Der zweite Gang wurde aufgetragen. Es handelte sich - wie Charlotte vorausgesagt hatte - um Entenbraten mit Kartoffeln und einer dunkelbraunen Soße, in der kleine, schwarze Beeren schwammen.

Wieder wurde ein neuer Teller vor jeden einzelnen Gast aufgetragen und man griff geschwind nach dem entsprechenden Besteck.

„Ich hasse Ente.", flüstere Charlotte und stocherte lustlos mit einer Gabel in einer Kartoffel herum.

Mumm seufzte, gab dann jedoch seinem Mitleid nach: „Warte, ich nehm dir einen Teil ab, wenn ich mit meinem Teller fertig bin.".

„Vielen Dank, Hauptmann!", sagte Charlotte erleichtert, „Sag mal, ist es wirklich wahrscheinlich, dass der Dieb heute Nacht ausgerechnet hier auftaucht?".

„Nun, es ist möglich und deshalb sind wir hier. Ich meine, es befinden sich viele recht gut betuchte Familien hier und sie alle haben sehr kostbaren Schmuck bei sich.".

„Also wenn ich ein Dieb wäre - und ich glaube, ich weiß, wovon ich spreche - würde ich in einer solchen Nacht eher in die leerstehenden Häuser dieser Leute einbrechen, als mich in ein so weit außerhalb liegendes Haus zu schleichen, das noch dazu bis unters Dach mit Menschen gefüllt ist.".

Mumm knirschte mit den Zähnen: „Du solltest das Fangen des Diebes lieber den Profis überlassen.".

„Soll das heißen, ich habe keine Ahnung? Etwa weil ich eine Frau bin?", bemerkte Charlotte scharf.

„Nein, nicht deswegen. Es ist nur, du hast noch nie...".

„Ich habe noch nie einen Dieb gefangen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass es recht stimulierend ist. Möchtest du ein Bein oder eine Brust?", schnell fügte sie hinzu: „Von der Ente natürlich.".

„Deine Entscheidung.", brummte Mumm und mied jeden Blickkontakt.

„Wenn es nach mir geht, kannst du beides haben.", sie schob den Inhalt ihres Teller zu ihm hinüber, „Es ist wirklich peinlich den Hauptgang zurückgehen zu lassen. Der Gastgeber gibt sich dabei die größte Mühe seine Gäste satt zu bekommen, damit er mit der Nachspeise etwas geizen kann.".

Mumm stopfte sich die Backen mit Charlottes Ente voll und nickte verständnisvoll.

Charlotte nahm die Gelegenheit wahr und erzählte ein wenig. Mumm - kauend - war nun gezwungen zuzuhören und es trieb ihm die Schweißperlen auf die Stirn.

„Ich lese wirklich unheimlich gerne Geschichten mit aufregenden Verbrecherjagden. Und du musst mir glauben, ich bin immer auf der Seite der Polizisten. Ich glaube, ich habe alle Kriminalromane gelesen, die mir zwischen die Finger gerieten. Und ich glaube, ich wäre sehr gut darin... ich meine ich bräuchte natürlich ein wenig praktische Erfahrung, aber das braucht jeder... ich wäre bestimmt nicht die ungeschickteste Polizisten. Ich habe meinen Vater gefragt, ob ich ihm nicht helfen kann. Die Gilde ist sehr ordentlich, was nicht lizenzierte Diebe angeht. Aber er sagte, das sei für ein Mädchen keine angemessene Arbeit. Aber das ist nicht so schlimm. Ich dachte mir, wenn ich erst mit Kenneth verheiratet bin, würde ich vielleicht Einblick in die Arbeit echter Polizisten erlangen.".

Mumm schlang den Bissen herunter, nachdem er einige erbärmliche Augenblicke damit gerungen hatte: „Faszinierend.", brachte er hervor und keuchte.

„Ich hoffe, ich langweile dich nicht.", stieß Charlotte hervor.

„Keines Wegs.", wehrte Mumm ab, „Ich bin überzeugt, dass du das Köpfchen für einen echten Polizisten hast. Aber sei ehrlich! Es ist viel zu gefährlich für eine zierliche Frau!".

„Zierlichkeit hat auch seine Vorteile.", warf Charlotte ein.

„Mag sein, aber nicht im Bezug auf Verbrechensbekämpfung.", erwiderte Mumm.

„Das muss erst bewiesen werden.", meinte Charlotte keck und schlürfte noch einmal an ihrem Weinglas.

