„Charlotte, was machst du für Sachen?", rief Lilian, als sie ihrer Freundin entgegen lief.
„Das ist der ungewisse Faktor, den ich bei der ganzen Sache so sehr schätze.", erwiderte Charlotte ruhig.
„Was wäre passiert, wenn nicht dieser Vollidiot hinter dir her geklettert wäre, sondern der große, breite? Was wenn die Diebe dich gesehen hätten?".
„Dann hätte die Standpauke da eben wohl etwas anders ausgesehen.", sagte Charlotte, „Ich glaube, ich brauch ein Glas Rotwein.".
„Der Hauptmann hätte alles verderben können.", führte Lilian verzweifelt an.
„Ja, und deshalb wollte ich unbedingt, dass er hier ist. Wo ist der verdammte Rotwein!".
„Meinst du nicht, dass du dich ein wenig... schockierte zeigen solltest?", fragte Lilian.
„Ach was! Ich bin traumatisiert! Ich brauche was zu trinken.", Charlotte setzte sich auf ihren Platz an dem langen Tisch und goss sich ein Glas Wein ein. Lilian nahm neben ihr Platz.
„Was ist mit deinem Mann? Er ist plötzlich vom Dach gestürzt, oder?", fragte Lilian.
„Ja. Hat sich ein Bein gebrochen, glaube ich. Jedenfalls kann ich mir das Elend nicht mehr ansehen da hinten.", Charlotte nahm einen Schluck.
„Weißt du, Charlotte, irgendwann wird der Tag kommen, da wirst du deinem Mann gehen über etwas mehr Emotionalität entgegen bringen müssen.", sagte Lilian sanft.
„Ach Lilian, was ist schon eine Ehe? Was ist sie schon wert, wenn man sich nicht selbst dazu entschieden hat, sie einzugehen? Das ganze dient nur repräsentativen Zwecken. Es ist lediglich vordergründig und ansonsten kann ich tun und lassen, was ich möchte. Ich dachte, wir wären uns einig.", erwidert Charlotte gelangweilt.
„Naja, so dachten wir damals, als das alles noch in weiter Ferne lag. Ich weiß nicht, ob das Leben wirklich so leicht zu nehmen ist.", sinnierte Lilian und erwartete keine Antwort, „Gibt es für dich denn nichts ernsthaftes?".
Charlotte überlegte - ernsthaft: „Ich weiß nicht. Vielleicht irgendwann.".
„Das Leben war gut zu uns.", erläuterte Lilian weiter, „Vielleicht wissen wir gar nicht, was Ernst bedeutet.".
„Ich habe eine recht gut Vorstellung davon und sie gefällt mir gar nicht.", entgegnete Charlotte, „Du solltest das lassen. Es bringt nichts, sich über das Leben an sich Gedanken zu machen. Es kommt ohnehin immer anders als man denkt.".
„Wenn dem so wäre, wäre das Leben nicht so langweilig.", fiel Lilian ein.
„Das ist etwas, was ich sagen sollte, nicht?", Charlotte lachte.
„Ich kenne dich so gut, Charlotte Freemont! Und ich habe überhaupt keine Ahnung, wer du bist.".
„Ich bin niemand. Das ganze Leben ist eine Bühne und wir müssen so gut wie möglich schauspielern. Ziel des Spiels ist es, nicht erkannt zu werden.".
„Du hast zu viel getrunken, Charlotte. Du redest dummes Zeug!".
„Mag sein. Manchmal komme ich selbst durcheinander.".
„In vino veritas est.", sagte Lilian und goss Charlotte und sich ein.
„Ich hab mir nur ein bisschen Abwechslung gewünscht.", lallte Charlotte, „Ein bisschen das Schicksal in die eigenen Hände nehmen und es denen da oben zeigen und besser sein und eine ordentliche Romanze.".
„Ein guter Krimi ist immer eine Romanze.", bestätigte Lilian.
„Ein gutes Verbrechen ist immer leidenschaftlich.", sagte Charlotte und legte den Kopf auf den Tisch, „Vielleicht war das heute doch ein wenig zu riskant. Wir sollten mit dem nächsten Vorhaben ein wenig warten. Ich glaube, ich habe in den nächsten Wochen die moralische Pflicht ein gebrochenes Bein zu behandeln.".
„Wenigstens mit deiner Moral ist alles in Ordnung.", bemerkte Lilian und schenkte neuen Wein ein.
„Es tut mir Leid. Ich wollte niemanden verletzen.", sagte Charlotte plötzlich.
„Es ist nicht deine Schuld!", tröstete Lilian, „Sieh dir das Dach doch mal an! Jeder wäre da herunter gefallen außer dir. Das hätte ihm von Anfang an klar sein müssen. Hey, sehe ich da eine Träne in deinem Augenwinkel? Du musst wirklich nicht...".
Charlotte grinste: „Die ist neu. Wie findest du sie? Passt sie ins Repertoire?".
