Seltsamerweise fühlte Mumm sich plötzlich unwohl. Seit Charlotte gegangen war um sich frisch zu machen, hatte er niemanden mehr, der ihm aushelfen konnte, wenn er mit einer gesellschaftlichen Regel nicht weiter kam.

Was tat man, wenn man das Abendessen beendet hatte?

Was tat man, wenn man angesprochen wurde?

War es unschicklich, betreten auf seinen leeren Teller herunter zu starren und den Blickkontakt mit allem und jedem vermied?

Mumm versuchte so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erwecken. Ohne Charlotte, war er hilflos in der Gesellschaft dieser Leute. Ein Schweißtropfen bahnte sich seinen Weg an seiner Schläfe entlang. Da war es! Er hatte verloren!

„Hat die junge Dame dich endlich frei gegeben.", gluckste eine Stimme neben Mumm.

Langsam wandte er sich um: „Ja, sie macht sich nur eben frisch. Das ist es doch, was Frauen tun, wenn sie verschwinden?".

„Oh natürlich.", lacht die dickliche Frau neben ihm und die Fischbeinkorsage knarrte bedrohlicher denn je.

„Du musst mir verzeihen, ich bin nicht besonders bewandert, was die Bewegung in derartiger Gesellschaft betrifft.", entschuldigte sich Mumm.

„Das macht doch nichts! Jeder weiß, dass du nur hier bist, weil du für unser aller Sicherheit sorgen sollst. Männer wie du haben meistens keine Ahnung von dem, was sie gehört und ich glaube, das ist der Grund, warum die gute Charlotte so einen Narren an dir gefressen hat.".

„Tatsächlich?", erwiderte Mumm unsicher, „Ich habe nicht das Gefühl, dass sie mich besonders mag. Es macht ihr lediglich Spaß mich in Verlegenheit zu bringen.".

„Sei nicht naiv, Hauptmann!", rief die tüllumwickelte Frau, „Übrigens, Mariette Biertümpel. Da drüben sitzt mein Mann Henry.", sie deutet hinüber zu einem winzigen Männlein, das mit einer viel zu roten Nase den beiden Wächtern auf der anderen Seite des Hofes zu prostete, „Er besitzt die wichtigste Destille in ganz Ankh-Morpork und das in der dritten Generation.".

„Ein ehrbarer Beruf.", warf Mumm ein.

„Nicht unbedingt. Aber lukrativ ist er. Weißt du inzwischen können wir es uns leisten sogar jemanden zu bezahlen, der die Firma führt und so haben wir beide viel freie Zeit, die wir diesen netten kleinen Partys verbringen können.".

„Hört sich nach einem entzückenden Eheleben an.", sagte Mumm und versuchte gewisse Vorstellungen aus seinem Kopf zu verbannen.

„Ach, es ist nicht besser und nicht schlechter als das der meisten.", erwiderte Frau Biertümpel und gähnte.

Schein an der gesellschaftlichen Schicht zu liegen, diese ständige Müdigkeit, dachte Mumm und nahm einen Schluck Rotwein.

„Das Eheleben wird erst interessant, wenn man daraus ausbricht.", erklärte die dicke Frau, „Ich bin dazu zu alt, aber es wird immer junge Mädchen geben, die sich nach etwas sehnen, dass ihnen diese Gesellschaft nicht bieten kann.".

„Was zum Beispiel?", fragte Mumm.

„Abenteuer. Die Anziehungskraft des Verbotene. Die Gefahr erwischt zu werden.", erklärte Frau Biertümpel.

„Was soll daran anziehend sein? Verbotenes und Verbrechen. Das liegt nicht weit auseinander.", erwiderte Mumm grimmig.

„Ach. So ein kleines Abenteuer ist doch noch kein Verbrechen.", die Frau klopfte Mumm fröhlich auf den Rücken, sodass der glaubte, die Eiscreme von eben erneut im Mund zu schmecken.

„Glaub mir, die jungen Frauen sind alle gleich! In diesem gewissen Alter wollen sie nichts mehr als fort von allem, was sie in ihrem bisherigen Leben kennen gelernt haben. Tragischerweise bedeutet das in unserem Fall - und ich nehme mich da gar nicht aus - dass Frauen aus der sogenannten besseren Gesellschaft - obwohl ich es nicht gerne so nenne - sich besonders von... nun... Rumtreibern angezogen fühlen.".

„Ähm?", machte Mumm.

„Rumtreiber. Heruntergekommene Alkoholiker - in meinem Fall wäre es da wohl eher ein heruntergekommener Antialkoholiker. Und was Töchter von Dieben angeht...", erläuterte Frau Biertümpel.