„Besser nicht. Es würde nur eine Enttäuschung für dich werden.", Mumm reichte dem herantretenden Kellner seinen Teller. Charlotte tat es ihm gleich und erbat sich noch eine Flasche Rotwein.

„Man nennt den Dieb „Die Katze", nicht wahr?", fragte sie plötzlich.

„Ja, aber das ist nur ein dummer Spitzname. Es handelt sich um einen Verbrecher und nicht um ein Schmusetier.".

„Woher willst du das nun wieder wissen?", fragte Charlotte ein wenig beleidigt, was Mumm allerdings entging.

„Es scheint nur eben so, dass dieser Mann sich scheinbar lautlos zu bewegen vermag.", erklärt der Hauptmann.

„Aber er scheint sich auch besonders für Schmuck und glitzernde Dinge zu interessieren. Sollte man ihn dann nicht lieber „Die Elster" nennen?", überlegte Charlotte.

„Dann dürftest du ja keine Angst haben. Du trägst ja keinen Schmuck.", Mumm versuchte es ebenfalls mit Bissigkeit - und versagte.

„Wenn ich Schmuck tragen würde, wären all diese Gespräche sehr viel langweiliger.".

„Wie meinst du das nun wieder?", fragte Mumm hilflos.

Charlotte lächelte.

Sie wechselte scheinbar das Thema - eine Sache in der sie unglaublich geschickt schien: „Eigentlich sind diese Partys gar nicht so schlecht. Vor allem, wenn man zu ersten Mal auf einer eingeladen ist oder wenn man das Privileg hat neben einem Neuling zu sitzen. Ich habe das Gefühl, heute Nacht wist du eine der faszinierendsten Seiten des Ankhs sehen können. - Ich meine natürlich das Feuerwerk. Es ist jedes Jahr das Highlight der Feier und es wird von Jahr zu Jahr opulenter und gefährlicher für die, die es zünden.".

„Ich bin kein großer Freund von Explosionen.", erwiderte Mumm knapp.

„Du wirst deine Meinung ändern, glaub mir.".

Mumm schaute sich um und erblickte immer noch neben dem Küchenfenster Feldwebel Colon und Korporal Nobbs. Um sie herum hatten sich einige geleerte Flaschen angesammelt und Nobby streckte sich um zum Küchenfenster hineinzuschauen, wo ein Dienstmädchen verlegen kicherte.

Nichtsnutze, allesamt, dachte Mumm, ich werde ihren Sold kürzen müssen. Nächstes Mal werde ich sie aufteilen. Nobby und Fred verstehen sich zu gut. Sie lenken sich gegenseitig von der Arbeit ab. Ich frage mich, wie es drinnen läuft. Wahrscheinlich haben Fleischmeister und Karotte bereits die Zimmermädchen verhaftet. Ich bin umgeben von Dilettanten!

„Woran denkst du?", fragte Charlotte und unterbrach damit Mumms grimmigen Gedankengang, „Du siehst ein wenig unzufrieden aus.".

„Das ist nun wirklich meine Sache!", schnaubte Mumm, „Und bitte, hör auf mit diesen zweideutigen Bemerkungen!".

„Wieso? Es hat bis jetzt noch niemanden gestört. Womöglich hat es bisher auch niemand verstanden.", überlegte Charlotte, „Du bist der erste, der überhaupt darauf reagiert. Ich habe bereits an mir selbst gezweifelt.".

„Ist das jetzt die Mitleidsnummer?", fragte Mumm.

„Schon wieder erwischt! Du bist wirklich gut, Hauptmann!", sagte Charlotte fröhlich.

Mumm gab auf und atmete tief aus: „In Ordnung. Ich verstehe genug, um zu wissen, dass es dir Spaß macht irgendetwas zu verheimlichen und mir gerade so viel Informationen zu geben, dass ich nicht heraus finde worum es geht. Wieso sprechen wir nicht endlich Klartext?".

„Ich verstehe nicht.", erwiderte Charlotte gelassen.

Mumm flüsterte, denn er fürchtete, dass die Ohren der Umsitzenden ungeahntes Interesse entwickeln konnten: „Hör zu, das hier wird nichts! Lass es mich so klipp und klar formulieren! Du scheinst fortwährend zu vergessen, dass du verheiratet bist!".

„Oh, ich habe es nicht vergessen. Es ist nur so: Ein Ehemann ist kein Ersatz für einen Liebhaber.".

Mumm hustete heftig.

