief durch und nahm auf dem Schemel vor einem großen Spiegel Platz um sich darin zu betrachten. Die war ein leichtes Opfer der Langeweile. Es brauchte nur ein paar Sekunden und schon war Charlotte der ganzen Existenz überdrüssig. Sie hasste Partys ebenso sehr wie ihre Mutter und doch schien sich irgendwie das Gerücht verbreitet zu haben, sie sei ein ganz ausgezeichneter Gast, amüsant und witzig und charmant und hübsch anzusehen, wenngleich etwas bissig zuweilen.
Wie konnte man einer derart positiven Wahrnehmung der Welt entgegenwirken? Die meisten Leute verstanden Charlotte einfach nicht richtig. In ihrem Inneren war sie ein unberechenbares Biest. Das wusste sie, sie musste es nur erst selbst noch entdecken.
Charlotte stand auf und kramte erneut in ihrer großen Reisetasche. Sie fand einen schwarzen Samtanzug mit passendem Gesichtsschutz, sowie ein hellgrünes Sommerkleid, aus einem knitterndem Stoff, der so hauchdünn war, dass man es problemlos zu einem handgroßen Knäuel zusammenfalten konnte. Es war nicht Charlottes liebstes Kleidungsstück, schon gar nicht an diesem Abend, aber es würde seinen Zweck erfüllen und nachdem, was sie bereits an den Leibern der übrigen Damen gesehen hatte, würde sie immer noch die bestgekleidete Person des Abends sein. - Nicht, dass ihr persönlich das wichtig war. Sie war bereits daran gewöhnt immer stilistischen Mittelpunkt eine Gesellschaft zu bilden. Aber sie wusste, dass es anderen Leuten sehr wichtig war, was man trug und vielleicht gehörten gewisse Personen ebenfalls dazu.
Sollte dies allerdings der Fall sein, überlegte Charlotte, war es die Sache nicht wert und ich soll ihm auf ewig im Gedächtnis bleiben, als das Mädchen, das er nicht haben konnte.
Sie legte das Kleid neben den Samtanzug auf ihr Bett uns atmete tief durch.
Die ist die Ruhe vor dem Sturm, dachte sie.
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