Charlotte gähnte. Sie hatte in der letzten Nacht gerade einmal drei Stunden geschlafen. Sie hatte eine rostige Dienstmarke zu einem kleinen Versteck am anderen Ende der Stadt gebracht, wo sich im Laufe der letzten Wochen einiges an Schmuck angesammelt hatte. In einer kleinen, verfallenen Scheune am Stadtrand würde niemand nach Diebesgut suchen, was dazu führte, dass die entsprechenden, freiberuflichen Diebe aufpassen mussten sich nicht gegenseitig auf die Füße zur treten, wenn sie versuchten ein geschütztes Plätzchen für ihre semirechtmäßig erworbenen Sachanlangen für schlechtere Zeiten anzulegen.
Charlotte war nicht müde und ihr Gähnen machte das sehr deutlich.
Mumm knirschte mit den Zähnen: „Woher hast du das gewusst?".
Charlotte lehnte sich über seinen Schreibtisch und flüsterte verschwörerisch: „Es sind die Gene. Seit Generationen hat meine Familie einen besonderen Sinn für Diebstähle entwickelt. Ich bin sicher, so wie du besondere Polizeisinne entwickelt hast, besitze ich quasi von Geburt an Diebessinne.".
Mumm grübelte. Es konnte den Ausführungen folgen und das mache ihn stutzig. Sollte Charlotte tatsächlich einmal die pure Wahrheit sprechen?
„Du hast genau gewusst, dass hier eingebrochen werden würde!".
„Ich habe nie etwas in der Hinsicht geäußert.", erwiderte Charlotte.
„Du sagtest, dass ich es mir noch wünschen würde, dich früher eingestellt zu haben.".
„Und ich hatte Recht, nicht wahr?".
„Ich werde dich nicht einstellen!", Mumm blieb fest, und wenn es das letzte, was er durchsetzen konnte, „Eher...", er überlegte, „Eher beschließen die Singvögel da draußen sich zusammenzurotten und uns hier durch den Kamin anzugreifen, als dass ich dich einstelle. Ich würde die Wahrscheinlichkeit bei etwa eins zu einer Millionen ansiedeln."
„Dann könnte es ja klappen!", sagte Charlotte lachend, um eine alte Weisheit aufzuwärmen, die besagte, dass sich Chancen mit der Wahrscheinlichkeit eins zu einer Million in neun von zehn Fällen bewahrheiteten, „Hauptman Mumm. Ich appelliere an deine Vernunft!", begann Charlotte.
„Und die warnt mich davor ein Mädchen in die Wache aufzunehmen.", erwiderte Mumm.
„Du wirst dich erinnern, dass ich verheiratet bin. Die Bezeichnung Mädchen trifft also wohl kaum mehr auf mich zu.", sagte Charlotte und blinzelte, „Hör zu. Ich kann dir helfen. Ich kann der Diebesgilde helfen.".
„Dann bewirb dich doch dort!", schlug Mumm vor.
„Die nehmen mich nicht auf und ich halte dich für intelligenter! Deshalb hoffte ich, dass du einsiehst, dass ich die Ermittlungen unterstützen kann.", erklärte Charlotte, „Ich schlage dir einen Deal vor: Wenn du mich aufnimmst werde ich dafür sorgen, dass die Einbrüche aufhören.".
„Wie willst du das anstellen?", fragte Mumm argwöhnisch.
„Betriebsgeheimnis.", sagte Charlotte.
„Eine Frau in der Stadtwache. Du stellst dir das so einfach vor.".
„Du wirst weich, nicht wahr?", argwöhnte Charlotte, „Ich kenne die Arbeitsweise von Dieben und ich kenne ihre bevorzugten Ziele und ich weiß, wo sie ihre Beute verticken.".
„Woher weißt du das?", fragte Mumm.
„Ich bin eine Frau, die mit offenen Augen durch die Welt läuft und ich lese.", erklärte Charlotte und ging halb um Mumms Schreibtisch herum, um sich mit dem Rücken dagegen zu lehnen, erst verträumt am Mumm vorbei zu schauen und sich schließlich rücklings auf die Schreibtischplatte zu stützen und sich darauf zu setzen.
„Und das soll dich qualifizieren?", fragte Mumm und grinste.
„Ich bin sicher, dass sich Wissen auszahlt. Mehr als unkontrollierte Kraft.", erwiderte Charlotte ruhig.
