Nachdem in den anderen Zimmern die Familien ihre Koffer für die Nacht ausgepackt hatten, füllten sich die Flure langsam wieder mit Menschen, die erneut hinunter in den Hof strömten.
Auch Charlotte und Mumm verließen ihrer Zimmer. Charlotte sperrte sorgfältig ab und steckte den Schlüssel in ihrer Handtasche, ohne die sie sich nicht richtig angezogen fühlte. - Oder anders herum: Selbst bei einem Schlitz im Kleider, der fast bis zur Hüfte reichte, fühlte sie sich mit ihrer Handtasche vollkommen angezogen. Mehr noch: Vollkommen sicher, was wohl eher am Inhalt der Tasche lag.
Sie hatte perfekt den Augenblick abgepasst, in dem auch Mumm sein Zimmer verließ. Sie hatte nicht auf ihn gewartet, jedenfalls erweckte sie nicht den Eindruck.
„Guten Abend, Hauptmann.", sagte Charlotte wie beiläufig.
„Guten Abend, Miss...es Freemont.", erwiderte Mumm und begann zu schwitzen.
„Ich bin richtig froh, dass du auch hier bist. Diese Partys sind immer so langweilig. Die Leute hier sind allesamt vollkommen eindimensional. Öde. Aber was soll ich machen. Man erwartet von meiner Familie hier aufzutauchen und da haben sie in Ermangelung einer besseren Alternative mich hergeschickt.".
„Ich glaube, du bist nicht die schlechteste Wahl.", sagte Mumm höflich.
„Meinem Vater hätte es sicher mehr Spaß gemacht.", meinte Charlotte, als sie die Treppe nach unter erreichten.
Sie drehte sich nach Mumm um, der ihr den Vortritt lassen wollte: „Hauptmann, ich hoffe es ist dir nicht unangenehm, wenn ich erwähne, dass ein seltsamer Zufall dafür gesorgt hat, dass wir beim Essen nebeneinander sitzen werden.".
Ich wette, ich kann den Zufall beim Namen nenne, dachte Mumm grimmig und sagte: „Keines Falls... ähm...", er kramte in seinem Gedächtnis nach einer Angemessenen Bezeichnung. Gnä' Frau? Fräulein? Meine Dame? Teuerste? My Lady? Er entschied sich für: „... Madam.".
„Du darfst mich gerne nur Charlotte nennen.", erwiderte sie gönnerhaft.
„Wenn du darauf bestehst.", sagte Mumm ohne die Lippen oder gar die Zähne auseinander zu bewegen.
„Wo wir doch gezwungen sind, den ganzen Abend miteinander zu verbringen.", Charlotte kicherte.
„Ich bin sicher, dass noch andere... Leute Interesse für sie aufbringen können.", stammelte Mumm und versuchte nicht auf dieses verdammte Kleid zu starren.
„Am Interesse von anderen Leuten mangelt es nicht. Nur Interesse für andere Leute aufzubringen fällt mir gewöhnlich recht schwer.", sagte Charlotte und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Wir sollten jetzt hinunter gehen, wenn dort unten auffällt, dass wir fehlen, könnte es zu unangenehmen Gerüchten kommen.", sagte Mumm und wollte forschen Schrittes die Treppe hinter sich bringen.
„Na dann lass sie doch ihre Phantasie spielen lassen. Vielleicht tun sie dann mal etwas nützliches mit ihrem Kopf.".
„Etwas nützliches?", fragte Mumm verwirrt.
„Die meisten von denen benutzen ihren Kopf nur als Perückenständer, den man mit sich herum tragen kann.", erklärte Charlotte, „Ich kenne sie alle und nicht einer von ihnen hat sich je um etwas anderes Sorgen gemacht als um seine falschen Haare.".
„Dennoch gehört es sich nicht für eine verheiratete Frau und einen Junggesellen, dass sie sich allein irgendwo aufhalten.", sagte Mumm verzweifelt.
„Tatsächlich? Und ich hielt mich für eine erwachsene Frau... Na schön, lass uns hinunter gehen. Ich hab gehört es gibt Entenbraten. Und das, wo ich Wild nicht ausstehen kann!".
Mumm folgte dem sich hypnotisch bewegenden Kleiderfetzen und der Dame darin, die mit einem ebenfalls hypnotischen Gang die Treppe hinab schritt.
Charlottes Drohung bewahrheitete sich. Der kleine Papier Ständer mit der Aufschrift „Hauptmann Samuel Mumm" stand hinter einem Teller, der direkt neben einem Teller stand, hinter dem auf einem anderen Schild „Misses Charlotte Freemont" zu lesen war.
Sie saßen am Ende der Tafel, abseits der wichtigen, oder sich wichtig nehmenden Gäste und dem Gastgeber.
Alle anderen Gäste hatten bereits Platz genommen, als Mumm und Charlotte über den Hof geschlendert - oder wie in Mumms Fall widerwillig gewankt - kamen.
