Mumm hatte Blut und Wasser geschwitzt, doch sie waren zu einem Ende gekommen. Er hoffte, dass Charlotte, wenn sie erst eine Uniform besaß, keine Schlitze mehr in ihren Kleidern trug. Im Endeffekt war er viel mehr Geld losgeworden, als ihm für einen Gefreiten zur Verfügung stand. Insgeheim dachte er darüber nach Charlottes Überzahlung durch eine Kürzung von Nobbys Sold zu finanzieren.
Im Augenblick befanden sich Mumm und Charlotte in dem kleinen Durchgang zwischen Kaufmannsgilde und Wachhaus.
„Und du glaubst, hier könnten sich Spuren finden?", fragte Mumm.
„Man muss nur verstehen, wie ein Dieb zu denken. Bei Nacht ist dieser Durchgang geschützt. Man kann nicht einsehen, denn die hohen Wände werfen ihren Schatten hierher.", sprach Charlotte, „Gestern Nacht war es schwül warm. Ich nehme an, du hast ein Fenster offen gehabt?".
„Ja.", antwortete Mumm knapp.".
„Das Fenster zu deinem Büro?".
„Ja.".
„Na bitte. Dieses Fenster liegt auf der Rückseite des Hauses, ebenfalls im Schatten. Jeder Dieb hätte ungesehen daran hinaufklettern können. Dieser Baum da gibt zusätzlichen Schutz. Für einen Dieb ist es ganz leicht in dein Büro zu kommen.", kombinierte Charlotte.
„Und was hat er dort gesucht? Auf die schäbige Marke kann er es kaum abgesehen haben.", warf Mumm ein.
„Nun, es kann sein, dass er glaubte in einem Wachhaus Gelddepot des Patriziers zu finden. Ich glaube jedoch nicht, dass er sich lange da drin aufgehalten hat. Es gibt nicht viele Orte, an denen etwas wertvolles versteckt sein kann. Das einzige Möbelstück im Haus ist der Schreibtisch und er hat das einzige genommen, was er darin gefunden hat. Nur, damit er etwas mitgenommen hat. Um eine Visitenkarte zu hinterlassen.", führte Charlotte fort.
„Um mich zu ärgern?", knurrte Mumm.
„Vielleicht.", Charlotte grinste.
„Kannst du sonst noch etwas über den Dieb sagen?", fragte Mumm ungeduldig und zunehmend schlechter gelaunt.
„Ich vermute er ist Raucher.", sagte Charlotte.
„Wie kommst du denn darauf?", fragte Mumm verblüfft.
„Siehst du das da auf dem Boden?", sie zeigte auf das Kopfsteinpflaster zu ihren Füßen.
„Nein.", antwortete Mumm und starrte konzentriert.
„Ein recht frischer Fleck. Ich nehme an, dass es sich um Speichel handelt. Und da hinten in der Ecke hat der Wind kleine Aschepartikel und die abgebrannt Kippe zusammengewirbelt.".
„Woher willst du wissen, dass es sich um den Speichel des Diebes handelt?", wollte Mumm wissen.
„Ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts. Ich vermute es. Wer könnte hier sonst eine Zigarette geraucht haben? Und warum gerade hier? Im Dunkeln. Im Schatten.".
„Vielleicht ein Kind, dass vor seinen Eltern verheimlicht, dass es zu rauchen begonnen hat?", vermutete Mumm.
„Und da stellt es sich direkt neben das Wachhaus?", erwiderte Charlotte, „Nein. Derjenige, der hier auf den Boden gespuckt hat - ich schätze es ist etwa zwölf Stunden her - wollte nicht von außen nicht gesehen werden, hatte aber das Wachhaus als Ziel. Du hast nicht etwa einen geheimnisvollen, rauchenden Zeugen gestern Nacht empfangen?".
„Nein.", gab Mumm zurück.
„Dann besteht durchaus die Möglichkeit, dass dies eine Spur vom Dieb ist. Wenn du mich fragst, ist es recht unvorsichtig seine Kippen am Tatort zurückzulassen.", sagte Charlotte gelangweilt.
„Gut. Raucher. Was noch?", bohrte Mumm weiter.
Charlotte schlenderte um das Wachhaus herum und besah sich das fragliche Fenster von außen lange und gründlich. Dann schloss sie: „Er trägt Handschuhe und Spikes. Keine Fingerabdrücke und da vorn in der Mauer ist etwas Putz abgebröckelt. Könnte durch einen Spike passiert sein. Kann aber auch mit dem Alter des Gebäudes zusammenhängen. Jedenfalls würde ich Spikes benutzen, wenn ich schnell und leise die Wand hier hinauf klettern wollte.".
„Du würdest Spikes benutzen? Und du bist sicher, dass du es dir zutraust so eine Meinung zu haben?", brummte Mumm skeptisch.
„Wie wolltest du von hier nach da oben kommen? Möglichst schnell und möglichst leise und ohne viel Aufhebens?", fragte Charlotte trocken zurück.
„Keine Ahnung.", gestand Mumm, „Du bist hier der Dieb.".
„Diebin!", verbesserte Charlotte.
„Von mir aus. Die Kletterhandschuhe und die Spikes bekommt man übrigens im Diebesfachhandel. Und der ist nur für Gildenmitglieder geöffnet. Entweder unser Dieb ist ein Gildenmitglied, oder er hat die Gilde bestohlen.", erklärte Charlotte.
„Da fühle ich mich doch gleich schon nicht mehr so allein.", sagte Mumm und wand sich vom Tatort ab, ging zurück zur Vorderseite des Hauses und schickte sich an hineinzugehen. Zuvor sagte er zu Charlotte: „Jetzt lass dir deine Uniform anfertigen. Heute Abend treffen wir und hier für eine Absprache über die Schicht.".
„Gut. Also bis dann, Hauptmann!", Charlotte grüßte, indem sie ihre rechte Hand zum Kopf führte.
Mumm sah sie argwöhnisch an und sagte dann: „Ich habe dich gewarnt. Stell es dir nur nicht zu einfach vor!".
„Keine Sorge!", versprach Charlotte und wandte sich um.
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