„Was willst du damit sagen?".
„Dass ihr blind seid. Ihr habt keine Ahnung, wo ihr suchen sollt, nicht wahr?", sagte Charlotte und ließ die Beine baumeln.
„Wir waren da, als der Dieb auf in der Bleichfuß-Villa auftauchte.", verteidigte sich Mumm.
„Nicht ihr habt dem Dieb aufgelauert. Der Dieb ist gekommen, um euch vorzuführen. Euch und die Diebesgilde. Er hat bewiesen, dass er euch allen überlegen ist. Drama. Warnung. Reviermarkierung. Nenn es wie du willst.".
„Und das weißt du so genau?", fragte Mumm und kniff seine Augen zusammen.
„Nein. Aber es ist mehr, als ihr wisst, oder?", sagte Charlotte.
Mumm schwieg.
„Du kannst es nicht noch schlimmer machen.", sagte Charlotte sanft.
„Wahrscheinlich nicht.", gab Mumm zu, „Um ehrlich zu sein, bin ich um jeden Hinweis dankbar. Auch wenn sie kompletter Mist sind. Alles ist besser als die vollkommene Ungewissheit. Ich kann mich in diese Diebesgehirne nicht einklinken.".
„Du bist ein grundehrlicher Mann.", bestätigte Charlotte.
„Ich bräuchte tatsächlich jemanden, der diesem Dieb ein Gesicht und eine Persönlichkeit gibt. Es ist immer leichter einen Menschen zu jagen, als ein Phantom.", murmelte Mumm.
„Du bist tatsächlich intelligenter als die Gildendiebe.", ermutigte ihn Charlotte.
„Vielleicht wäre es von Vorteil, eine Art Profiler zu haben. Nur frage ich mich: Die Diebe müssten alle diese Dinge wissen. Sie müssten die Psyche des Einbrechers analysieren können. Wieso finden, sie ihn nicht?".
„Mein Vater ist kein Dieb. Ihn interessiert die Diebeskunst nicht. Er ist satt. Und was die Gildenmitglieder betrifft, so sind die meisten zu selbstgefälligen Steuereintreibern verkommen. Sie kündigen ihre Einbrüche an und finden ein völlig leeres Haus vor mit dem verabredeten Betrag an Bargeld auf dem Küchenschrank. Die Diebeskunst hat ihre Romantik verloren. Sie ist verkommen. Und Männer, die etwas leicht bekommen, verlernen komplizierte Techniken. Frauen hingegen bewahren gerne Traditionen, beschäftigen sich mit komplizierten Praktiken und erhalten das Wissen am Leben, selbst, wenn sie es nie anwenden müssen oder dürfen.".
„Dein Wissen ist also rein theoretischer Natur?", fragte Mumm.
„Leider ja. Du könntest das ändern.", Charlotte grinste ihn an.
Mumm atmete aus: „Was könnte jemanden veranlassen ein rostiges Abzeichen zu stehlen? Es ist nichts wert.".
„Es ist sehr selten.", gab Charlotte zurück, „Antik. Fast schon ein Sammlerstück. Wie viele sind davon noch im Einsatz? Zehn? Zwölf? Auf Tag- und Nachtwache hochgerechnet.".
Mumm überlegte und kämpfte mit sich: „Und sobald der Dieb gefangen ist, wirst du den Dienst wieder quittiere?", fragte er vorsichtig.
„Oh, natürlich. Es geht mir einzig um die Ehre der Diebesgilde. Wie sieht denn das aus? Da läuft seit Monaten ein Einbrecher frei rum und Charles Freemont tut rein gar nichts dagegen...".
„Da will seine Tochter es natürlich richten.", schlussfolgerte Mumm.
„So ist es.", bestätigte Charlotte.
„Dann sind wir, denke ich im Geschäft.", keuchte Mumm.
Charlotte nickte und glitt vom Schreibtisch ihres Vorgesetzten.
„Du wirst nicht enttäuscht sein. Du weiß ja: Nur ein Dieb fängt einen Dieb!".
„Ich dachte die Diebesgilde hätte diesen Spruch verboten und ihn geändert in: Nur eine Fallgrube mit Skorpionen fängt einen Dieb.", spracht Mumm.
„Mit einer Fallgrube und Skorpionen fängt man einen Idioten. Um einen Dieb zu fangen, braucht es ein diebisches Gehirn.", erklärte Charlotte.