Charlotte hatte einen Platz am Rand erwischt und Mumm war sich sicher, dass sie wohl weißlich dafür gesorgt hatte, dass sie nur einem einzigen Tischnachbarn die Ehre erwies. Er hingegen fand sich nun eingeklemmt zwischen Charlotte und einer üppigen Frau, deren Fischbeinkorsett unter einem rosa Tüllkleid mit jeder Bewegung bedrohlich ächzten. Zum Glück schien sie sich nicht um den Hauptmann zu scheren. Sie war ein Gespräch mit einer alten, hageren Frau vertieft, die nur deshalb nicht als Hexe bezeichnet sein soll, die in einen Schminktopf gefallen, ist, weil es eine Beleidigung für alle ehrbaren Hexen der Scheibenwelt wäre.
Mumm fürchtete, was passieren würde, wenn seine Nachbarin den ersten Bissen zu sich nehmen würde.
„Was darf es für ein Wein sein?", fragte eine Stimme hinter ihm und Mumm schreckte nervös herum und blickte einem phlegmatischem Kellner vor die Brust.
„Was?", fragte Mumm verwirrt.
„Wein. Welchen Wein?".
„Gibt es da irgendwelche Unterschiede?", fragte er.
„Ähm... Wir haben...", der Kellner nehm tief Luft, als hätte er vor in den nächsten Sekunden inbrünstig ein sorgfältig auswendig gelerntes Gedicht aufzusagen.
„Schon gut.", mischte sich Charlotte ein, „Wir nehmen gleich den da!", und sie zeigte auf die Flasche, die der junge Mann zittrig in Augenhöhe von Mumm hielt.
„Der beste Wein ist immer der, den sie den Kellnern mitgeben.", erklärte Charlotte, „Niemand wählt ihn aus. Lieber schicken sie die Kellner hundert mal neue Flaschen holen, von denen sie probieren können. Aber auf die Idee, dass der beste Wein einem gleich zu Anfang angeboten wird kommt niemand.".
„Oh.", machte Mumm und schwenkte sein Glas, in das soeben ein Schluck Rotwein eingeschenkt worden war. Noch nie hatte er ein so sauberes Glas gesehen. Es glänzte förmlich. Es musste aus Kristall oder so etwas sein.
Er nahm einen Schluck, ließ den Wein einige Augenblicke in seiner Mundhöhle hin und her schwappen, bis er ihn unterschluckte und „Nicht übel!" hervorbrachte.
Während der Gastgeber am anderen Ende der Tafel eine weitere Ansprache und einen Toast auf einzelne Gäste hielt, blickte Mumm sehnsüchtig hinüber zu Feldwebel Colon und Korporal Nobbs. Sie lehnten lässig neben dem Küchenfenster und nagten Hühnerknochen ab. Dazu tranken sie aus normalen, unkristallienen Gläsern verwässertes Bier. Ach wenn er doch nur mit ihnen tauschen könnte!
Auch Charlotte schien sich nicht für die Worte von Theodor Bleichfuß zu interessieren, sie schüttet sich Wein nach und nippte erstaunlich lange an ihrem Glas.
Ihre Augen suchten nach Lilians.
Lilian saß auf der anderen Seite der Tafel und etwa zehn Meter von Charlotte entferne. Auch sie schien sich zu langweilen, wenngleich ihr Tischnachbar ein schwarz gekleideter junger Mann war, den Charlotte als Sohns des Vorsitzenden der Assassinengilde identifizierte. Er schien kein gesprächiger Typ zu sein und in Lilians Gesicht stand die Enttäuschung in den besonderen Lettern geschrieben, die nur eine beste Freundin entziffern kann.
Arme Lilian, dachte Charlotte, ich werde heute Nacht so viel Spaß haben und sie sitzt neben einem gutaussehenden Trotten - und nichts ist schlimmer als ein Trottel, der gut aussieht!
Charlotte stütze ihren Kopf mit den Händen und stellte sie Ellenbogen auf den Tisch. Sie blickte ziellos umher in der Hoffnung etwas interessantes zu sehen.
Einige Köpfe drehten sich zu ihr um und Mumm bemerkte, die auch er musternd betrachtet wurde. Langweile sie sich etwa? Und war er dafür verantwortlich?
„Ähm...", sprach er Charlotte an, „Was hältst du eigentlich vom alten Bleichfuß?". Mumm wollte sich auf die Zunge beißen, lächelte stattdessen aber etwas verkrampft.
„Er ist ein komischer Kauz. Ich mag ihn ganz gerne. Trifft sich hin und wieder mit Lilians Mutter zum Tee. Du kennst Lilian? Sie ist die Tochter von Evon Craine.".
„Gilde der Spione, ja, ich weiß.", sagte Mumm leise und blickte unauffällig hinüber, wo Lilian saß und mit dem Finger auf die beschlagene Weinflasche malte.
„Kennst du ihren Vater?", fragte Charlotte ohne die Ellenbogen vom Tisch zu nehmen. Sie drehte ihren Kopf zu Mumm.
„Ja. Er ist nicht hier heute Abend.".
