Charlotte weinte. Sie weinte tatsächlich. Sie weinte ehrlich und echt. Lange hatte sie es angestaut. Lange war sie sich nicht bewusst, dass sie es konnte oder dass es etwas gab, das wichtig genug war, dass man es beweinen musste.

Kenneth hatte sich große Mühe gegeben weitere Fakten zu sammeln, die seine Nachbarn belasteten. Er wollte ein wenig vor seiner Frau angeben, doch er bekam keine Gelegenheit, denn Charlotte verschwand ohne einen Blick in sein Zimmer zu werfen in ihrem Schlafzimmer.

Kenneth versuchte das Schluchzen zu überhören. Er hätte ohnehin nicht gewusst, was er zu seiner Frau hätte sagen solle. Er war nicht gut im Trösten. Zumeist war er der Grund, warum andere Leute getröstet werden mussten.

Charlotte hatte nicht geahnt, dass es tatsächlich etwas gab, dessen Verlust ihr so nahe gehen würde.

Lilian als Freundin zu verlieren bedeutete alles zu verlieren, was ich wichtig war.

Alles andere in ihrem Leben war nur Spielerei, Maßnahmen um die Langeweile zu vertreiben. Aber Lilian war ein Mensch... der Mensch der, der sie wirklich kannte, dem sie vertraut hatte und deren Freundschaft sie als unerschütterlich erachtete.

Sie konnte nicht damit umgehen, dass Lilian ihr die Freundschaft gekündigt hatte, aber das war nur der geringere Schmerz. Der weitaus größere Anteil ihrer Trauer, ging darauf zurück, dass sie in Erwägung zog einen großen Fehler gemacht zu haben. Nie hatte sie er für möglich gehalten einen Fehler zu begehen. Sie war sich immer so sicher. Sie war sich so sicher, dass sie kaum noch Gedanken zuließ, die an Zweifel grenzten. Vielleicht war das der Fehler.

Lilian war mit Sicherheit wichtiger als der Hauptmann. Sie hatte sich verleiten lassen. Sie hatte sich hinreißen lassen und jetzt saß sie fest. Mittendrin.

Es gab kein zurück. Jetzt musste sie es durchziehen. Nichts würde je wieder so sein wie es war. Jetzt hatte sie niemanden mehr mit dem sie sich austauschen konnte, niemanden mehr, an dem sie ihre spitzfindigen Bemerkungen ausprobieren konnte.

Wenn sie so darüber nachdachte, hatte sie Lilian nicht immer besonders gut behandelt. Es musste irgendwann ja so enden. Lilian wollte nicht ewig im Schatten stehen und Charlotte war sich bewusst, dass sie einen großen Schatten warf.

Niemand, der ihre Leidenschaft für Kriminalromane teilte und mit dem sie darüber fachsimpeln und streiten konnte. Niemand, der ihre Geheimnisse kannte. Niemand, dessen Geheimnisse sie kannte. Niemand, mit dem sie planen konnte und träumen und ein klein bisschen das ausleben konnte, was sie Langeweile des Lebens überlappte.

Pflichtbewusst, wie sie war, zwängte sie sich am Abend in ihre Uniform und trat die Nachtschicht an. Niemand bemerkte etwas von ihrem desolaten Zustand. In allen Lebenslagen war sie eine Schauspielerin, die das Drama nicht zu übertreiben verstand.

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