Die Wächter waren allesamt schlecht gelaunt. Der Dieb war ihnen erneut zuvor gekommen. Viel schlimmer erschien ihnen allerdings die Tatsache, dass sie auf Grund ihres Versagens an die Nachtschicht eine zusätzliche Sonderschicht einlegen mussten.
Hauptmann Mumm, Korporal Nobbs, Feldwebel Colon, Gefreiter Karotte und Gefreite Freemont fanden sich übermüdet in Haus der Familie von Lichtfeld ein.
Charles Freemont hielt es offensichtlich nicht für notwendig einen Abgesandten zu schicken. Charlotte erklärte er damit, dass ihr Vater seit dem Fest der geringen Götter nicht mehr gut auf seine Tochter zu sprechen war und inzwischen musste er sicher erfahren, haben, dass sie sich in der Wache herumtrieb. Sicher gefiel ihm das keineswegs und er war zu stolz hier aufzutauchen um Charlotte in Uniform gegenüber zu stehen.
Charlotte legte keinen großen Wert auf die Anwesenheit ihres Vaters.
Mumm ebenfalls nicht, dennoch ärgerte es ihn aus Prinzip: „Ist sich zu fein für die Drecksarbeit!". Er verkniff sich deutlicheres Fluchen, da er Charlotte in der Nähe wusste.
„Der Hund hat gebellt!", erklärte die bleiche Frau den Tränen nahe, „Der Dieb muss durch die Terrassentür hineingekommen sein. Ich achte darauf, dass immer alle Fenster und Türen geschlossen sind. Vor allem seit dieser Einbrüche. Aber das Kind ist einfach nicht zu belehren, macht gerade eine schwierige Phase durch.".
„Der Hund hat also gebellt.", sagte Colon ruhig.
„Ja, daraufhin bin ich nach unten, habe mir einen Schürhaken geschnappt und wollte den Dieb allein stellen.".
Mumm betrachtete sich die Frau. Ja, es bestand kein Zweifel. Diese Frau konnte gestandene Männer niederschlagen, wenn sie wollte.
Im Augenblick mochte ihr Gesicht bleich erscheinen, doch unter normalen Umständen leuchtete es sicher hochrot und deutet auf massiven Bluthochdruck hin. Sie trug eine blaugeblümte Kittelschürze, die zwei Pfadfindern eine geräumige Behausung geboten hätte. Ihre Füße steckten in Pantoletten, die dafür sorgten, dass sie nie wieder in normale Schuhe passen würden. Das strähnige, blonde Haar, das nur hier und da auf dem massiven Schädel wachsen wollte, hatte sie zu einem fahrigen Pferdeschwanz zurückgebunden. Ihre ganze Erscheinung wirkte eher improvisiert und zufällig. Auf ihren Lippen jedoch hatte sie roten Lippenstift aufgetragen. Mumm argwöhnte, dass dies eine Komponente darstellte, die normalerwiese nicht zum Bilde von Frau von Lichtfeld gehörte.
„Sie sind allein hinunter gegangen?", fragte Nobby anerkennend.
„Wer sollte denn sonst gehen? Mein Mann hat mich vor nicht ganz zwei Jahren verlassen und mich mit dem Kind... Nun ja, seit dem haben wir den Hund, was natürlich nicht heißt, dass wir uns in Sicherheit wiegt. Ich kann kaum eine Nacht durchschlafen vor lauter Angst.".
Mumm glaubte ihr irgendwie nicht und wandte sich ab. Er sagte zu Charlotte: „Kümmer' du dich darum. Ist ne gute Übung und Frauen könne sowieso besser mit Frauen sprechen. Ich bin im Augenblick nicht in der Lage...".
„Äh... ja.", erwiderte Charlotte, die sich bisher lediglich besorgt umgesehen hatte.
„Was ist denn... abhanden gekommen?", fragte Charlotte unsicher.
„Meine Altersvorsorge!", rief Frau von Lichtfeld, „Mein letzter Notgroschen!".
„Ich bin sicher, dass der vorletzte und der vorvorletzte Groschen noch immer in Sicherheit ist.", knurrte Mumm.
„Was hat er gesagt?", fragte Frau von Lichtfeld.
„Er... hat geflucht... auf den Dieb... und seine Dreistigkeit.", log Charlotte.
„Ja! Ich kann dir nur Recht geben! Ein Dreckskerl war das!", pflichtete Frau Lichtfeld bei.
„Ähm... was genau wurde denn gestohlen?", fragte Feldwebel Colon, der sich wünschte recht schnell nach Hause in sein Bett zu kommen.
„Münzen! Goldmünzen. Von überall her. Sehr wertvoll.", antwortete die bestohlene.
„Und der ideelle Wert ist nicht zu unterschätzen, nicht wahr?", sagte Colon mitfühlend.
„Sie gehörten meinem Mann.", sagte Frau von Lichtfeld knapp, „Ich hatte sie schon vor einiger Zeit zurück gelegt, damit er sie nicht für irgendetwas unsinniges ausgab. Oder es in den Rachen eines dieser Flittchen warf.".
„Dann hast du sie gestohlen?", kombinierte Charlotte scharf und merkte erst danach, dass sie es sich besser verkniffen hatte.
