Mumm stürmte in die Villa und orientierte sich erst nachdem er blindlings losgerannt war. Er hatte keine Ahnung, was genau er unternehmen konnte und war man von ihm erwartete. Er vertraute auf seine Polizeisinne, die ihn noch nie im Stich gelassen hatte, wenn es brenzlig wurde. Das Polizeigeschäft war keineswegs eine Verstands-Angelegenheit, sondern beruhte auf Instinkt und antrainierter Routine - oder auch auf geschickten Vertuschung der eigenen Misserfolge.
Er eilte die Treppe hinauf in der ersten Stock. Gerade wollte er vorsichtig an Charlottes Tür klopfen, da zuckte seine Hand unwillkürlich dorthin, wo normalerweise - wenn er keinen viel zu kleinen Anzug trug - sein Kurzschwert am seinem Gürtel hing. Er griff ins Leere, was einen kurzen Augenblick der Panik in ihm aufsteigen ließ.
Das Geräusch, das er vernommen zu haben glaubte, war eines jener, die mit aller Gewalt vermieden werden wollen und deshalb auf ein geschultes Ohr umso markanter wirkten.
Schlagartig entspannte er sich, als seine Augen die Information ans Gehirn weitergeleitet hatten, dass dies unmöglich der angreifende Dieb sein konnte.
Es folgte ein weiterer Moment der Anspannung, als sein Gehirn die Information verarbeitete und er Charlotte auf sich zu eilen sah.
„Was ist passiert?", fragten beide gleichzeitig.
Mumm ließ Charlotte galant den Vortritt bei der Beantwortung der Frage. Sie sagte und schaffte es dabei kreideweiß anzulaufen: „Ich habe ein Geräusch gehört und dachte, dass es vielleicht Kenneth ist und bin hinaus auf den Flur gegangen und die Treppe hinauf und da sehe ich, wie dieser Mann in der nächsten Tür verschwindet. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, es war ganz eindeutig dieser Dieb und plötzlich...".
„In Wirklichkeit ist es dann wohl doch nicht mehr so stimulierend, einen Dieb zu fangen, als in deinen Büchern, was?", fragte Mumm, Oberwasser gewinnend.
„Überhaupt nicht!", gab Charlotte zu, „Ich meine, man ist überhaupt nicht darauf vorbereitet. Was, wenn er in mein Zimmer eingebrochen wäre? Nicht auszudenken!".
„Aber du bist ihm hinterher geschlichen!", stellte Mumm fest und es lag ein gewisser anklagender Unterton in seiner Stimme. Endlich war er Charlotte in einem Gespräch überlegen. Endlich konnte er einmal ein Trumpf ausspielen.
„Ich habe nach Kenneth gesucht. Aber ich habe ihn im ganzen Haus nicht gefunden und ich war gerade auf dem Weg hinaus, um dich zu holen.".
Ich habe Karotte und Kenneth hinausgerufen.", fiel es Mumm ein. Rückblickend war es seine Schuld. Er hatte Charlotte in Gefahr gebracht. „Es tut mir Leid!".
Er nahm Charlottes Hand und stellte fest, dass sie zitterte. Ihr Gesicht zeigte alle Anzeichen eines Schocks. Sie war bleicher als sonst und ihre Augen immer noch angstvoll aufgerissen.
„Dein Mann ist im Augenblick dabei den Dieb zu fangen. Er ist aufs Dach geklettert. Ich bin sicher, dass er ihn bereits gestellt hat.", Mumm verschwieg, dass der Dieb eine Dachluke zerschlagen hatte und sich derzeit im Haus befinden musste.
„Ich hatte den Eindruck, es klang da oben, als sei ein Fenster zersplittert.", flüsterte Charlotte.
„Er hat offensichtlich eine Dachluke zerschlagen.", murmelte Mumm widerstrebend.
„Er ist wieder hier drin?", rief Charlotte entsetzt.
„Es könnte sein.", gab Mumm zu.
Charlotte sah sich angstvoll um und zwang sich noch etwas mehr zu zittern.
„Du musst keine Angst haben.", sagte Mumm, „Ich bin... ähm... Ich meine, eine Wächter ist so eine Art Freund und Helfer und ich glaube, dass du bei mir sicher bist.".
„Du bist nicht mal bewaffnet.", sagte Charlotte und bediente sich plötzlich wieder eines kühlen, analytischen Tons.
„Nun ja, aber meine Autorität schlägt so manchen Dieb in die Flucht.", wand sich Mumm.
„Aber diesen ganz sicher nicht.", Charlotte wurde panisch und Mumm sah es als seine Pflicht an, die junge Frau irgendwie - egal wie - zu beruhigen. Er hoffte, dass eine physische Berührung ausreichte und nahm sie in den Arm.
Es fühlte sich seltsam an, immerhin war Charlotte verheiratet und ihr Ehemann war noch am Leben. Er versuchte so unverbindlich wie möglich ein tröstendes Gefühl zu vermitteln.
Charlotte schienen derartige moralische Hemmungen nicht zu verspüren und klammerte sich an den Hauptmann, machte ein paar Schluchzende Geräusche hinter seinem Rücken und konnte ein triumphierendes Grinsen nicht völlig unterdrücken.
Zur gleichen Zeit schreckten Mumm und Charlotte zusammen. Beide besaßen trainierte Ohren und hatten soeben ein Geräusch wahrgenommen, das verbissen vermieden werden wollte.
„Was war das?", fragte Charlotte angstvoll.
Mumm überlegte, ob er sie hinaus bringen sollte, oder ob er dem Geräusch nachgehen sollte und Charlotte allein hinausschicken sollte.
Er entschied sich und sagte: „Komm mit!" und nahm Charlotte bei der Hand um sie mit sich hinauf zu ziehen.
„Aber wohin gehen wir?", fragte sie vorsichtig, als sie bereits losgeeilt waren.
„Du wolltest einen Dieb fangen! Jetzt ist das unsere Chance. Sie haben mich hier her eingeladen, damit ich ihnen einen Dieb fange, jetzt erfülle ich meine Pflicht.".
„Aber es ist gefährlich.".
„Und ich dachte, dir gefiele das.", sagte Mumm und grinste zu ihr zurück.
„Na schön! Du sollst mich ja nicht für einen Feigling halten!", sagte Charlotte fest und blieb schlagartig neben Mumm stehen.
Der gellende Schrei eines Mannes dröhnte durch ein offenes Fenster.
„Die Diebe haben ihn erwischt!", war Mumms erste Vermutung.
„Nein!", widersprach Charlotte, die aus dem Fenster hinunter blickte, „Sie haben... Sie haben... Kenneth erwischt!".
„Was?", rief Mumm und stützte sich auf die Fensterbank, um sich so weit wie möglich hinauszulehnen.
Tatsächlich. Da unten lag Fähnrich Kenneth Fleischmeister, umringt von Dieben und Gefreiter Karotte.
„Das Fenster stand offen.", sagte Charlotte leise, „Sicher ist der Dieb hierdurch entkommen.".
„Wahrscheinlich!", knurrte Mumm, „Elender Dreckskerl! Führt uns alle an der Nase herum, indem er vor unserer Nase herumturnt und vor unserer Nase verschwindet! Mistkerl!".
Das markerschütternde Wimmern des vom Dach gefallenen Fleischmeister drang zu ihnen hinauf.
Reflexartig griff Mumm nach Charlottes Hand und zog sie mit sich hinunter: „Komm, das sehen wir uns an.", sagte er resigniert, bevor er zu sich selbst murmelte: „Führt uns alle vor! Drecksdieb!".
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