„Ich kann dir nicht ganz folgen, aber ich bin sicher, deine Ausführungen haben Hand uns Fuß. Es ist nur: Frauen werden mir immer ein Rätsel sein.", sagte Mumm.

„Macht nichts. Macht nichts. Das allein macht dich nur umso charmanter, Hauptmann.", sie lachte donnernd und Mumm verspürte das Bedürfnis seinen Kopf mit den Armen und allem, was er auf die Schnelle finden konnte, vor den heran rollenden Schallwellen zu schützen.

„Sie ist ein gutes Mädchen, wirklich. Lass ihr doch das Vergnügen. Irgendwann wird sie erwachsen sein und dann werdet ihr beide darüber lachen.", Frau Biertümpel patschte auf Mumms Hand, die sich am Tischrand festkrallte.

„Lachen ist schön.", erwiderte Mumm hilflos, „Ich nehme an, man erwartet jetzt von den Gästen, dass sie...".

„Ach, wenn du nicht tanzen kannst macht das gar nichts. Du bist bereite eine Art Kuriosität auf diesem Fest. Es wird niemanden stören, wenn du nicht richtig tanzt. Ich bin sicher, die junge Charlotte kommt jeden Augenblick zurück und ich kann dir nur raten, die aufzufordern.", drohte Frau Biertümpel, „Ich muss dich bitten, mich zu entschuldigen. Ich glaube, mein Mann versucht da hinten den Musikanten Mirabellengeist in die Blasinstrumente zu schütten.".

Frau Biertümpel richtete sich zu einer eindrucksvollen Größe auf und stapfte hinüber zum Podest der Musikgruppe, wo ihr Ehemann mit einer Flasche Selbstgebranntem verdächtig vor einem Horn herumhantierte.

Nun saß er allein da und Mumm hatte das Gefühl, dass es nichts peinlicheres auf der ganzen Welt geben konnte.

Langsam standen einige Paare vom Tisch auf.

Auch Lilian und ihr Assassine machten sich auf den Weg auf die Tanzfläche. Wenn man schon nicht miteinander kommunizierte, so konnte man vielleicht wenigstens miteinander tanzen.

Mumm sah sich nervös nach Charlotte um. Sie tauchte nicht auf. Er knirschte mit den Zähnen: Weiber!

Seine Männer konnte er vollkommen vergessen. Nobby und Colon saßen an eine Wand gelehnt und sangen leise die Lieder mit, welche die Kapelle weiter in der Mitte des Hofes aufspielte. Zwischen ihnen beiden hockte der kleine Henry Biertümpel und offenbarte einen erstaunlichen Tenor.

Alles in allem war dieser Abend nur ein weiterer Tiefpunkt in seinem Leben gewesen. Ein weiteres Glied in einer schier unendlichen Kette von Demütigungen und Misserfolgen.

Morgen früh würde bekannt werden, dass der Einbrecher gleich in alle Privathäuser der hier anwesenden Gäste eingebrochen war, während die Wache sich ausnahmslos auf diesem Fest besinnungslos gesoffen hatte. Lord Vetinari würde ihn zu sich zitieren und nachdem er ihn zur Schnecke gemacht hatte, würde er ihn fristlos entlassen und Karotte an seiner Stelle zum Hauptmann mache.

Das war es also, Sam Mumm!

Er zog sein Weinglas zu sich heran, schenkte sich ein und nahm einen ordentlichen Schluck und noch einen und noch einen, bis er sich nachschenken musste.

Er konnte immer noch nicht klar denken, doch er bemerkte, dass er der letzte und einzige Mensch war, der noch am Tisch saß.

Alle anderen tummelten sich auf der Tanzfläche oder suchten bereits jetzt nach dem besten Aussichtspunkt für das spätere Feuerwerk. Andere Pärchen waren wie vom Erdboden verschluckt.

Ebenso wie auch Charlotte.

Niemand nahm Notiz von ihm, bis...

Es war Henry Biertümpel, der als erster schrie: „Bei den Göttern! Seht euch das an!".

Eine weitere Stimme mischte sich ein: „Er hat Recht! Das ist er! Weckt die Wachen! Ruft die Wachen! Hauptmann!"

Frau Biertümpel schüttelte Mumm so heftig, dass er einen Rülpser nur ungeschickt unterdrücken konnte: „Hauptmann! Sie nur! Da oben auf dem Dach!".

Mumm wandte sich langsam um und schwindelte, als er nach oben sah.

Sein erstes Gefühl war Genugtuung. Sein zweites: Panik.

Da war er tatsächlich: Der Katzeneinbrecher.

*