Es fiel Charlotte schwer sich zu bewegen. Sie legte größten Wert auf Beweglichkeit und die Fähigkeit zu Atmen, doch in diesem metallenen Schildkrötenpanzer gestaltete sich das eine wie das andere als schwierig. Zwar hatte man ihr einen Harnisch auf ihren Körperbau zugeschmiedet, doch wohl fühlte sie sich darin nicht. Am Kragen scheuerte er und das Kettenhemd wog eine Tonne.

Sie trug eine braune Hose und Sandalen, die hingegen erstaunlich bequem waren.

Ein schwerer, topfartiger Helm schränkte ihre Sicht ein und wog schwer auf ihrem Kopf. Sie fragte sich, wie man damit denken konnte, oder wie es sich wohl anfühlte, wenn im Sommer stundenlang die Sonne darauf knallte. Zum Glück hatte sie Nachtschicht.

Charlotte fragte sich ohnehin, wie sie in diesem Aufzug schnell und gründlich einen Verbrecher verfolgen und stellen sollte. Man war unweigerlich langsam mit dieser Uniform und an Anschleichen war noch nicht einmal zu denken. Das Kettenhemd rasselte bei jeder Bewegung.

Charlotte verkniff sich jeglichen Kommentar und wartete ab, was sie in ihrer ersten Schicht erwartete. Sie durfte nicht zugeben, dass sie sich unwohl fühlte und die Uniform sie einengte, wo sie doch darauf bestanden hatte, sie tragen zu dürfen. Nein, diese Genugtuung würde sie Mumm nicht kampflos überlassen. Sicherlich wusste er, wie sie sich fühlte. Jeder Rekrut fühlte sich am Anfang sicherlich so, dachte Charlotte, es ist nur eine Frage der Gewohnheit. Irgendwann werde ich mit dem Ding ins Bett gehen und es nur noch zum Waschen ausziehen. Wobei... Sieh dir Nobby an, der zieht das Ding noch nicht mal zum Waschen aus.

Charlottes Körper hatte nur einen Nachteil: Er war zierlich gebaut und deshalb musste sie verhältnismäßig hohen Kraftaufwand betreiben, um die Uniform zu tragen.

Dennoch, es wirkte ehrfurchtgebietend. Der Brustharnisch musste einfach sein, um sie als Mitglied der Wache zu kennzeichnen. Daran führte kein Weg vorbei.

Hauptmann Mumm hatte die anderen Wachen kurz vorgestellt. Charlotte jedoch kannte sie bereits von den kargen Berichten ihres Ehemanns.

Korporal Nobby Nobbs war ein kleiner, vor Dreck stehender Mann. Er rauchte Kette und hatte sie es sich angewöhnt seine gebrauchten Zigarettenstummel aufzubewahren und für schlechte Zeiten zu sparen. Er klemmte sie sich einfach hinters Ohr, wo sich - wie Feldwebel Colon nach jahrelanger Zusammenarbeit vermutete - eine Art Elefantenfriedhof für Nikotin befinden musste. Nobby roch etwas streng und seine Haut wies überall Narben von Geschwüren und Furunkeln auf. Seine Zähne waren eine Katastrophe, aber er versuchte freundlich zu lächeln. Auch gab er sich Mühe Charlotte gebührend zu begrüßen. Es missfiel Mumm, als er ihr den Handrücken küsste und sich verbeugte, schließlich war sie nun Mitglied der Wache und nicht mehr nur hübsch anzusehendes, nervtötendes Beiwerk zur oberen Schicht von Ankh-Morpork.

Feldwebel Colon zeigte hingegen kaum eine Regung. Charlotte erspähte sofort den Ehering an seinem Finger und freute sich insgeheim über seine verschämten Blicke, die immer wieder zwischen ihr und dem Fußboden zu wechseln schienen.

Frederick Colon war ein gemütlicher Mensch. Er war kulinarischen wie alkoholischen Versuchungen nicht abgeneigt und seinem Körper war ein jahrelanger, Ehealltag mit viel Bratensoße und gekochten Kartoffeln anzusehen. Er war in mittlerem Alter und doch nie über den Rang eines Feldwebels hinausgekommen. Vermutlich lag es an seinem Gesicht, was nur wenig streng und verbissen aussah, dafür eher rosig und lustig.

Er war es schließlich auch, der die magischen Worte aussprach, die Mumm in zur Weißglut trieben. Seinem langjährigen Kameraden jedoch verzieh er es: „Na, Hauptmann, sie hat dich also doch 'rumgekriegt, was?".

Mumm knurrte etwas, das nur Colon verstehen konnte und ihn sofort hätte veranlassen müssen, das Thema tot zu schweigen: „Wenn ich es für eine gute Idee halte, sie aufzunehmen, ist diese Entscheidung von niemandem zu hinterfragen!".

„So sind die Frauen.", sinnierte Colon, „Sie gehen mit der Zeit, entwickeln ihrer Methoden weiter. Heutzutage nörgeln sie nicht mehr. Sie diskutieren und lassen dich anschließend glauben, du hättest die Entscheidung allein getroffen. Ich sehe es an meiner Frau...".

„Schon gut, Fred!".

Der Feldwebel verkniff sich die Ausführungen.

Der Gefreite Karotte Eisengießersohn war ein Mann, von dem viel Frauen träumten. Nur Charlotte nicht. Er war groß und breitschultrig. Seine Haare waren aus hygienischen Gründen kurz geschoren. Er blickte unschuldig und naiv zu Charlotte hinüber und das wiederum langweilte diese. Ein ehrlicher Mann bedeutete, dass es keine zweideutigen Gespräche, keine verschwiegenen Wahrheiten und keine verhängnisvollen Situationen geben würde. Mit einem einzigen Wimpernschlag hatte sie die Persönlichkeit dieses Jungen analysiert und die absolute Sicherheit, die von ihm ausging, engte Charlotte jetzt schon ein.

