Charlotte wollte nicht zugeben, dass sie das eine oder andere Glas Rotwein zu viel hatte. Sie konnte wohl noch geradeaus laufen, aber ob sie steile Wände hochkäme wusste sie im Augenblick nicht zu beurteilen. Es konnte sehr interessant werden, überlegte sie, ein unkalkulierbares Risiko.

Es musste schnell gehen. Am besten verschwendete sie keine Zeit. Nicht jetzt und nicht später.

Charlotte streifte sich das hellgrüne Knitterkleid über, zückte zwei Sicherheitsnadeln, die sie bereits zuvor an dem Kleid angebracht hatte und heftete den Rock am oberen Teil des Kleides etwa in Höhe der Taille fest und strich das Arrangement so glatt es ging.

Jetzt schlüpfte sie in die schwarze Samthose des Diebesanzugs, schnürte sie an der Taille besonders fest, um wiederum das Kleid zu dort zu fixieren. Dann streifte die den zugehörigen schwarzen Pullover über.

In der Kopfbedeckung des Anzugs fand sie einen Gummiring, mit dem sie sich die roten Haare zusammenknotete, bevor sie die Haube über den Kopf zog und das Mundstück zuknöpfte.

Nun waren lediglich Charlottes Augen noch von der Dunkelheit zu unterscheiden. Schnell schlüpfte sie noch in schwarze Lederstiefel, klinkte die locker daran baumelnden Spikes ein und bereit war sie.

Dann nahm sie sich ihrer Handtasche vor. Mit einem kurzen Handgriff verwandelten sich ihrer Träger in einen Riemen, den sich Charlotte um die Taille schnallen konnte.

Aus ihr entnahm sie die Handschuhe mit den Widerhaken. Auch diese streift sie routiniert über.

Lediglich zwei Minuten hatte Charlotte für diese Prozedur gebraucht und lag damit gut in der Zeit.

Zufrieden sah sie an sie herunter, machte probehalber eine Kniebeuge und streckte ihr rechtes Bein erstaunlich schmerzfrei, dafür äußerst elegant, hinauf zum rechten Ohr.

Ein Blick aus dem Fenster verriet ihr, dass der Schatten der umstehenden Bäume auf die rückwärtige Fassade des Hauses fiel.

Sehen würden die Diebe unten sie nicht können. Lediglich musste sie aufpassen, dass sie kein zu lautes Geräusch von sich gab.

Aus ihrer Tasche nahm sie sie ein kleines Fläschchen mit Schmieröl und träufelte ein zwei Tropfen auf die Scharniere ihres Zimmerfensters.

Das Fenster schwang auf.

Und Charlotte schwang sich hinaus.

Sie hockte auf Fenstersims und prüfte die Beschaffenheit des Mauerwerk. Unter ihrer Maske grinste sie. So viel steckte gar nicht hinter der Bleichfuß-Villa. Die Wände waren porös und wie geschaffen für Charlottes Spikes.

Ein kraftvoller Tritt gegen die Außenfassade genügte und sie hatte Halt.

Wie eine Katze, die mit Hilfe ihrer Krallen einen Baumstamm hinaufkletterte, kletterte Charlotte die Fassade der Villa hinauf - Sie sprintete vielmehr.

Nach einigen Metern senkrecht nach oben der Wand entlang erreichte Charlotte einen weiteren Fenstersims. Sie hielt sich daran fest und schwang sich mit einer erstaunlicherweise schmerzfreien, dafür eleganten, Geste daran hinauf.

Erneut kam das kleine Ölfläschchen zur Anwendung. Wie Charlotte vermutet hatte war das Fenster nur angelehnt. Die Stadtbewohner nutzten jede Gelegenheit um saubere Luft einzuatmen und dazu lüfteten sie auch schon mal stundenlang ihr Schlafzimmer, wenngleich die schwül-heiße Sommerluft nur wenig Frische in die Schlafzimmer einließ.

Charlotte atmete tief durch, als sie auf dem Boden eines weiteren Gästezimmers landete. Nachdem sie sich orientiert hatte, stellte sie fest, dass sie im Zimmer vor Lady Bösewetter gelandet war, denn sie erkannte eine pudrige Zweitperücke auf einem Ständer, die mit rosa Bändern durchdrungen war und im letzten Jahr für einen Klatsch auf der Bleichfuß-Feier geführt hatte.

Es gab keine Safes in den einzelnen Zimmern und niemand vertrauten seinen Schmuck Theodor Bleichfuß an. Was Lady Bösewetter also gerade nicht am Leib trug, musste sich hier befinden.

Der gezielte Griff einer Kennerin und die Matratze des schmalen Gästebettes brachte den gewünschten Erfolg: Eine Perlenkette - völlig aus der Mode gekommen - und eine kleine, mit Blattgold überzogene Taschenuhr, deren Verzierung zum größten Teil bereits abgeblättert war, deren Dämon aber noch einwandfrei in die Pedale zu treten schien. Jedenfalls bemerkte Charlotte keine Unregelmäßigkeiten im Tick-Geräusch. Sie entschied beides einzustecken.

Sie schwang sich erneut aus dem Fenster, schloss dasselbe leise und vorsichtig.