„Ich hoffe du hast es.", seufzte Mumm und richtete sich auf.
Charlotte schaute ihn einen Augenblick an, als er sich anschickte den Raum zu verlassen, dann fragte sie verdutzt: „Wo willst du hin?".
„Hargas Rippenstube.", lautete die Antwort, „Ich rede nicht gerne bei nüchternem Magen über Geldangelegenheiten und über Besoldung spreche ich mit meinen Rekruten erst nach dem dritten Glas.".
„Ich mache dich aufmerksam: Ich bin eisern im Handeln, nüchtern oder angeheitert.", sagte Charlotte.
„Davon bin ich überzeugt.".
„Ich werde den Posten meines Mannes einnehmen. Also steht mir Sold in gleicher Höhe zu.", behauptete Charlotte.
„Ich kann dich unmöglich zum Fähnrich ernennen. Du fängst unten an, wie alle anderen auch.", Mumm blieb hart und er fragte sich, wie lange er es bleiben konnte.
Zu seiner Überraschung lächelte Charlotte und sagte einlenkend: „Einverstanden. Ich glaube, es wird ohnehin mehr Spaß machen, unten anzufangen, um sich dann hoch zu arbeiten.".
Mumm lief rot an und rauschte durch die Tür: „Folge mir, Gefreiter Freemont.".
Charlotte eilte ihm nach und fragte sich, ob es tatsächlich Gefreiter hieß und nicht Gefreite.
Mumm rannte fast hinaus auf die Straße. Es war ihm unangenehm sich mit Charlotte allein in einem Zimmer zu befinden.
Charlotte wusste, es würde noch unangenehmer für ihn werden, wenn er sich mit ihr in der Öffentlichkeit zeigen würde und bei Weiten die unangenehmste Erfahrung würde es sein, mit ihr um Geld zu verhandeln.
Charlotte eilte Mumm nach, der einen forschen Schritt vorgab. Es freute sie, dass er glaubte, sich in gewisser Weise freigeschwommen zu haben. Mumm glaubte nun in eine machtvollere Position geraten zu sein. Doch Charlotte wusste, dass sie gerade einen besonders klugen Schachzug getätigt hatte.
„Du gehörst jetzt zur Stadtwache. Während deiner Schicht hast du deine Uniform zu tragen und deine Dienstmarke bei dir zu führen, damit du dich ausweisen kannst. Vorgesetzt sprichst du mit dem Rang und Nachnamen an. Ich dulde keine Befehlsverweigerung oder dergleichen. Anordnungen werden sofort und gründlich ausgeführt. Dafür erhältst du am Ende der Woche deinen Sold.", sagte Mumm tonlos und ohne sich umzublicken, als er die Straße hinunter ging und Charlotte ihm hinterher eilte, „Deine Uniform erhältst du spätestens morgen Abend. Ich werde dir die Adresse eines Schmiedes geben, wo du sie dir Anpassen kannst. Im Augenblick haben wir keine Kettenhemden für Damen vorrätig. Deine Dienstmarke erhältst du morgen bei Dienstantritt.".
Charlotte wusste, dass all diese Regeln Teil einer anfänglichen Schikane waren, durch die alle Jungrekruten mussten, wenn sie ihren Dienst antraten. Bei ihr schien es Mumm besonders zu genießen und Charlotte ließ ihn gewähren. Alles andere wäre nicht realistisch, glaubte sie.
Sie wusste, dass keiner der Wachen sich großartig um Befehle scherte. Sicherlich arbeitet man zusammen, allerdings eher auf freundschaftlicher, kumpelhafter Ebene. Und was das Mitführen der Dienstmarke anging, hatte Mumm selbst bewiesen, dass er sich nicht an seine eigenen Regeln hielt, wodurch jede andere ebenfalls bedeutungslos wurde. Mumm wusste das, aber das Herunterbeten der Bestimmungen gehörte einfach dazu. Es musste einfach sein.
Charlotte war nicht auf das Geld angewiesen. Sie war auf gar keine Tätigkeit angewiesen und das machte es ihr leicht, Pflichten nachzugehen. Sie hatte gar keine.
Wenn er langweilig wurde, konnte sie den Hauptmann einfach links liegen lassen und sich ein neues Objekt der Begierde suchen. Im Augenblick jedoch erweckte ihr kleines Spiel den Eindruck, noch länger spannend zu bleiben.
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