„Du wolltest, dass ich Klartext spreche.", verteidigte sich Charlotte.

„Schon gut. Lassen wir das. Das Zweideutige ist mir lieber!", keuchte Mumm.

„Wo ist dein Problem, Hauptmann?", fragte Charlotte zaghaft nach einer Weile.

„Mein Problem?", schnappte Mumm.

„Naja, du reagierst so schockiert. Bin ich dir zu... direkt? Oder zu schnell? Oder zu konkret? Oder zu wirklich?".

Mumm schnaufte. Er überlegte: „Ich will nicht... Ich meine, es gehört sich nicht!".

Charlotte schnaufte nun ebenfalls und sagte nun erstmals in ernstem Ton: „Und es gehört sich auch nicht, dass Frauen Verbrecher jagen. Ich habe nun wirklich alles versucht. Aber du scheinst wirklich doch so einer zu sein. Gib es zu, du hast Angst! Ich bin dir überlegen. Ich bin dir zu unkonventionell!".

Eine kurze Pause entstand, in der sich einige Gesichter der Gesellschaft verwundert zu den beiden umdrehten, als wollten sie fragen: „Hey, warum geht es nicht weiter?".

Mumm antworte ruhig und ebenfalls ernsthaft: „Du hast recht! Du bist zu vollkommen. Du bist zu talentiert. Du bist zu schön. Du bist all das, was ich nicht verdiene.".

„Ist das, was du verdienst, etwas, worüber du nicht reden kannst?", fragte Charlotte und ihre Augen glitzerten verschmitzt.

Mumm schloss die Augen: Ein Alptraum. Nichts weiter. Gleich würde er aufwachen und sich in seinem Bett zu Hause befinden - allein, hoffentlich!

„Hauptmann!", tönte Charlottes Stimme und Mumm wachte auf. Er saß immer noch an einem Tisch zwischen knackenden Fischbeinen und einer Harpyie.

„Der Nachtisch ist serviert.", erklärte Charlotte in einem sanften Ton, der Mumm erleichtert einatmen ließ. Keine Zweideutigkeit diesmal.

„Seltsam, dass wir immer nur beim Essen Gelegenheit bekommen, uns zu unterhalten.", sinnierte Charlotte und knabberte an der Waffel in ihrem Eisbecher.

„Weißt du, eigentlich habe ich keinen allzu großen Hunger mehr. Es macht dir doch hoffentlich nichts aus, das hier für mich aufzuessen oder? Ich möchte kurz hinauf auf mein Zimmer gehen und mich frisch machen. Es doch recht heiß hier und ich bin ein wenig verschwitzt.".

Mumm wägte ab: Sein berstender Magen gegen das Bedürfnis Charlotte loszuwerden.

„Nur keine Umstände. Natürlich erledige ich das.", er zog den Eisbecher zu sich hinüber.

Charlotte stand auf und schwebte über die Wiese hinüber zum Hauseingang.

Erstaunlich, dachte Mumm, sie hat so gut wie nichts gegessen und beinahe eine ganze Flasche Wein getrunken und sie torkelt kein bisschen. Sie muss einiges gewohnt sein. Ist wahrscheinlich die Langeweile - Jedenfalls würde sie das behaupten.

Charlotte schritt hinüber zu Colon und Nobby, die es sich inzwischen auf dem Boden bequem gemacht hatten und auf deren Gesichtern sich im Laufe des Abends mehrere Rotschattierungen entwickelt hatten.

„Euer Hauptmann ist ein ganz außergewöhnlicher Mann.", sagte sie und zwinkerte.

„Oh ja. Sehr scharfsinnig.", meine Colon.

„Sehr eigensinnig.", fügte Nobby hinzu.

„Manchmal ein wenig zu eigensinnig.", sagte Colon und nickte.

„Ist kein großer Freund von solchen Veranstaltungen, glaube ich.", erwähnte Nobby und richtete sich schwerfällig auf. Er reichte Charlotte jetzt bis zur Taille.

„Eher ein Arbeitstier. Recht verbissen, wenn es um Verbrechensbekämpfung geht. Ich glaube, das ist ungesund.", sagte Colon.

„Ja, er kommt mir auch ein wenig ungesund vor.", sagte Charlotte langsam, „Ich werde sehen, was ich tun kann.".

„Was?", fragte Colon verwirrt, „Entschuldigung, ich habe nicht zugehört.".

„Ach nichts, Feldwebel!", rief Charlotte, die hinüber zur Tür schlenderte und in der Villa verschwand.

*