Jetzt kletterte sie waagerecht bis zum nächsten Fenstersims. Auch hier konnte sie ohne Zwischenfälle einsteigen, fand in einer Schankschublade eine Armband mit der Gravur „Zum Hochzaitstag" und in einer nur unordentlich ausgepackten Reisetasche einen Beutel mit 27 Ankh-Morpork-Dollar und 34 Cent.

Gerade wollte Charlotte wieder aus dem Fenster klettern, da hörte sie draußen ein raschelndes Geräusch. Ein Blick hinaus verriet ihr, dass ein Dieb lustlos mit einer Öllampe die Fassade hinauf leuchtet. Eine Sekunde bevor das Licht Charlottes Fenster erreichte, konnte sie sich auf den Boden werfen und gegen die Wand unter dem Fenster drücken, sodass sie nicht gesehen werden konnte.

Ein plötzlicher Adrenalinschub ließ Charlottes Herz so laut schlagen, dass sie Angst hatte der Dieb draußen könnte es vielleicht hören.

Sie fragte sie, was er wohl gesehen hatte, oder ob es sich um eine Routinekontrolle gehandelt hatte. Da sie die Arbeitsweise der Diebesgilde kannte und die Diebesgilde wohl vertraut war mit dem Vorgehen eines Diebes, hatte Charlotte durchaus Grund zur Skepsis. Diebe schlugen Diebe mit ihren eigenen Waffen. Jäger und Gejagter standen sich mit gleichen Voraussetzungen gegenüber.

Charlotte wagte es nicht noch einmal an der Rückfront des Hauses entlang zu klettern und beschloss sich einen Weg durch das Haus zu suchen.

Es waren Wachen unterwegs, aber was Wachen anging, so waren Diebe ihnen haushoch überlegen. Es ging immer nur darum, wer von beiden lautloser unterwegs war. Nun, das war in 99,9% der Fälle keine Frage.

Charlotte lauschte an der Tür und vernahm keinen Laut. Sie wagte es also durch die Tür auf den Flur zu treten und von dort ihren Weg fortzusetzen. Mit einem Dietrich konnte Charlotte Türen schneller aufsperren, als andere Leute, die einen passenden Schlüssel besaßen.

Ein guter Dieb verweilt nie lange an einem Ort und auch Charlotte hatte nicht vor lange auf dem Flur sichtbar zu bleiben.

Auf dem Steinboden machten die Spikes unter ihren Schuhen leise, kratzende Geräusche. Charlotte hatte nicht damit gerechnet, dass es so weit kommen würde, aber es war ihre eine willkommene Schikane.

Möglicherweise war es der Wein, der sie dazu veranlasste oder ihre generelle, krankhafte Neigung brenzlige Situationen zu provozieren. Charlotte drehte an einem Türknauf und fand Einlass in einem dritten Gästezimmer. Sie schloss die Tür leise hinter sich.

Es handelte sich um ein Zimmer, dessen Fenster zum Innenhof führte und seine Vorhänge waren vorgezogen. Offenbar wohnte hier ein recht misstrauischer Zeitgenosse. Charlotte konnte das Zimmer nicht zuordnen und suchte ein wenig, ohne zu wissen wonach im Gepäck und in der Kommode. Jedoch fand sie nicht einmal einen vergoldeten Manschettenknopf, auch kein Bargeld oder nur einen Hinweis auf den Namen des Gastes.

Nach einigen Minuten, die sie ein wenig kopflos versuchte, wieder klar zu denken, hörte sie Schritte auf das Zimmer zukommen. Da es sich um schwerfällige Schritte handelte, wusste sie, dass es sich um eine Wache handelte, entweder Karotte oder Fleischmeister.

Nicht auszudenken, was passierte, wenn ihr eigenen Ehemann, die fassen würde! Zum ersten Mal spürte Charlotte heiß-kochende Panik in ihrer Brust.

Charlotte spähte durch die Vorhänge hinunter in den Hof: Die anderen Partygäste fanden sich langsam auf der Tanzfläche ein und die Wachen dort unten nahmen nichts mehr wahr, das weiter als dreißig Zentimeter von ihren Augen entfernt war.

Ein weiterer Blick zurück zur Tür versicherte sie vollkommen: Da waren Schritte und sie kamen näher.

Die Ölflasche auf den Scharnieren entleert und mit einem Schwung auf dem Fenstersims.

Der ganze Hof lag in schummriges Party-Licht getaucht. Jemand, der an der Villa hinauf sehen würde, würde Charlotte auf den ersten Blick sehen, deshalb hieß es nun, so schnell wie möglich aus der Sichtweite der Leute gelangen. Da unten Musik gespielt wurde und man sich laut und fröhlich unterhielt, musste sie wenigstens nicht darauf achten, lautlos zu agieren.

Alles hatte seine Vor- und Nachteile. Das war das Leben.

Charlotte hatte keine Ahnung, wo sie hin klettern sollte. Womöglich konnte sie vom Dach aus hinüber auf die andere Seite, gelangen und darauf warten, bis die Diebe die Rückfront wieder in Schatten tauchten. Dann konnte sie ganz elegant wieder durch ihr eigenes Zimmerfenster ins Haus gelangen.

Charlotte kletterte hinauf und klammerte sich gerade an einer Regenrinne des Daches fest, als jemand schrie: „Bei den Göttern! Seht euch das an!". Und: „Er hat Recht! Das ist er! Weckt die Wachen! Ruft die Wachen! Hauptmann!".

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