Kenneth Fleischmeister saß seit dem Vormittag am Fenster und versuchte mit subtiler Genauigkeit seine Nachbarn ausspionieren. Er war sich sicher, dass es notwendig war, die Menschen der Umgebung im Auge zu behalten. Jeder Mensch war ein potentieller Verbrecher. Eigentlich waren sie alle Verbrecher. Früher oder später drehte jeder ein krummes Dinge und dann musste er da sein!

Nun, er hatte keine Möglichkeit das Zimmer zu verlassen und an die Treppe ins Erdgeschoss zu denken, kam - was die Beschwerlichkeit anging - in etwa einer Reise in eine andere Galaxie auf einem Dreirad gleich. Aber er konnte sich dennoch nützlich machen. In Kenneth' Bewusstsein gab es kein Bedürfnis nach Entspannung. Wenn er nicht kämpfen konnte und er auf seinen Kopf angewiesen war, neigte ebendieser dazu Gedanken zu entwickeln und das musste um jeden Preis verhindert werden. Gedanken waren schlecht. Gedanken weckten Wünsche und Hoffnungen und verklären den Blick für die wesentlichen Dinge: Verbrechen!

Überall geschahen sie. Überall und zu jeder Zeit. Und er konnte die Schuldigen beobachten und sobald sein Bein wieder gesund war, würden alle diese missratenen Subjekt büßen!

Die Tür knarrte.

„Du bist es, Schatz!", sagte er ohne sich umzublicken. Er kannte die leisen, fast unhörbaren Schritte seiner Frau, die nur deshalb fast unhörbar waren, weil Charlotte sich ganz bewusst Mühe gab, ein Geräusch zu hinterlassen. Es hätte sie verdächtig gemacht, wenn Kenneth nicht überzeugt gewesen wäre, dass seine Frau die reinste und beinahe unmenschlich unschuldigste Natur der Welt besaß. Jemand der so schön war wie Charlotte, hatte es gar nicht nötig irgendwelchen semilegalen Geschäften nachzugehen. Jeden anderen Menschen, der einen solchen Schritt an den Tag legte, hätte Kenneth ohne das Verlesen von Rechten verhaftet. Bei Charlotte kam ihm kein solcher Gedanke, immerhin stammte sie aus einer ehrhaften Familie mit einer langen Diebestradition. Sicher rührte der lautlose Schritt aus diesem Erbe.

Charlotte legte ihren leichten Sommermantel ab und betrat das obere Wohnzimmer - Im Haus gab es zwei Wohnzimmer. Eines davon befand sich in der oberen Etage und war vom Architekten als Kinderzimmer angedacht, doch Charlotte hatte es mit einem Sofa ausgestattet und nutzt es meist zum Lesen. Im Augenblick jedoch wohnte Kenneth darin, denn Charlotte war es unmöglich ihren Mann jeden Tag ins untere Wohnzimmer und dann wieder hinauf in sein Schlafzimmer zu bugsieren.

„Wie geht es dir?", fragte sie.

„Oh. Es geht voran. Obwohl im Augenblick eher nichts geht.", er grinste seine Frau gewinnend an.

Charlotte lächelte müde zurück: „Wenn dir langweilig wird, kann ich dir ein paar Bücher empfehlen.".

„Ach lass mal, Liebling. Bücher sind etwas für Frauen, die den ganzen Tag frei haben und die die wirkliche Welt draußen nicht kennen und deshalb Geschichten darüber lesen müssen.", entgegnete Kenneth.

„Mag sein. Ich dachte nur, dass dir vielleicht langweilig würde, wenn du den ganzen Tag nur da am Fenster sitzt.", vermutete Charlotte.

„Nein, eigentlich nicht. Ich habe sogar etwas sehr interessantes herausgefunden: Herr Schlendrian von gegenüber hat eine neue Freundin.".

„So?", fragte Charlotte interessiert.

„Eine sehr feine Dame, wie mir scheint. Trägt einen Pelzkragen.", beschrieb Kenneth.

„Was soll das heißen?", fragte Charlotte.

„Eine solche Frau zu unterhalten ist sehr teuer. Ich wüsste nicht, woher der alte Schlendrian so viel Geld haben sollte.", sagte Kenneth in verschwörerischen Ton.

