In Ankh-Morpork gab es nicht viele Straßencafés. Grund dafür war der ständige Regen und der markante Geruch der Stadt. Hinzu kam, dass es die Stadtarchitekten nicht für nötig hielten Gehwege beim Bau der Straßen mit einzuplanen. Wagen, Kutscher und Karren fuhren wie es ihnen gefiel und vor allem viel zu schnell für die engen Gassen. Fußgänger waren entweder reaktionsschnell oder fanden sich mit allerlei gebrochenen Knochen im Schlamm wieder.

Auch war die Café-Kultur nicht besonders ausgeprägt. Die Bürger Ankh-Morporks zogen alkoholische Getränke den Koffeinhaltigen vor.

Dennoch befand sich in der Kuchenstraße ein kleines Teehaus, das Tee, Kaffee und Kakao aus entlegenen Gebieten der Scheibenwelt anbot - oder zumindest vorgab seine Ware von dort zu beziehen.

Die Preise hielten sich stabil in astronomischen Höhen. Das Teehaus hatte nun mal eine Art Monopol in der Stadt inne und konnte konkurrenzlos darüber entscheiden, was der Wert einer schlammigen Tasse Kaffee sei. - In Ankh-Morpork muss jedes Getränk als schlammig bezeichnet werden, dass die einzige Wasserquelle der Stadt bot der Ankh und bei ihm handelte es sich um Frischwasserzufuhr und Kanalisation gleichzeitig.

Zu den Stammgästen des winzigen Teehauses gehörten Charlotte und Lilian. Sie konnten es sich außerdem leisten hier in einem improvisierten Vorgarten zu sitzen und horrende Preise für eine Tasse lauwarmer Blätterbrühe zu bezahlen.

Lilian hatte Charlotte eingeladen, da sie tatsächlich die Möglichkeit erwog, dass es im Augenblick schlecht um die Finanzen ihrer Freunden stehen konnte.

Charlotte wäre viel zu stolz gewesen um zuzugeben, dass sie sich in einem Engpass befand und so wollte Lilian ihr eine Demütigung ersparen.

Sie kannte ihre Freundin schlecht. Charlotte kannte die Bedeutung des Wortes „Engpass" lediglich aus der Wörterbuch.

Lilian reichte Charlotte ein Buch hinüber und sagte: „Hier lies das. Bis zum Ende weiß man nicht, wer der Dieb ist und dann ist es doch eine Überraschung. Man fiebert richtig mit.".

„Man weiß bis zum Ende nicht, wer es ist?", fragte Charlotte enttäuscht.

„Du wirst wirklich überrascht sein.", wiederholte Lilian.

„Nein, danke. Wenn man sich die ganze Zeit über damit beschäftigen muss, herauszufinden, wer der Dieb ist, geht die ganze, prickelnde Romantik verloren.", behauptete Charlotte.

„Welche Romantik?", fragte Lilian.

„Die Beziehung zwischen Dieb und Kommissar. Zwischen Räuber und Gendarm. Ich halte sie für äußerst erregend.", sagte Charlotte ungeniert.

„Was du immer für Ideen hast, Lotte! Das ist doch vollkommener Blödsinn. In einem Kriminalroman gibt es keine Romantik. Es gibt nur einen Dieb und einen, der den Dieb zu fassen sucht. Das ist alles.", stellte Lilian fest.

„Es gibt eine Beziehung zwischen Dieb und Kommissar. In einem guten Buch geht es immer um Beziehungen.", erklärte Charlotte, „So eine Verbrecherjagd ist nie emotionslos. Es ist nie ein Phantom, das man verfolgt. Es ist eine Person, die einen herausfordert.".

„Der Katzeneinbrecher ist eine Phantom.", gab Lilian zurück.

„Aber nur für die, die ihn nicht sehen wollen.", entgegnete Charlotte, „Glaub mir, der Katzeneinbrecher ist seinen Jägern näher, als sie glauben und hoffen.".

Lilian pustet genervt eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht und nahm das Buch zurück: „Dann ist es wohl nichts für dich. Du hast immer Ansprüche!".

