So. Da sind wir wieder. Das letzte Kapitel war was kürzer als die anderen, aber weiterzuschreiben schien bei dem netten Abschluss schier unmöglich. Ja, auch wir haben einen Hang zum Dramatischen! Wir wünschen viel Vergnügen bei Kapitel vier!
Licht.
Es blendete.
Er beugte sich Sherlock, zog eines seiner Augenlider hoch und leuchtete mit der Taschenlampe in das graue Auge des jungen Detektivs. „Pupillen reagieren etwas langsamer als es gewöhnlich ist, jedoch ist das nicht weiter problematisch." Sherlock hörte, wie der Mann neben ihm weitersprach, konnte seine Gedanken jedoch nicht darauf fokussieren. Langsam flackerten seine Augenlider und Sherlock kam immer mehr zu Bewusstsein.
Nicht schon wieder.
Ein genervtes Murren und Sherlock öffnete die Augen. Über ihn gebeugt waren Lestrade und ein ihm unbekannter Mann, der als Dr. John Watson ausgewiesen war. Ein paar Mal musste er blinzeln, um die Sicht ganz zu klären. Sherlock sah sich um. Das Licht an der Decke war kalt und weiß – genauso wie die Wände um ihn herum. Er spürte, dass er auf etwas kühlem lag. Sein Mantel lag gefaltet unter seinem Kopf.
Deswegen ist es so kalt.
Der Detektiv hob langsam seinen Kopf an und blickte sich weiter um.
Wirklich? Ist das ein schlechter Scherz?
Sherlock sah zu Lestrade und hob eine Augenbraue. Er hatte ihn tatsächlich in die Pathologie gebracht, auf einen der metallenen Seziertische gelegt und einen Arzt gerufen. Das kühle Metall unter ihm ließ Sherlock frieren, dies schien ihn jedoch nicht weiter zu interessieren und der junge Mann richtete sich auf. Trotz, dass Lestrade aufgrund seines Drogenkonsums sauer auf Sherlock war, lächelte er ihn beruhigt an.
Sherlock blickte nun den Arzt an, welcher immer noch über Sherlock gebeugt war. Er ließ seine Augen über Gesicht und Kleidung wandern.
Soldat. Nicht sehr lange wieder in London.
Es war ihm ein Rätsel, wie er das in seinem Zustand so schnell deduzieren konnte, aber die Indizien für einen Auslandseinsatz sprachen für sich. Das ließ ihn einen kurzen Moment lächeln, ehe die Schmerzen in seinem Kopf sich wieder bemerkbar machten. Er zuckte zusammen und packte sich instinktiv an seine schmerzenden Schläfen. Seufzend ließ Sherlock wieder seinen Kopf auf den Mantel sinken, der ihm als Kopfkissen diente. Sofort war Lestrades besorgter Gesichtsausdruck wieder da und Dr. Watson beugte sich wieder über Sherlock. „Ist es eher ein Pochen oder ein Ziehen?", fragte der Arzt und führte seine Untersuchungen fort, die Sherlock nur widerwillig über sich ergehen ließ. „Ein Pochen..", murrte er und kniff die Augen zusammen.
Das grelle Licht machte die Situation nicht besser. Im Gegenteil – es schmerzte fürchterlich. Als John wieder eines von Sherlocks Augen öffnete und die Taschenlampe darauf richtete, drehte Sherlock seinen Kopf weg. „ Lassen Sie das.", zischte er und machte Anstalten vom Metalltisch aufzustehen. Lestrade und John reagierten fast gleichzeitig und drückten Sherlock zurück auf den Tisch. „Das sollten Sie lieber lassen- Nicht, dass Sie noch einmal umkippen." „Mir geht es gut. Ich brauche nur eine Kopfschmerztablette und dann bin ich wieder fit." Er richtete sich trotz des Widerstandes auf und ließ seine Beine über die Kante baumeln.