Er schüttelte ihre Hand, als er sich vorstellte. Die beiden begingen Charlottes erste Schicht gemeinsam.

Bereits nach wenigen Minuten fragte sich Charlotte, warum sie das alles auf sich genommen hatte. Was konnte es wert sein, dass sie sich von Karotte zu Tode langweilen lassen musste?

Die Straßen waren ruhig. Mumm hatte ihnen eine Gegend zugeteilt, in der so gut wie nichts jemals passierte.

Sie streiften durch einen Randbezirk Morporks, in dem es nur noch abgebrannte oder verlassene Scheunen gab. Einige von ihnen boten Landstreichern eine Unterkunft für die Nacht, andere dienten als Versteck für unrechtmäßig erworbenes Diebesgut.

Alles in allem versuchte niemand den beiden Wächtern - oder dem große, breiten Wächter - über den Weg zu laufen.

Es war nicht so, dass sich niemand in der Nähe befand. Charlotte nahm mindestens fünf Diebe und zwei Studenten in Begleitung einer jungen Dame war, dich sich bei einer Kontrolle sicherlich als Näherin ausgewiesen hätte.

Karotte hingegen entgingen diese hintergründigen Bewegungen in den Schatten der Scheunentrümmer. Er erwartete nichts, also nahm er auch nichts wahr.

Charlotte wies ihn nicht darauf hin und biss sich stattdessen auf Unterlippe, während ihr Begleiter ununterbrochen redete: „Weißt du, ich meine Eltern sind Zwerge. Ich glaube, dass sie mich adoptiert haben, weil ich ihnen gar nicht ähnlich sehe und die meisten Kinder sehen ihren Eltern ähnlich, nicht wahr? Sie wollten, dass ich einen guten Beruf lerne. Für die Bergwerke zu Hause bin ich zu groß und sie meinten, dass ich besser bei Leuten leben sollte, die die gleiche Statur aufweisen wie ich.".

Charlotte nickte verständnisvoll.

„Sie sagten, die Wache biete ehrbare Arbeit und deshalb habe ich mich hier beworben.".

„Zweifellos ein Trugschluss.", murmelte Charlotte gelangweilt.

„Naja, der Hauptmann ist ein wirklich guter Anführer.", verteidigte sich Karotte.

„Oh ja. Das ganz sicher. Nur anerkannt wird die Arbeit der Wache nicht wie sie sollte.", präzisierte Charlotte ihr vorherige Aussage.

„Manchmal wird man angespuckt oder angepöbelt. Aber da muss man drüber stehen. Ich bin sicher, dich werden sie nicht anspucken!", sagte Karotte schnell.

„Ich hoffe nicht.", gestand Charlotte.

„Du musst keine Angst haben. In den ersten Wochen ist es noch eine Überwindung nachts zu arbeiten. Aber man gewöhnt sich daran.".

„Ich denke, das wird kein großes Problem sein.", erwiderte Charlotte.

„Es dauert auch ein paar Wochen, bis du das Gesetzbuch gelesen hast. Ein paar der Paragraphen in dieser Stadt versteht man erst, wenn sie anwenden muss.", erklärte Karotte, „Aber ich helfe dir gerne dabei, wenn du etwas nicht verstehen solltest. Am besten kommst du damit zu mir. Ich habe nämlich ein bisschen das Gefühl, dass Feldwebel Colon und Korporal Nobbs bei all ihrer praktischen Routine mit der Theorie des Gesetzes nicht mehr so vertraut sind.".

„Vielen Dank.", entgegnete Charlotte, „Sag mal, wie wurdest du ausgebildet?".

„Wie meinst du das?", fragte Karotte.

„Naja, du musst doch irgendwo gelernt haben, wie man mit dem Schwert umgeht oder wie man mit einer Armbrust schießt oder wie man Verbrecher stellt oder wie man sie erkennt.", erklärte Charlotte.

„Nun, Feldwebel Colon und Korporal Nobbs haben mich mit genommen und mir alles gezeigt, was sie wusste. Es hat sich einfach so entwickelt. Aber wie man mit dem Schwert umgeht, wusste ich schon vorher.", sagte Karotte nachdenklich. Er wusste immer noch nicht, was er sich unter einer Ausbildung vorzustellen hatte.

„Ich dachte eigentlich eher an Hindernisparcours oder Schießstände und Tontauben und so.".

„Nein, für sowas gab es gar keine Zeit.", gestand Karotte, „Weißt du denn nicht, wie man mit einer Armbrust umgeht?".

„Oh doch! Natürlich!", log Charlotte, „Ein sehr... weibliches... Mordinstrument.".

Karotte legte seine Stirn in Falten. Er ahnte, dass mit dieser Aussage etwas nicht stimmte, aber er wagte es nicht an Charlotte als eine Lügnerin zu denken.

„Ach, mach dir nichts draus. Jeder fängt mal unten an. Ich bin sicher, dass du dich schnell an alles gewöhnen wirst.", wiederholte Karotte und Charlotte nickte.

„Wie dem auch sei, diese Stadt ist doch sehr unübersichtlich. Dir macht das sicher weniger aus, weil du hier geboren bist und es nicht anders kennst. Aber als ich hier her kam, kannte ich nur weites Land und Bergbaustollen. Daran musste ich mich erst gewöhnen.", Karotte lachte, während Charlotte unbemerkt die Augen verdrehte.

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