Mumm schob zwei Diebe bei Seite und drängte sich in die erste Reihe um den am Boden liegenden Fähnrich.

Charlotte folgte ihm auf dem Fuß, nur musste sie niemanden bei Seite schieben. Die Diebe machten ihr von sich aus Platz.

„Was ist passiert?", fragte Mumm ungeduldig.

„Er hat gesagt, ich soll schießen!", wimmerte ein junger Dieb in Ausbildung und zeigte mit dem Finger auf Karotte.

Mumm blickte hinüber zu dem Gefreiten.

„Das ist nicht wahr!", verkündete Karotte schockiert.

„Er hat gesagt, der Dieb sei auf dem Dach.", mischte sich ein älterer, dürrer Dieb ein und nahm seinen Lehrling in Schutz, „Und da stand dann dieser Typ, mitten auf dem Dach. Natürlich haben wir auf ihn geschossen! Ich hab dem Jungen die Armbrust in die Hand gedrückt, weil es so ein wunderbares Ziel zum Üben darstellte, aber...".

„...er hat ihn verfehlt.", mischte sich ein dritter Dieb ein, der ganz in schwarz gekleidet im Schatten der Villa fast unsichtbar erschien.

„Den Göttern sei Dank!", wimmerte Fleischmeister, „Der Bolzen schoss haarscharf an meinem Ohr vorbei und da hab ich das Gleichgewicht verloren.".

„Ist alles in Ordnung mir dir?", fragte Mumm.

„Ich bin nicht sicher.", antwortete der Gefallene.

„Habt ihr denn nicht gehört, wie der Dieb die Dachluke zerschlagen hat? Ihr hättet euch doch denken können, dass das da nicht der Dieb ist. Allein die Silhouette. Dass er kein Dieb sein kann, hättet ihr auf den erste Blick sehen müssen!", warf Charlotte anklagend ein und kniete sich zu ihrem Mann auf den Boden. Sie war immer noch barfuß, aber im Augenblick störte es weder sie noch die Wachen, noch die Diebe.

„Ich wüsste nicht, warum du dich in diese Angelegenheiten einmischen solltest!", kam es von Charlie Freemont in die Richtung seiner Tochter gezischt.

„Es geht immerhin um meinen Mann!", gab sie ebenso giftig zurück.

„Er ist selbst schuld! Wenn man sich auf einem Dach nicht halten kann, sollte man nicht hinaufsteigen.", sagte Freemont und blickte abschätzig auf den Boden.

„Von euch ist niemand mutig genug gewesen hinaufzuklettern.", wand Charlotte ein.

„Es war effektiver ihn von hier unten herunter zu holen. Überlass das den Profis, Kind!", sagte das Gildenoberhaupt ruhig.

„Profis!", spuckte Charlotte aus, „Dazu sind also Profis fähig!", sie zeigte zu ihrem Mann.

„Ich glaube, mein Bein ist gebrochen.", sagte dieser um auch einen Beitrag zu leisten, der jedoch ignoriert wurde.

„Sei nicht so undankbar! Immerhin verdankt ihr Frauen die Sicherheit eurer Juwelen Männern wie uns.", sagte Freemont.

„Oh, sie sind sehr sicher! Der Einbrecher ist entkommen. Ich glaube an der Sicherheitslage der Juwelen hat sich heute Abend nicht wirklich etwas verändert! Im übrigen, entscheide ich selbst, wem ich dankbar bin und wem nicht und da ich keine Juwelen besitze, beschließe ich lieber demjenigen dankbar zu sein, der statt Edelsteinen mein Leben beschützt hat, während ihr zu feige oder zu faul ward aufs Dach zu steigen!".

Mumm lief rot an, als Charlotte einen Fingerzeig in seine Richtung tätigte.

„Vorsicht, junge Dame!", begann Freemont, aber seine Drohung verpuffte.

„Junge Dame?", rief Charlotte entsetzt, „Ich bin keine fünf mehr! Ich kann sehr wohl selbst denken! Und ich sehe einen Misserfolg auf allen Ebenen. So werdet ihr eure Konzession nicht mehr lange behalten, das prophezeie ich euch.".

„Was?", flüsterte der Lehrling zu seinem Ausbilder, „In der Broschüre stand, das sei ein sicherer Job, ehrenhaft und anerkannt.".

„Shhht!", machte der dürre, ältere Dieb, weil er keine bessere Antwort wusste.

