Charlotte war müde, als sie nach Hause kam. Lange hatte sie keine echte Müdigkeit mehr verspürt. Es stellte sie zufrieden.

Der Morgen graute. Langsames, orangerotes Licht kroch über den Horizont und die Vögel erwachten als erste.

Charlotte kroch in ihr Bett, als sie draußen hörte, wie nach und nach die Fensterläden der Nachbarhäuser geöffnet wurden. Sie schlief recht schnell ein, jedoch erwachte sie bereits nach drei Stunden und stellte fest, dass sie zu aufgekratzt war, um sich noch einmal umzudrehen.

Sie kletterte aus dem Bett und schlich missgelaunt hinüber ins Krankenzimmer ihres Mannes.

Kenneth hatte es fertig gebracht mit seinen Krücken allein vom Bett an sein Fenster zu humpeln.

„Guten Morgen!", schallte es Charlotte entgegen und sie musste wirklich an sich halten, dass sie ihren Mann nicht mit einer Bratpfanne auf dem Schädel begrüßte.

„Guten Morgen. Möchtest du einen Kaffee?", fragte sie.

„Warum nicht.", gab Kenneth zurück und erinnerte sich erst dann an Charlottes Künste im Bezug auf das Kochen von Heißgetränken.

Er kippte die ungenießbare Brühe zum Fenster hinaus, als seine Frau gerade nicht hinsah. Sie schien sich das Gesöff tatsächlich einzuverleiben. Entweder sie verheimlichte etwas oder sie war sehr wütend. Beides war der Fall.

„Kenneth, ich habe eine Anstellung gefunden, die uns über Wasser halten wird, während du nicht aus dem Haus kannst.", begann sie und blickte nicht auf. Charlotte war eine stolze Frau. Wenn die bedenklichen Kaffee kochte, trotzte sie ihrem Negativtalent, indem sie ihre Tasse restlos austrank und vorgab es zu genießen. Wenn sie ihrem Mann etwas beichtete, dann fand sich in ihrer Stimme nicht ein Quantum Zweifel an ihrer Handlung. Ein Schuldeingeständnis wurde bei ihr zu einem Tatsachenbericht, dem immer der Nachsatz anhaftete: Und wenn ich noch einmal die Chance hätte, würde ich wieder genau das gleiche tun!

„So?", fragte Kenneth halb erfreut, halb entsetzt.

„Ich habe mich bei der Wache eingeschrieben.", erklärte Charlotte.

Kenneth wusste nicht, ob er Amok laufen sollte oder ob es nicht gesünder und für sein weiteres Leben angenehmer wäre, seine Frau in diesem Wahnwitz zu bekräftigen: „Du hast was?", rief er.

„Nur bis du wieder Einsatzbereit bist.", sagte Charlotte immer noch nicht entschuldigend.

Kenneth konnte es nicht ändern. Er konnte seinen Unmut äußern und riskieren, dass ihn die nächsten drei Tage keine feste Nahrung mehr erreichen würde und er sich von Schlamm-Kaffee ernähren musste. Oder er konnte ruhig bleiben.

Kenneth Fleischmeister war bereits lange ruhig geblieben, seit er mit Charlotte Freemont ein Haus teilte. Er gehörte zu den Menschen, für die es ungesunde Konsequenzen hatte, wenn sie ruhig blieben. Sie drohten zu explodieren und umstehende mit sich zu reißen.

„Das ist doch herrlich, Schatz.", sagte er und biss die Zähne unnötig fest aufeinander, „So etwas hast du dir doch schon immer gewünscht.".

„Ich gebe mir Mühe.", antwortete Charlotte.

„Wieso hast du mir nichts gesagt?", fragte Kenneth nach einigen stummen, schmerzhaften Augenblicken.

„Es hat sich zufällig so ergeben, als ich Hauptmann Mumm besuchte.", erklärte Charlotte.

Kenneth Fleischmeister wollte in seiner Ehe einen Streit um jeden Preis verhindern. Streit war der Nährboden für Verbrechen. Man sah es allabendlich in den Tavernen der Stadt. Schlägereien, Beleidigungen, Sachbeschädigung, Mord. Alles ging auf einen Streit zurück.

„Wieso hast du den Hauptmann besucht?", fragte Fleischmeister ruhig.

Charlotte blickte auf und Kenneth durchdringend an. Sie gab zu verstehen, dass es ihn absolut nichts anging, was sie tat und warum und er verstummte augenblicklich.

Nach einer weiteren qualvollen Stille erbarmte sich Charlotte diese zu brechen, indem sie fragte: „Was machen deine Recherchen? Jetzt, wo ich in der Wache bin, kann ich einige deiner Beobachtungen sicherlich gut gebrauchen.".

„Naja, heute Morgen ist Frau Schimmelpfennig schon sehr früh aus dem Haus gegangen. Aber die Läden am Schlafzimmer sind immer noch geschlossen. Das bedeutet, dass ihr Mann wahrscheinlich noch schläft.".

„Als Fischhändler müsste er eigentlich früh aufstehen, um auf dem Marktplatz einen guten Stand zu erwischen.", überlegte Charlotte, „Seine Frau übernimmt das sicher nicht für ihn.".

„Nein, ich hörte, wie sie zu ihrer Nachbarin sagte, dass sie den Geruch von Fisch nicht ausstehen könne.", berichtete Kenneth, „Nein, ich gehe davon aus, dass Schimmelpfennig noch da oben in seinem Bett liegt und schläft. Er hat es wohl nicht mehr nötig Fisch zu verkaufen, jetzt wo er eine Karriere als Dieb anstrebt. Sicher war er letzte Nacht wieder unterwegs.".

„Seine Frau mag den Geruch von Fisch nicht und sie beschwert sich dass ihr Mann als Fischhändler nicht genug Anerkennung erntet. Ich bin sicher, dass sie ihn anstachelt zu den Einbrüchen.", kombinierte Charlotte.

„Ja. Sie steckt da mit drin!", bestätigte ihr Mann.

Charlotte stand auf und strich sich die Haare glatt.

„Ich gehe jetzt in die Stadt.", erklärte sie, „Ich treffe mich mit Lilian im Café. Ich muss ihr natürlich auch erzählen, dass ich bei der Stadtwache angefangen habe. Du kommst zurecht?".

„Oh ja. Natürlich. Ich brauche nichts weiter als das Fenster und mein Fernglas. Vielleicht könntest du es ja in die Wege leiten, dass man bei diesen Schimmelpfennigs mal ein paar Untersuchungen einleitet.".

„Ich sehe, was ich tun kann.", erwiderte Charlotte und verschwand aus dem Zimmer.

Als Kenneth Fleischmeister sich sicher war, dass seine Frau aus dem Haus verschwunden war, nahm er seine Kaffeetasse von der Fensterbank und schmetterte sie wutentbrannt gegen die Wand. Seine Frau in der Stadtwache? Wie weit war doch Ankh-Morpork gesunken, wenn eine derart hochgeborene Frau den dreckigsten Dienst der Stadt erledigen musste.

Er fragte sich nicht, wie tief seine Frau gesunken war, sich für diesen Dienst zur Verfügung zu stellen. Er verdrängte auch den Gedanken daran, dass sie eine seltsame Beziehung zu Hauptmann Mumm zu unterhalten schien, die ihm undurchsichtig und verworren vorkam.

Er war der Überzeugen, das zu starkes Nachdenken beinahe so ungesund sein konnte wie das Aufstauen von Wut und so beließ er es bei den Scherben auf dem Boden, die er in den nächsten Stunden unter größten Anstrengungen auflas und vor Charlotte für immer verbergen wollte.

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