Ein leichtes Schwindelgefühl überkam ihn und er musste aufstoßen. Wenn er jetzt noch kotzen würde, dann würde Lestrade ihn gar nicht mehr aus dem Krankenhaus lassen und vermutlich an ein Krankenhausbett tackern. Und das würde bedeuten, dass er nicht mehr an seine Drogen kommen würde – die er gerade mehr als nötig hatte. Glücklicherweise hatten es beide Anwesenden nicht bemerkt und Sherlock stand auf. Er griff nach seinem Mantel und zog ihn an. Gerade, als er losgehen wollte, packte John ihn an der Schulter. „Es wäre besser, wenn Sie noch hier bleiben. Sie sind heute zwei Mal bewusstlos geworden. Ich kann Sie nicht gehen lassen. Sie stehen unter meiner Verantwortung, Mr. Holmes."
Menschen! Wie langweilig sie doch sind.
Sherlock schnaubte und drehte sich zu dem Arzt. „Es ist nett, dass Sie sich so sorgen, aber ich komme gut alleine klar." Er befreite sich aus dem Griff und verließ das Krankenhaus.
o.o
Die Spritze drang in seine Haut und er drückte den Kolben runter. Sherlock schloss die Augen. Er lehnte sich gegen die kalte Wand und atmete tief durch. Langsam spürte er, wie die Drogen durch seinen Körper flossen und anfingen zu wirken. Gerade, als er ihre vollkommene Wirkung vernahm, hörte er es.
Dieses verdammte Klingeln.
Sherlock kramte in seiner Manteltasche, holte sein Telefon hervor und öffnete die Augen.
DI Lestrade.
Genervt drückte er den roten Hörer und das Klingeln erlosch. Er hatte jetzt wirklich keine Lust mit ihm zu telefonieren. Oder mit irgendwem anders. Sherlock hatte es eh schon eilig gehabt in seine Wohnung zu kommen, die Spritze einzupacken und hierher zu kommen. Diesmal hatte er sich ein Taxi genommen – zwei Stunden zu Fuß wären ihm viel zu lange gewesen.
Langsam entspannte sich Sherlocks Körper und seine inneren Regenwolken verzogen sich. Er war nun vollkommen unter Drogeneinfluss. Die Depressionen, die Kopfschmerzen. Beides war nun erträglich und Sherlock konnte seine Gedanken auf etwas anderes fokussieren. Gerade, als er sich wieder ganz entspannte, klingelte es erneut. Diesmal wollte Sherlock es ignorieren.
Diese Lautstärke.
Sie war unerträglich. Das Klingeln schallte an den kahlen Wänden nieder und er gab sich geschlagen. Sherlock puhlte sein Telefon wieder aus der Manteltasche. Kurz überlegte er, ob er wieder den Anruf wegdrücken sollte, entschied aber dagegen. Wenn er jetzt rangehen würde, dann würde Lestrade auch nicht mehr anrufen. Hoffte er zumindest.
„Was wollen Sie?", nuschelte er ins Telefon. Lestrade registrierte sofort, dass Sherlock sich nicht in seiner normalen Verfassung befand. „Wo bist du? Ich hol dich ab." „Ach kommen Sie! Hören Sie auf ständig meinen Babysitter spielen zu wollen! Ich bin kein Kind mehr." „Du bist noch nicht mal 21, also noch kein Volljähriger. Und bis dahin werde ich wohl deinen Babysitter spielen müssen!" „Wieso? Ich kann auf mich aufpassen, Lestrade!" „Nein. Genau das kannst du nämlich nicht! Wenn du das könntest, dann würdest du sicherlich nicht in einer Baracke sitzen und dir Heroin oder weiß Gott was spritzen!" Sherlock schwieg. Er schluckte schwer und schloss die Augen. Lestrade hatte Recht. Er konnte nicht auf sich aufpassen.
Verdammter Bastard!
Sherlock wollte es nicht wahr haben, dass er ein gebrochener Mensch war und, dass die Drogen alles noch schlimmer machten. Nun saß er in dem zerschlissenen Raum mit der kaputten Matratze, die Spritze lag mittlerweile in einer Ecke und er fühlte sich so verloren wie noch nie zuvor.