„Mein Bein... ist gebrochen.", meldete sich Fleischmeister zaghaft.

„Ich muss mich wirklich für die Diebesgilde schämen. Nicht einmal einen einzelnen Juwelendieb auf einer gutbesuchten Party könnte ihr stellen. Stattdessen verletzt ihr einen ehrenwerten Wächter, der im Gegensatz zu euch etwas für seine Pflicht riskiert. Wenn ich hier etwas zu sagen hätte...".

„Charlotte, das Thema hatten wir! Ein Mädchen kann kein Dieb sein! Und damit basta! Es gefällt mir schon nicht, dass du all diese Bücher über Verbrecher und Kommissare liest, aber es ist völlig ausgeschlossen, dass du...".

„...würde ich mit etwas mehr Verstand an die Sache herangehen. Mit etwas mehr Verstand und etwas weniger Trägheit!".

„Aber du hast hier nichts zu sagen, Charlotte! Du bist kein Dieb und du wärst niemals in der Lage dem Druck dieses Berufes Stand zu halten. Frauen neigen dazu alles durch eine romantische Brille zu sehen und übersehen dabei, dass es harte Arbeit ist, eine Gilde zu führen, mit dem Patrizier zu verhandeln und das monatliche Soll zu erfüllen! Du, Charlotte, verstehst die Komplexität der Gilde nicht. Und. Du. Bist. Kein. Dieb.", donnerte Charlie Freemont.

Charlotte stand auf. Bis eben hatte sie auf dem Boden neben ihrem verletzten Mann gekniet. Jetzt schien sie ihn vollkommen vergessen zu haben und sie schritt auf ihren Vater zu: „Jetzt will ich dir mal etwas sagen: Es war der größte Fehler den Hauptteil der Verbrechensbekämpfung von Ankh-Morpork in deine Hände zu geben. Du bist kein Dieb und du warst nie einer! Du kannst lediglich dein freundliches Gesicht auf diversen Gartenpartys zur Schau stellen. Aber in deinem ganzen Leben hast du noch keinen richtigen Erfolg gehabt.".

„Dein Großvater hat sich für diese Gilde aufgeopfert, sodass unter anderem auch du das beste Leben führen konntest, dass man sich vorstellen kann. Sei also nicht so undankbar!".

„Mein Großvater war ein Dieb! Sein Sohn ist ein Showman!", zischte Charlotte.

„Und seine Enkelin ist eine ungezogene, vorlaute Göre, die ihr Verhalten seit dem fünfzehnten Lebensjahr ihrem Alter nicht mehr angepasst hat. Und wenn du sonst nichts von mir geerbt hast: Du bist ebenfalls ein Showgirl! Und es gefällt mir ganz und gar nicht! Sieh dich nur an! Barfuß und kniefrei. Und wo ist dein Ehering? Ach, ich vergaß: Meine Tochter trägt keinen Schmuck...", sagte Freemont hitzig.

„Mein Bein... es ist gebrochen.".

Charlotte nahm tief Luft: „Ich mache mir Sorgen um die Gilde, das ist alles.", sagte sie ruhiger.

„Das musst du nicht.", erwiderte ihr Vater ebenfalls einlenkend, „Noch nie hat ein Freemont versagt, wenn es um seine Berufung ging.".

„Fragt sich nur, was wessen Berufung ist.", murmelte Charlotte, aber Charlie Freemont hatte sie gehört.

„Hör mit diesen Anspielungen auf. Ich verstehe nicht, warum du sauer bist. Andere Mädchen geben sich auch damit zufrieden zu heiraten und...".

„Ja? Und dann?", wollte Charlotte wissen.

„Du weißt schon... Dann...", druckste ihr Vater.

„Ach vergiss es!", sie wandte sich um und blickte zu Hauptmann Mumm. In ihren Augen glitzerte noch immer die Wut auf ihren Vater.

Karotte stand neben ihm und verfolgte mit einigem Argwohn den Streit zwischen Vater und Tochter. Dort wo er aufgewachsen war, gab es derartige Meinungsverschiedenheiten nicht. Kinder fügten sich für gewöhnlich dem Willen der Eltern, aber in diesem Fall musste Karotte zugeben, dass Charlotte ihrem Vater mit Nichten unterlegen war.

„Ich glaube, er hat sich ein Bein gebrochen.", sagte Charlotte knapp und stapfte - barfuß - an den beiden Wachmännern vorbei. Ein dramatischer Abgang, wie sie ihn liebte.

*