Mumm kippelte auf seinem Stuhl hinter seinem Schreibtisch. Jetzt verbrachte er auch schon die Tage hier!
Er spielte nervös mit seiner Dienstmarke.
Ihm fehlte ein Mann. Seine Nachtwache war ohnehin chronisch unterbesetzt und nun fehlte auch noch der Fähnrich. Nicht, dass er ihn persönlich vermissen würde, aber unter den gegebenen Umständen konnte man nicht zu viele Nachtwächter in den Straßen patrouillieren haben. Zweifellos hatte der Dieb auf dem Fest der Geringen Götter Blut geleckt. Er hatte Diebe und Wache ausgetrickst. Sicherlich würde er sich etwas darauf einbilden. Und das schlimme daran: Er hatte recht! Diese Dieb war ihm in jedem erdenklichen Maß überlegen.
In letzter Zeit hatte Mumm sich zu oft geschlagen geben müssen, stellte er fest. Er war nicht mehr der Alte.
Mumm nahm sich fest vor, dem nächsten Menschen, der einen Frage an ihn richtete, eine gehörige Abfuhr zu erteilen. Einfach um sich besser zu fühlen.
Es klopfte. Das kam ja wie gerufen!
„Ja?", rief er genervt.
Die Scharniere quietschten und nur ganz langsam öffnete sich die Tür.
„Nein!", rief Mumm entschlossen, als er sich erinnerte, dass er darauf aus war, eine Abfuhr erteilen und es war sicher leichter, wenn man sich das Begehren des Bittstellers nicht erst anhörte.
„Was denn nun?", fragte Charlotte und trat ein.
Mumm starrte sprachlos. Dann knurrte er: „Was machst du hier?" und ließ seine Dienstmarke in einer Schublade des Schreibtischs verschwinden.
Dies war sein Reich! Dieses Biest durfte hier nicht eindringen! Sie durfte es einfach nicht! War er denn nirgends mehr sicher?
„Nun, hier bin ich. Ich werde für mein Gel arbeiten!", sagte Charlotte mit dem Brustton der Überzeugung.
„Bitte was?", Mumm klang erschrocken und wütend zu gleich.
„Ich werde für mein Geld arbeiten, du hast schon richtig gehört. Wie wir beide bereits festgestellt haben, bietet diese Stadt für eine Frau nur wenige Arbeitsstellen, die mir geeignet erscheinen und da dachte, ich weil du doch so nobel warst mir einen Teil deines persönlichen Solds zur Verfügung zu stellen, wärst du vielleicht auch so nobel, mir das Geld zuzugestehen, wenn ich etwas dafür leiste. Ich dachte, ich könnte vielleicht den Platz meines Mannes einnehmen, während er sich auskuriert.".
„Ausgeschlossen!", brachte Mumm hervor.
„Was ist so verwerflich, Hauptmann?", fragte Charlotte, trat näher und stützte sich mit beiden Händen auf Mumms Schreibtisch ab.
Der Hauptmann schluckte und versuchte seine Augäpfel irgendwie zu verdrehen, sodass sie keinen Blick auf irgendein Körperteil von Charlotte werfen mussten.
„Ich glaube kaum, dass du... die erforderlichen Eigenschaften eines Wächters mitbringt.", stammelte Mumm.
„Wieso?", fragte Charlotte, „Woher willst du das wissen?".
„Naja. Du bist eher die Art Mensch, die man beschützt, nicht die die beschützen.", erklärte Mumm.
„Das kannst du doch gar nicht wissen, bevor du nicht gesehen hast, was ich kann.", bohrte Charlotte weiter.
„Was kannst du denn? Kannst du mit der Armbrust umgehen?".
Charlotte verstummte.
„Kannst du einem Straßenräuber die Arme mit bloßen Händen brechen? Kannst du laut genug schreien um in einer Zwergenkneipe für Ruhe zu sorgen?".
„Ich könnte es lernen.", sagte Charlotte kleinlaut.
„Bevor du es gelernt hättest, hätte man dich unten in den Schatten in Fetzen gerissen.", erläuterte Mumm und lächelte schief, „Sieh mal, das sind alles Dinge, die können Männer automatisch. Sie müssen es nicht lernen und deshalb sollten auch Männer Wachen sein und Frauen...nicht.".
Charlotte klappte ihre Augenbrauen hinunter.
„Komm schon, du musst doch einsehen, dass du nachts lieber in deinem warmen Bett liegst, als durch die Straßen zu streifen.", führte Mumm aus und das Lächeln verging ihm nicht.
Charlotte stülpte die Unterlippe vor und bedachte den Hauptmann mit einem bitterbösen Blick.
„Es tut mir wirklich Leid, aber ich kann dir keine Arbeit anbieten. Es wäre zu gefährlich für dich! Sieh dich an: Eigentlich solltest du nicht mal einen Schritt auf diesen Straßen wagen!".
„Ich weiß mich zu verteidigen.", gab Charlotte trocken zurück, „Ich verstehe. Du willst mich nicht einstellen. Ich bin es nicht gewohnt, aber so ist das wohl. Früher oder später muss jeder einmal lernen sich für die Dinge, die man haben will, anzustrengen.".
„Ich glaube, der Spruch sollte eher heißen: Früher oder später muss jeder einmal lernen, dass man nicht alle Dinge, die an haben will, auch haben kann.", sagte Mumm und lächelte weiterhin.
„Ich meinte es so, wie ich es sagte!", betonte Charlotte, wandte sich um und verließ das Wachhaus: „Auf Wiedersehn, Hauptmann!", betonte sie.
