Plötzlich war alles hell um Charlotte. Obwohl sich nichts an der Beleuchtungssituation geändert hatte, fühlte sie sich plötzlich angestarrt und bloßgestellt.
Unten ging das Geschrei los und Charlotte schaltete schnell, schwang sich aufs Dach und auf dem Untergrund der dunklen Ziegeln, war sie schon schwerer auszumachen, als vor der hellen Fassade.
Charlotte hastete über das Dach und vertraute nicht darauf, dass sie auf der anderen Seite ungehindert die Wand hinunterklettern konnte.
Von unten her hörte sie jemanden rufen: „Wo ist er? Er muss dort oben sein! Warum folgt ihm keiner?".
Sie haben mich aus dem Blick verloren, dachte Charlotte erleichtert, jetzt werden sie den Dieben Bescheid sagen. Sie musste so schnell wie möglich hier weg!
Nur wenige Sekunden später schimmerte es von der anderen Seite des Hauses. Die Diebe machten Licht. Mit Licht fing man Diebe.
Und dann Mumms Stimme: „Was trödelt ihr da drin so lange? Er ist da oben!".
Und dann Nobby: „Wo denn?".
Und dann Fleischmeister: „Gibt es hier irgendwo eine Leiter?".
Fleischmeister war draußen, dachte Charlotte, Grund genug für mich einen Weg hinein zu suchen.
Eine Dachluke kam wie gerufen.
Da Charlotte bereits das Anlehnen einer Leiter und die schweren Schritte ihres Ehemannes vernahm, verzichtete sie auf Schmieröl und trat mit den Spikes an ihren Stiefeln auf die Luke ein, bis das Glas darin zersplitterte. Sie glitt hinein und befand sich auf dem Dachboden der Villa.
„Er hat das Dachfenster zerstört!", rief Bleichfuß, „Er ist im Haus!".
„Alle Mann hinein!", befahl Mumm.
„Ich schnappe ihn da oben!", knurrte Fleischmeister und stiegt die Leiter weiter hinauf, die von Karotte festgehalten wurde, der unentschlossen zuckte, sich dann aber entschied, die Leiter zu sichern.
„Das ist Befehlsverweigerung!", rief Mumm schrill und blickte hinunter auf Colon und Nobby, woraufhin er seufzten musste: Empfand es denn niemand in dieser Wache für notwendig, seinen Befehlen Folge zu leisten?
Der Korporal und der Feldwebel hatten Schwierigkeiten das Gleichgewicht zu halten, während sie immer noch auf dem Boden saßen.
„Dann werde ich selbst gehen!", verkündete Mumm und stapfte los.
„Nein, Hauptmann!", rief eine aufgeregte, weibliche Stimme hinter ihm, „Ich bin sicher, Fähnrich Fleischmeister tut bereits alles notwendige, aber ich mache mir Sorgen um Charlotte. Sie ist immer noch da drin!", sagte Lilian und war den Tränen nahe.
„Ja. Natürlich.", sagte Mumm und hielt inne, „Es könnte für sie ziemlich brenzlig... Wir müssen ein Geiseldrama um jeden Preis verhindern!", rief er und stürmte ins Haus.
Charlotte wartete nicht, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit der Dachkammer gewöhnt hatten. Sie kannte die Handgriffe auf blind. Sie streifte Haube und Pullover ab, schlüpfte der Hose, löste die Sicherheitsnadeln von ihrem Kleid und das Haar aus dem Gummiband.
Allessamt fand seinen Platz in ihrer Tasche, die nun wieder eine Handtasche darstellte.
Lautlos schlich sie zu einer hölzernen Falltür, die, wie sie vermutete, direkt zum Flur der obersten Etage des Hauses führen würde.
Damit sie keine dreckigen Hände und Füße bekam, hatte sie Handschuhe und Schuhe angelassen.
Sie horchte an der Falltür und vernahm nichts.
Es musste alles sehr schnell gehen, denn ihr Mann war bereits hinter ihr her. Also riss sie die Klappe im Boden auf kletterte hinaus. Sie hing einhändig am Rand der Falltür und versuchte sich so schnell wie möglich die Stiefel auszuziehen, bevor sie den Boden darunter berührte und einen Fußabtruck von Dachbodendreck hinterließ.
Es genügte einen Schuh auszuziehen, auf dem sie landen konnte. Sie sprang hinunter, zog dort den zweiten Stiefel und die Handschuhe aus, verstaute sie in ihrer Handtasche, wobei sie etwas stopfen musste.
An einer langen Schnur konnte sie die Luke der Falltür zuziehen.
Charlotte glättete ihr Kleid und eilte barfuß hinunter zu ihrem Zimmer.
Auf dem Weg dorthin öffnete sie ein Fenster entlang des Flurs. Dass keine Reaktion seitens der Diebe draußen zu vernehmen war, beruhigte Charlotte, denn es bedeutete, dass die Diebe noch gar keine konkreten Verdacht hatten. Sicher würde es sich gleich ändern, doch sie war in relativer Sicherheit, gewährt durch ein zerknittertes, grünes Kleid, dass unmöglich die Aufmachung eines Diebes darstellen konnte.
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