Charlotte hatte ihren Mann ins Bett verfrachtet und ihm eine Bögen Papier und einen Stift in die Hand gedrückt. Sie hatte ihm nahe gelegt, doch alle seine Vermutungen aufzuschreiben, damit, sobald er wieder in den Dienst zurückkehren konnte, die Stadt von den schlimmsten, kriminellen Subjekten gesäubert werden konnte.
Nun hatte sie sich ihren schwarzen Samtanzug angezogen und sich aus ihrem Schlafzimmerfenster aufs Dach geschwungen.
In Ankh-Morpork war das flanieren auf den Dächern der Häuser genau so alltäglich wie andernorts die Fortbewegung über Abkürzungen durch düstere, suspekte Gassen und über Autobahnbrücken. Da Ankh-Morpork fast ausschließlich aus düsteren, suspekten Gassen bestand - und diese entsprechend keine Abkürzung darstellten - , konnte man gleich die Autobahnbrücke nehmen. Die Überquerung einer solchen entsprach etwa dem Gefahrengrad eines Spazierganges über die Dächer der Stadt. Hier befanden sich die geheimen Wege und Pfade der Assassinen, auf die man als Nicht-Assassine - was gleichbedeutend ist mir „potentielles Opfer" - besser nicht ausspürte.
Wagte man allerdings den Weg über die Dächer, so erreichte man eine Zeitersparnis bei den meisten Wegen durch die Stadt von rund 50 Prozent - und das wiederum machte die Dachspaziergänge entsprechend sicherer.
Charlotte kannte natürlich die Pfade der Assassinen und wusste sich von ihrem Trainingsgelände fern zu halten. Wie leicht konnte ein unbedarfter Dieb in eine Falle tappen, die eigentlich für einen Assassinen-Prüfling vorgesehen war!
Die Dächer hatten außerdem den Vorteil, dass man sich bequem in ihrem Schatten bewegen konnte. Zwar wusste jeder Bürger von Ankh-Morpork, dass sich auf den Dächern ebenso viel Leben abspielte, wie darunter, doch spielte es sich nicht in ihrem Blickfeld ab, was dazu führte, dass man sich unten auf der Straße kaum darum scherte, was da oben passierte. So lange man nicht selbst von einem herabspringenden Meuchelmörder getroffen wurde, war alles in Ordnung. Es handelte sich lediglich um ein zweites Niveau, auf dem man sich bewegen konnte, eine Straße über der Straße.
Charlotte suchte Deckung hinter Schornsteinen und Dachgauben und schlich lautlos über Morpork hinweg, bis sie an die Messingbrücke hinüber nach Ankh gelangte. Sie kletterte an einem Rohr für Regenwasser hinunter auf die Straße. Ihren Schritten fehlte nun jegliches Geräusch.
Der Ankh war im Spätsommer nicht mehr als ein klägliches Rinnsal und zudem von einer harten Schmutzkruste überzogen, auf dem man laufen konnte, wenn man schnell genug lief und den Giftstoffen keine Gelegenheit gab, sich durch die Schuhsohlen zu fressen.
Genau das tat Charlotte. Sie legte einen Sprint über den Fluss hin. Direkt unter den Messingbrücke auf der Feldwebel Frederick Colon gerade seinen Wachdienst begann.
Das neue Wachhaus in Ankh lag in der Nähe der großen Gildenhäuser. Es handelte sich um eine Art Verwaltungsviertel, in der natürlich auch eine Abordnung des Patriziers nicht fehlen durfte. Deshalb wurde kurzerhand ein kleines Häuschen zwischen Musiker- und Kaufmannsgilde enteignet und zum Wachhaus umfunktioniert.
Mumm war nicht besonders glücklich mit seinem neuen Hauptquartier. Die elitären Gildenoberhäupter, die ihr Tagwerk (im Fall der Assassinen-Gilde, ihr Nachtwerk) in seiner unmittelbaren Nachbarschaft verrichteten, konnte er allesamt nicht ausstehen. In ihrer Gegenwart kam er sich vor wie ein minderwertiger Botschafter in einem Lande, zu dem er unter normalen Umständen keinen Zutritt erlangen würde. Hinzukam, dass Ankh jenen würzigen Geruch vermissen ließ, den er als Junge, als er in Morpork aufgewachsen war, verinnerlicht hatte und ohne den er erhebliche Entzugserscheinungen verspürte.
Heute Nacht jedoch konnte er aufatmen, denn er hatte eine Ausrede gefunden, sich selbst für die Nachtwache einzuteilen.