„Sherlock? Bist du noch dran?", hörte er Lestrades besorgte Stimme aus dem Telefon schallen. Dies befreite ihn aus seiner Starre. „Natürlich bin ich noch dran."Sherlock schluckte bevor er weitersprach. „Die alte Baracke in der Nähe vom U-Bahnhof.." Ohne den DI antworten zu lassen, legte er auf.
o.o
Lestrade erreichte die Baracke eine halbe Stunde nach dem Telefonat. Während er sich um den jungen Detektiv sorgte, war er auch unheimlich erleichtert, dass Sherlock seine Hilfe nun wirklich annahm. Lag das vielleicht nur an den Drogen, die er sich gespritzt hatte oder hatte der Junge wirklich eine Eingebung gehabt die ihn davon überzeugte, dass es falsch war was er tat? Lestrade wusste es nicht, doch er wollte die Chance ergreifen Sherlock endlich bei seinen Problemen zu helfen.
Schnellen Schrittes ging er zu dem verfallenen Eingangstor des alten Gebäudes. Schließlich fand er Sherlock zusammengesunken auf einer zerschlissenen Matratze. Er schlief, aber atmete unruhig- unregelmäßig und schwer. Sofort war Lestrade wieder in Sorge um den jungen Mann und eilte zu ihm. „Sherlock?" Er kniete sich neben die zitternde Gestalt auf der Matratze und versuchte ihn durch ein leichtes Rütteln zu wecken.
Sherlock war schweißgebadet und verzog das Gesicht, als hätte er fürchterliche Schmerzen. Lestrades Sorge wandelte sich langsam in Panik – der junge Detektiv reagierte nicht auf ihn. Wieder und wieder schüttelte er ihn und rief seinen Namen. „Sherlock! Komm schon. Wach auf!" Als der Detective Inspector den Puls von Sherlock fühlte, beschleunigte sich sein Herzschlag. „Verdammte Scheiße!", zischte er und versuchte ein weiteres Mal den jungen Mann zu wecken. Er hatte ihn noch nie so hilflos gesehen und war sich auch noch nie so unbeholfen vorgekommen.
Gerade, als Lestrade nach Sherlocks Pupillenreaktion sehen wollte, schreckte dieser auf und schnappte nach Luft. „Endlich!", ein erleichtertes Seufzen überkam den DI und er atmete hörbar aus. Sherlock blinzelte mehrmals und erkannte nun wer neben ihm hockte. „Seit wann sind Sie denn hier?" Es war nur ein Nuscheln, was er von sich gab, doch Lestrade hatte ihn verstanden. „Bin grad erst angekommen. Du siehst furchtbar aus." Besorgt um seinen Zustand blickte Lestrade in Sherlocks Augen, die glasig ins Nichts gerichtet waren. Seine Pupillen waren für den dunklen Raum viel zu klein.
„Kannst du aufstehen?" Sherlock nickte müde und versuchte sich aufzurichten. Seine Knie waren wackelig, jedoch wollte er Lestrades Hilfe nicht zu sehr in Anspruch nehmen. Zitternd lehnte er sich mit der Schulter an die Wand und schloss die Augen. Er brauchte seine ganze Selbstbeherrschung, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und umzufallen.
Langsamen Schrittes ging Sherlock neben Lestrade her. Immer wieder machte er eine Pause, um das Schwindelgefühl loszuwerden und seine Sicht zu klären. Auch wenn er es nicht wollte, stützte ihn der Detective Inspector beim Laufen, weil er Angst hatte, Sherlock könnte umkippen – zum dritten Mal an diesem Tag. „Wie.. wie weit isses noch?", murmelte der junge Mann. „Wir sind sofort da, Sherlock. Wir müssen nur nach draußen und ins Auto." „Und.. was dann?" Seine Augen waren schon halb geschlossen, als er zu Lestrade sah. „Und dann fahre ich dich ins Krankenhaus." Sherlock wiedersprach nicht. Er wollte jetzt nicht mit Lestrade diskutieren. Dazu war er viel zu müde.
Alles, was er jetzt wollte, war schlafen.