„Warte mal! Du meinst den Schlendrian? Gelbe Zähne, ein steifes Bein und kreisrunden Haarausfall? Seine Frau ist tot und seine Tochter lebt im Ausland?", ereiferte sich Charlotte.

„Genau der.", bestätigte Kenneth.

„Jetzt wo du es sagst. Ich glaube, ich habe ihn letztens gesehen.", raunte Charlotte.

„Tatsächlich?".

„Und weißt du auch wo?".

„Wo?".

„Unten im Pfandleihhaus.", sagte Charlotte aufgeregt, „Wenn ich mich nicht irre hat er eine Perlenkette versetzt. Ich dachte es sei ein altes Schmuckstück seiner Frau. Aber vielleicht hat er es auch woanders her.".

„Ja. Ich habe ihn schwer im Verdacht. Mit seinem Bein kann er nicht der Dieb sein, aber ich bin sicher, er ist eine Art Zwischenhändler. Er ist perfekt dafür. Wer würde in dem alten Krüppel einen Dieb vermuten?", erklärte Kenneth.

„Du meinst, das ist ein ganzer Ring?", fragte Charlotte mit großen Augen.

„Da bin ich mir sicher! Die gehen sehr professionell vor. Nirgendwo tauchen die gestohlenen Schmuckstücke auf. Und warum nicht? Weil ein alter Krüppel sie als Erbstücke seiner Frau versetzt.".

„Dein kriminalistischer Verstand ist zu beneiden. Bestimmt werden irgendwann einmal Bücher über dich geschrieben und dann lesen jede Menge Frauen von deinem Genie.", behauptet Charlotte, woraufhin Kenneth dunkelrot anlief. Dass eine Frau wie Charlotte über ihn in einem Buch las... Mehr Nähe konnte er zu keiner Frau je erwarten.

„Hoffentlich wird dein Bein bald gesund, damit du den alten Schlendrian verhaften kannst!", sagte Charlotte, „Schon allein, dass er eine solche Freundin zu haben scheint, kommt mir illegal vor.".

„Ich werde ihn noch eine Weile beobachten müssen. Du und ich wissen zwar, dass Schlendrian ein Verbrecher ist, aber das Justizsystem braucht Beweise dafür.", erklärte Kenneth, „Das ist eine sehr komplexe Angelegenheit mit dem Justizsystem.".

„Du hast einen sehr anspruchsvollen Beruf.", bestätigte Charlotte.

„Und sehr gefährlich.", fügte Kenneth hinzu.

„Aber ehrenhaft!", schloss Charlotte und stand auf, „Ich werde mich ein wenig hinlegen. Ich habe etwas Kopfschmerzen.".

„Oh! Warte! Sieh dir das an!", Kenneth winkte ungelenk und Charlotte trat zum Fenster. Sie nahm das Fernglas und beobachtete Frau Trockenbrodt, wie sie einen Briefumschlag in einen Briefkasten am Haus gegenüber einschmiss.

„Was da wohl drin ist?", fragte Charlotte.

„Informationen, nehme ich an.", sagte Kenneth düster, „Informationen sind der erste Schritt eines Verbrechens.".

„Aber die arme Frau Trockenbrodt ist doch so eine gute Frau.", rief Charlotte schockiert, „Sie hat drei wundervolle Enkelkinder und eine gutes Händchen für Pflanzen. Ihr ganzer Balkon blüht fast das ganze Jahr lang. Ich vermute, die benutzt einen magischen Dünger, den sie von der Universität bezieht.".

„Und ich vermute, sie züchtet nicht bloß Rosen!", warf Kenneth ein, „Wovon lebt Frau Trockenbrodt eigentlich?".

„Ich glaube, sie war eine Näherin und hat etwas zurückgelegt.", vermutete Charlotte und legte das Fernglas bei Seite.

„Oder sie versorgt die ganze Stadt mit halluzinogenen Kräutern. Ich habe gehört, dass Hexen damit ihrer schwarze Magie betreiben. So etwas ist in Ankh-Morpork sicher nicht erlaubt.".

„Behalt sie im Auge!", riet Charlotte und verließ das Zimmer, ihre Schläfen massierend.

*