Er setzte ein mürrisches Gesicht auf, wie es ein Hauptmann zu tun hat, wenn er ihm unwürdige Arbeiten verrichten musste. Vor sich selbst und sonst niemandem musst er allerdings zugeben, dass er es genoss durch düster Straßen zu ziehen und die schlafenden Bürger darauf hinzuweisen, dass alles gut sei.
Der Schichtwechsel vollzog sich in der ganzen Stadt. Diebe lösten Kaufleute ab.
In den Tavernen und Kneipen lösten Studenten, die heimlich den Campus der Unsichtbaren Universität verlassen hatten, um sich ins ausschweifende Nachtleben von Ankh-Morpork zu werfen, ihre Dozenten und Professoren ab, die sich hochoffiziell einige Biere hinter die Binde geschüttet hatten und dies mit würdevollem Tonfall damit begründeten, dass ein Zauberer dies zum Wohle der Stadt tat - Bier das von einer trainierten Zaubererleber abgebaut wurde, konnte die unschuldigen Lebern eines potentiellen, angehenden Trunkenboldes um einiges entlasten.
Die Tagwache wurde von der Nachtwache abgelöst.
Mumm nahm seinen Dienst auf der Straße auf. Charlotte nahm ihre Aufgaben im Inneren des Wachhauses wahr. Ein fliegender Wechseln vollzog sich.
Lilian lehnte an der Wand eines Durchgangs zwischen Wachhaus und des Gildenhauses der Kaufleute. Sie trug ein schwarzes Kleid, sowie zwei Streifen schwarzer Farbe auf den Wangen. Sie rauchte.
„Ich wusste gar nicht, dass du...", fragte Charlotte, als sie vom Dachfirst des Gildenhauses sprang.
Lilian unterdrückte ein Husten: „Ich dachte, es sieht erwachsener aus. Ladylike.".
„Ich kenne keine einzige Lady, die eine Zigarette so raucht!", erwiderte Charlotte, „Und ich kenne recht viele Ladys.".
„Wie rauchen sie denn?", fragte Lilian.
„Sie atmen den Rauch ein und spucken ihn nicht aus.", sagte Charlotte und deutet auf eine kleine Pfütze aus gräulichem Speichel vor Lilians Füßen auf dem Boden.
„Es will einfach nicht runter.", verteidigte sich Lilian.
„Ich finde Frauen sollten nicht an so einem Stengeln nuckeln.", sagte Charlotte und hantierte mit ihren Handschuhen mit den Widerhaken herum.
„Wieso nicht?", erkundigte sich Lilian und trat die Zigarette aus.
„Es ist nicht ladylike.", sagte Charlotte trocken und verschwand um die Ecke an die Rückseite des Wachhauses, wo sie ihre Spikes in den Putz rammte.
„Wie ich es mir dachte.", entgegnete sie, als sie nach einigen Minuten zurückkehrte, „Er hat sie zurück gelassen.".
Sie hielt Lilian die rostige Dienstmarke des Hauptmanns entgegen.
„Hält sie wahrscheinlich für zu wertvoll, um sie mit sich herumzutragen.", vermutete Lilian.
„Naja. Das war es dann.", druckste Charlotte.
„Recht unspektakulär.", bestätigte Lilian.
„Ein Toifelskreis. Ich sage dir das Adrenalin ist ein Toifelszeug. Macht abhängig und du brauchst immer mehr.", vermutete Charlotte.
„Sehen wir und morgen?", fragte Lilian.
„Nein, ich glaube nicht. Ich hab schon was vor.", entgegnete Charlotte.
„Na dann. Gute Nacht, Charlotte. Komm gut nach Hause.".
„Gute Nacht, Lilian. Und lass das mit dem Rauchen sein. Ich wette, dein Assassine steht da auch nicht so drauf. Assassinen hinterlassen nie Spuren und schon gar keine Brandlöcher oder Asche auf dem Fußboden, oder Spuckpfützen, wo man geht und steht.".
„Mag sein. War ja nur eine Idee. Ich dachte, es würde mich interessanter machen.".
„Frauen werden nicht durch ihr Aussehen oder Accessoires interessant, sondern dadurch, was man nicht sieht.".
„Sagst gerade du, Charlotte-ich-trage-einen-Schlitz-im-Kleid-der-bis-zur-Hüfte-reicht.".
„Gegen ein bisschen Aussehen, ist nichts einzuwenden. Zur richtigen Zeit und am richtigen Ort wirkt es Wunder. Aber eben nur im Zusammenhang mit Geheimhaltung auf anderen Ebenen.".
„Du spielst mit Menschen wie mit Puppen.".
„Oh nein. Das ist nicht wahr! Puppen sind widerspenstiger. Sie tun nicht das, was ich von ihnen verlange. Und es macht weit weniger Spaß Puppen beim Denken zuzusehen. Menschen reagieren immer so bezaubernd.".
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