„Ist das ein Fehler?".

„Ich weiß nicht. Vielleicht.".

„Lilian, ich muss dir etwas erzählen.".

Lilian setzte ihre Tasse ab. Sie kannte den Tonfall, der immer dann zum Tragen kam, wenn jemand seine Seele von einer schweren Sünde befreien wollte, indem er sie ausformulierte und sie mitteilte. Sie kannte den Tonfall nicht von Charlotte.

„Ich... naja... Ich hab mich hinreißen lassen und bin jetzt bei der Stadtwache.".

„Du bist was?", entfuhr es Lilian, „Einfach so! Aus Lust und Laune!".

„Naja... Es war schon nicht so einfach...", räumte Charlotte ein.

„Oh! Ich verstehe! Deshalb der Einbruch im Wachhaus! Jetzt wird mir alles klar!", sagte Lilian und ihre Stimme klang mit jedem Wort mehr nach einem Rasiermesser.

„Das geht gegen alles, was wir uns geschworen haben!", jammerte Lilian plötzlich und griff sich an den Kopf, „Wir wollten... wir wollten Mädchen bleiben.".

„Ich bin überzeugt, immer noch eines zu sein.", beruhigte sie Charlotte.

„Nein. Ich meinte, wir hatten uns geschworen, es denen da oben zu zeigen, indem wir besser sind und alles. Wir wollten uns nicht auf ihr Niveau herablassen und uns organisieren und fett und unbeweglich werden. Das waren deine Worte!".

„Wenn man einem Menschen verbietet seine Meinung zu ändern, verbietet man ihm dazuzulernen.", sinnierte Charlotte, „Keine Sorge, es ist nur für die Zeit, in der Kenneth zu Hause bleiben muss.".

„Charlotte, darum geht es gar nicht! Falls du es vergessen haben solltest: Die Wache, wie die Diebesgilde, sucht nach einem Einbrecherphantom! Und ich glaube dieses Phantom täte besser daran sich fern von ihnen zu halten!".

„Ich bezeichne mich nur ungern als Phantom.", entgegnete Charlotte kühl, „Und außerdem glaube ich, dass sie ganz sicher nicht unter den Nachtwächtern nach dem Dieb suchen werden. Komm schon, nicht ein einziger hat bis jetzt einen Verdacht geäußert!".

„Noch nicht. Ich sage dir, das ist zu gefährlich!".

„Ich weiß, deshalb habe ich mir überlegt, dass ich die Einbrüche erst einmal aufgebe. Sie haben einen sehr begabten Rekruten auf mich angesetzt.", erklärte Charlotte süffisant.

Lilian verstand nicht gleich und fragte argwöhnisch: „Wen?".

„Mich, du Genie!", erwiderte Charlotte und lachte.

„Ich finde das gar nicht lustig. Es hat mir immer Spaß gemacht.", sagte Lilian und blickte düster auf ihrer Freundin, „Ich finde das nicht gut. Weißt du, du bist sehr egoistisch geworden. Du ziehst den Hauptmann deiner langjährigen besten Freundin vor! Du hast deinen Spaß nur ich muss mal wieder hinten anstehen.".

„Ach Lilly, das stimmt doch gar nicht! Und es ist doch nur für ein paar Wochen.", Charlotte legte Lilian einen Arm um die Schulter, der jedoch von dieser weggeschlagen wurde.

Charlotte lehnte sich zurück und schwieg.

Eine Frau mit einer Handtasche ging an den beiden Mädchen vorbei und setzte sich schließlich an einen Tisch weiter hinten, nicht ahnen, dass sie den bestellten Tee nicht würde bezahlen können.

Charlotte blätterte fahrig in der Geldbörse und las den Einkaufszettel der Dame, nur damit sie Lilian nicht ansehen musste.

„Da siehst du es! Du verschwendest dein Talent!", kam es von ihr.

Charlotte antwortete nicht.

Lilian murmelte: „Diebstähle aufgeben und dafür in die Wache eintreten! Lächerlich!"

Sie dachte: Und was ist mit mir?

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