„Charlotte, du bist unmöglich!", rief Lilian und gab ihrer Freundin einen Klatscher auf den Hinterkopf.
„Entschuldigung, Misses Freemont?", sprach plötzliche eine vorsichtige Stimme hinter den beiden.
Lilian wandte sich um und sprach in warmherzigen Flüsterton: „Sie ist völlig aufgelöst, Hauptmann.".
„Das verstehe ich vollkommen. Ich bin nur gekommen um... Ich würde gerne unter vier Augen...".
„Aber natürlich! Ich werde mich diskret zurückziehen. Wenn ihr mich braucht...", sagte Lilian und trat einige Schritt zurück, wo ein junger Assassine ihr eine Jacke über die Schulter legte und sagte: „Das war ein ziemlich anstrengender Abend. Ich hoffe dir ist nichts gestohlen worden.".
„Ach nein, ich hatte nichts auf meinem Zimmer, das unersetzlich wäre.".
„Wir sollten trotzdem nachsehen.".
„Du hast Recht.", gab Lilian nach und warf noch einen letzten Blick auf Charlotte und Mumm. Eigentlich war sie auf den Inhalt dieses Gespräches neugieriger, als das, was sie in ihrem Zimmer erwartete.
„Es tut mir sehr Leid, was passiert ist.", begann Mumm und setzte sich neben Charlotte.
„Dir muss es nicht Leid tun.", erwiderte Charlotte, ohne ihn anzusehen.
„Jedenfalls wurde dir nichts gestohlen.", stellte Mumm unbeholfen fest.
„Nein, mir versucht nie jemand etwas wegzunehmen.", jammerte Charlotte, „Respekt und Ansehen machen sehr einsam.".
„Es gibt schlimmeres.", sagte Mumm und sprach aus Erfahrung, denn es gab durchaus noch andere Dinge, die einsam machten. Nüchternheit trotz Trunksucht, was unmittelbar zum Zynismus mutierte, zum Beispiel.
„Bestimmt.", seufzte Charlotte.
„Hör mal, ich... ähm... weiß nicht wie ich das sagen soll. Aber dein Mann wird für einige Zeit außer Gefecht gesetzt sein. Wir haben sein Bein geschient, aber er wird kaum in der Lage sein seinen Dienst anzutreten.".
„Das dachte ich mir schon.", sagte Charlotte tonlos.
„Nun, die Besoldungsvorschriften der Stadtwache sehen keinen Ausgleich für Fehlzeiten vor.", fuhr Mumm langsam fort.
„Ich nehme an, dass dir klar ist, dass mein Mann und ich von diesem Sold abhängig sind?", erwiderte Charlotte mit bemerkenswertem Desinteresse.
„Ja. Das ist mir klar und ich kämpfe seit Jahren dafür, dass sich in der Beziehung etwas ändert. Ich meine...".
„Schon gut. Es ist nicht deine Schuld.", sagte Charlotte und hielt nun für den Zeitpunkt für gekommen, da sie den Hauptmann anblicken konnte. Eine Träne lief ihre über das Gesicht. Sogar ihre Körperfunktionen verstanden etwas von perfektem Timing.
„Du musst dir keine Sorgen machen.", sagte Mumm automatisch und rückte ein Stück näher, „Für die paar Wochen...", er stockte, dachte kurz nach und vervollständigte dann den Satz doch, „kann ich dir aushelfen.".
Nur eine Viertelsekunde später biss sich der Hauptmann auf die Zunge. Unter normalen Umständen war nichts dabei, einer Frau in einem nicht selbstverschuldeten Engpass auszuhelfen, aber Charlotte stammte aus einer der reichten Familien Ankhs. Sollte sich die Diebesgilde darum kümmert, nicht er!
Doch er hatte es ausgesprochen und seine Zunge weigerte sich, das Angebot zurück zu nehmen. Diese Frau war Gift! Diese Frau war in der Lage ihn ohne jegliche Anstrengungen um den Finger zu wickeln. Allein ihre Anwesenheit bedeutete Gefahr!
„Das ist sehr nobel, Hauptmann!", bescheinigte Charlotte, „Aber ich kann das Angebot nicht annehmen. Ich bin der Meinung, dass man nur dann Geld verdient, wenn man dafür arbeitet. Ich werde sehen müssen, wie ich über die Runden komme.".
„Aber wo willst du Arbeit finden? Es gibt nicht viele Arbeitsstellen für einen junge Frau deines Standes in Ankh-Morpork. Vielleicht könnte ich mit deinem Vater sprechen...".
„Du hast ihn gehört, oder?", warf Charlotte ein.
„Aber...".
„Ich werde schon etwas finden, da bin ich sicher.", sagte Charlotte und stand auf.
Mumm blieb allein zurück und fragte sich, ob er nun grade eine aufrichtige Seite von Charlotte Freemont kennen gelernt hatte, oder ob das nur einen neue Masche von ihr war.
Diese Frau war ein Rätsel. Ein giftiges, verführerisches Rätsel.
*