„Und wenn wir uns wieder sehen, werde ich dir auch keine Anstellung geben!", rief Mumm ihr nach. Er glaubte sie durchschaut zu habe und lachte nun laut auf.
Von draußen kam: „Du wirst dir noch wünschen mich früher eingestellt zu haben!".
Mumm lachte. Frauen waren in ihrer Sturheit manchmal wirklich faszinierend. Er wollte ihnen nicht eine gewisse Form von Intelligenz absprechen, aber sie waren doch bemerkenswert uneinsichtig, wenn es um Tatsachen und Wahrheiten ging. Es ist der Stolz, dachte er. Stolz ist nicht die schlechteste Eigenschaft eines Menschen, kann aber gefährlich werden. Besser man weist ihn rechtzeitig in die Schranken.
Charlotte lächelte, als sie das Wachhaus von Ankh verließ und zurück in Lilians Kutsche stieg. Sie hatte nichts anderes erwartet, aber sie wollte auf Nummer sicher gehen, bevor sie mit Lilian den nächsten Coup plante.
„Danke, dass du so lange gewartet hast."; sagte sie zum Kutscher, „Vielleicht solltest du diesen kleinen Umweg erst mal für dich behalten.".
„Natürlich, Misses.", brummte der angesprochene und lug mit den Zügeln auf die Rücken der Pferde, die sich darauf hin in Bewegung setzten.
Charlotte schlürfte an ihrer Tasse Tee: „Wie zum Toifel machst du das?".
„Was?", fragte Lilian.
„Den Tee.", betonte Charlotte und leckte sich die Lippen, „Er schmeckt.".
„Ja und?".
„Schon gut. Den Trick finde ich auch noch heraus.", winkte Charlotte ab.
„Was hast du dir vorgestellt?", fragte Lilian und brachte eine Sache mit Gebäck.
„Jetzt sei bitte nicht schockiert, aber was hältst du vom neuen Wachhaus von Ankh?".
„Was sollte es da zu holen geben?", fragte Lilian und knabberte an einem Plätzchen.
„Im Schreibtisch des Hauptmanns gibt es eine Schublade, wo er seine Dienstmarke verstaut.", erklärte Charlotte und lief blass rot an.
„Eine Trophäe. Ich dachte, auf so etwas bist du nicht aus. Das Ding ist wertlos und könnte dich in Schwierigkeiten bringen, wenn es gefunden wird.", argumentierte Lilian.
„Lass das meine Sorge sein, Lilian.".
„Aber wie willst du da ran kommen? Das Wachhaus ist die ganze Nacht besetzt. Es ist jetzt sogar tagsüber besetzt, meint Vater. Muss ziemlich verzweifelt sein, dein Hauptmann.", überlegte Lilian.
„Nicht verzweifelt genug.", widersprach Charlotte, „Das Wachhaus wird heute Nacht leer stehen. Mumm hat nicht genug Männer und muss deshalb heute Nacht selbst Patrouille gehen. Er kann es sich nicht leisten drinnen zu bleiben, vor allem, wenn es tausende von Häusern gibt, in die mit viel größerer Wahrscheinlichkeit eingebrochen wird.".
„Du nennst ihn schon beim Nachnamen?", Lilian gluckste und verschluckte sich an einem Keks.
„Wenn ich ihn Sam nennen darf, wirst du vor Neid erblassen! Jetzt tu nicht so!".
„Sam? Das wäre ja fast niedlich!", lachte Lilian, „Sam und Lotte sitzen auf dem Baum...".
„Sei nicht albern!", mahnte Charlotte.
„Nein, aus dem Alter sind wir raus.", bestätigte Lilian.
„Ich habe ein gutes Recht auf meine eigene Romanze!", behauptete Charlotte stolz.
„Du meinst deinen eigenen Krimi?", verbesserte Lilian.
„Fast das gleiche.", Charlotte winkte ab, „Kommst du heute Nacht mit?".
„Natürlich! Das will ich mir nicht entgehen lassen!", rief Lilian.
„Mitternacht. Hinter den Wachhaus.", sagte Charlotte und stand auf. Sie nahm noch einen letzten Schluck aus ihrer Tasse und murmelte: „Erstaunlich! Kein bisschen bitter. Er muss mir angebrannt sein. Kann Tee anbrennen?".
„Ich glaube nicht, Charlotte.", gluckste Lilian.
„Dann bis heute Abend!".
„Soll dich meine Kutsche nach Hause bringen?".
„Nein, ich werde mir ein wenig die Füße vertreten. Kann nie schaden. Man hat einfach eine bessere Sicht auf die hübschen Gebäude dieses Stadtteils. Ich bin sehr interessiert an Architektur.", sagte Charlotte nachdenklich.
„Wie du willst.", meinte Lilian.
„Mumm sagte, es sei zu gefährlich für mich auf der Straße. Ich werde es ihm zeigen!".
„Wann hat er das gesagt?", fragte Lilian.
„Auf der Party, als du nicht mehr da warst.", log Charlotte schnell und sicher.
„Und ich dachte, ihr hättet über Geld gesprochen, weil dein Mann ja im Moment keins verdient.", vermutete Lilian, „Übrigens: Woher weißt du das eigentlich mit der Schublade?".
„Was denkst du denn jetzt schon wieder, Lilian?", fragte Charlotte zurück und klang leicht genervt.
„Nichts.", behauptete Lilian.
„Dann ist ja gut.", und Charlotte verließ Lilians Zimmer und das Haus der Familie Craine.
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