„Er kommt nie. Nur die wenigsten wissen überhaupt wie er aussieht. Verkriecht sich meistens in sein Arbeitszimmer.".
„Solche Leute halten die Stadt am Laufen.", bemerkte Mumm.
„Du meinst, Partys tragen nichts dazu bei?", fragte Charlotte mit plötzlicher Schärfe.
„Nun...", begann Mumm, „Nein, eigentlich nicht.". Er machte sich auf eine verbale Ohrfeige gefasst.
Charlotte grinste: „Du hast vollkommen recht! Was bringt einem das Repräsentieren, wenn man nichts tut?".
„Versteh mich nicht falsch!", räumte Mumm ein, „Partys sind bestimmt auch wichtig um Kontakte zu knüpfen und so...".
„...um Intrigen zu schmieden.", korrigierte Charlotte.
„Du hast da sicher mehr Erfahrung als ich.", wich Mumm aus.
„Wahrscheinlich. Dafür gibt es andere Dinge, über die du besser Bescheid weißt, nehme ich an.".
Schweigen.
Charlotte sah Mumm von unten herauf an, als wartete sie auf eine Antwort.
Mumm hielt dem Blick nicht stand und sagte: „Mag sein.".
Ein plötzlicher, donnernder Applaus unterbrach das Gespräch der beiden.
Bleichfuß hatte geendet und sich bei allen Anwesenden für das aufmerksame Zuhören und die Geduld bedankt.
Sogleich eilten Bedienstete herbei, die mehrere Suppenteller auf einmal zur Tafel beförderten. Jeder Gast bekam einen vor sich auf den bereits vorhandenen Teller gestellt.
Der Inhalt der Teller hatte eine zartgrüne Farbe angenommen und Teile von Fischen und Pilzen schwammen darin.
Neben dem Küchenfenster konnte Mumm Colon und Nobby dabei beobachten, wie sie ihm fröhlich zuprosteten und winkten. Mumm rümpfte die Nase und griff nach einem Löffel, der neben seinem Gedeck bereit lag.
„Du musst es nicht essen, wenn es dir nicht schmeckt.", flüsterte Charlotte, pustet auf ihren Löffel, den sie vorher in die wässrige Flüssigkeit getaucht hatte, wiederholte den Vorgang, bis sie den letzten Rest Suppe vom Löffel gepustet hatte und führte ihn dann zum Mund. Sie zwinkerte, „Niemand erwartet hier, dass du das tatsächlich isst. Ich bezweifle, dass es essbar ist. Hauptsache es ist teuer und selten.".
Mumm rollte mit den Augen. Die sogenannte bessere Gesellschaft war und blieb ihm ein Rätsel.
Die vollen Suppenteller wurden fort getragen und man saß wieder auf den nächsten Gang zu warten.
„Möchtest du noch Wein?", fragte Mumm Charlotte höflich.
„Gerne.", antwortete sie und reichte ihm ihr Glas hinüber.
Wieder herrschte eine peinliche Stille. Doch diesmal wusste Charlotte sie zu brechen: „Siehst du das drüben die Berge? Dahinter liegt Ankh-Morpork. Und das schönste ist, dass man es nicht sehen kann.".
„Das darfst du aber nicht zu laut sagen. Ein paar Lokalpatrioten könnten dich dafür lynchen wollen.", antwortete Mumm.
„Ach weißt du, für ein Mädchen gibt es da drüben überhaupt nichts zu tun.", jammerte Charlotte.
„Aber du bist doch verheiratet. In einer Ehe gibt es immer etwas zu tun, dachte ich.".
Charlotte antwortete nicht, stattdessen sagte sie: „Ich hatte mir überlegt, ich könnte bei meinem Vater in der Gilde aushelfen. Ich weiß nicht, warum er es nicht wollte.".
„Du hättest wohl die Akten und die Quittungen eures Personals geführt oder so etwas.", vermutete Mumm, „Ich wüsste nicht, warum man dir solch eine Arbeit verwehren würde.".
„Naja, ich hätte sie wohl eher verführt. Ich dachte, die kennen mich inzwischen besser.", sagte Charlotte trocken und nahm noch einen Schluck.
Mumm hustete: „Ich glaube, sie können auch so ganz zufrieden sein.".
„Darf ich ehrlich zu dir sein?", fragte Charlotte, „Es ist nicht so, dass ich Kenneth nicht mögen würde. Er ist der einzige Mensch, den ich je hätte heiraten wollen. Aber mein Leben ist dadurch nicht unbedingt erfüllter geworden, dass ich... nun... mit ihm zusammen lebe.".
„Gebt euch ein wenig Zeit.", riet Mumm, „So manch eine der glücklichsten Ehen ist sozusagen mit vorgehaltener Armbrust geschlossen worden.".
„Mag sein. Aber ich strebe nicht unbedingt eine glückliche Ehe an.", erwiderte Charlotte.
„Was könnte eine Frau sonst anstreben?", fragte Mumm.
Charlotte schwieg und lächelte hintergründig.
*