„Das war mir klar, dass ein Weibsstück, wie dieses alle Fakten verdrehen muss. Glaub ja nicht, dass ich nicht weiß, wer du bist, Missy! Diebesgilde!", sie schnaufte verächtlich, „Ich hielt es immer vor Blödsinn, Diebe zu einer Institution zu erheben. Und gerade du! Du! Dieses Kleid! Ein absoluter Skandal! DU hast natürlich überhaupt keine Ahnung, was es bedeutet, ein Kind alleine groß zu ziehen. Schau dich nur an! Mit Verlaub, das ist genau das, was ich unter einem Flittchen verstehe! Entschuldige bitte, Hauptmann, aber ich glaube nicht, dass diese Person kompetent genug ist, um meinen Fall zu bearbeiten!".
„Nun, ich setze hohes Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Du weißt doch, nur ein Dieb fängt einen Dieb.", sagte Mumm ruhig und warf Charlotte eine scharfen Blick zu.
„Könnten wir jetzt bitte wieder sachlich an den Fall heran gehen?", mischte sich Nobby ein und gähnte herzhaft.
Karotte hatte sich an die Küchenwand gelehnt und die Augen geschlossen. Sogar er war müde.
„Gut, gut!", lenkte Frau von Lichtfeld ein, „Ich verwahrte die Münzen in einer Keksdose im Kamin auf. Der Dieb muss das gewusst haben, denn so ein Versteck findet man nicht einfach. Schon gar nicht, wenn ein Wachhund im Nebenraum schläft.".
„Ja, so ist das bisher immer gewesen. Der Dieb scheint die Geheimnisse seine Opfer zu kennen.", bestätigte Nobby, und nahm die Keksdose aus der Hand der fülligen Dame.
„Öffne sie nur, junger Mann. Sehen sie sich diese Provokation an!", kommentierte Frau von Lichtfeld.
Nobby schüttelte die Dose. Es klapperte nichts. Kein Geräusch drang heraus. Vier weitere gespannte Augenpaare richtete sich auf das Gefäß. Frau von Lichtfeld grinste wissend und um den Lippenstift zu betonen.
Nobby nahm den Deckel ab und darin befand sich ein Zettel.
Charlotte runzelte die Stirn: „Was ist das denn? Recht ungewöhnlich für einen lizenzlosen Dieb, seine Visitenkarte zu hinterlassen.".
Nobby fischte das Stück Papier heraus, faltete es auseinander und las:
„Es werden Einbrüche folgen!
24. Sektober - Familie Siedentopf
28. Sektober - Familie Rüffel
29. Sektober - Lord Vetinari
Ich sehe euch.".
Langsam faltete er das Blatt Papier zu und blickte fragend in die Runde. Als niemand die offensichtliche Frage beantworten wollte, sprach Nobby sie aus: „Was soll das denn sein?".
„Eine Provokation.", sagte Charlotte tonlos und nahm dem Korporal den Zettel aus der Hand.
Sie faltete ihn auseinander und betrachtete sich die Worte genauer: Kein Zweifel.
„Unglaublich!", kommentierte sie und reichte das Schriftstück weiter an Feldwebel Colon. Auch er warf einen skeptischen Blick darauf bevor er es Karotte gab.
„Vielleich hat er ein schlechtes Gewissen, weil er sich bewusst ist, dass er Unrecht tut.", vermutete der Gefreite.
Mumm nahm den Zettel und starrte ihn angewidert an: „Den müssen wir mitnehmen.", kommentierte er knapp.
„Und dann hat der Hund gebellt!", brachte sich Frau von Lichtfeld wieder ein, „Der Dieb hatte keine Zeit mehr zurück nach oben zu rennen, deshalb hat er das Küchenfenster geöffnet und ist daraus verschwunden.".
Alle wandten sich dem Fenster über dem Spülstein zu.
„Was ist das?", rief Karotte plötzlich. Er stand dem Fenster am nächsten und hatte etwas entdeckt.
„Was denn?", fragte Nobby interessiert.
„Da!", Karotte deutete auf einen schmierigen Fleck auf der Fensterscheibe.
„Sieht aus wie ein Fingerabdruck.", stellte Colon fest.
Mumm ging nahe heran uns besah ihn sich: „Ja, kein Zweifel. Ein Fingerabdruck.".
„Meine Fenster sind immer sauber!", verteidigte sich Frau von Lichtfeld.
„Davon bin ich überzeugt.", sagte Charlotte süffisant, „Das hier ist auch mit Sicherheit nicht dein Finger gewesen.".
„Ja, er ist viel kleiner, als deiner wäre.", analysierte Karotte.
Frau Lichtfeld hielt den Atem an.
„Hat schlanke Finger, unser Dieb.", bestätigte Nobby.
„Wieso hinterlässt er einen Fingerabdruck?", fragte Mumm.
Charlotte gab die Antwort: „Ich nehme an, er hat die obere Tür geölt, als er hindurch ging, damit er nicht Gefahr lief, dass sie quietscht. Vielleicht ist etwas von dem Öl an seinem Finger hängen geblieben.".
„Ja, aber er hat noch nie eine Spur hinterlassen. Wieso gerade hier? Wieso gleich zwei?".
„Drei!", rief Karotte, der durch die Hintertür nach draußen gerannt war und sich nun draußen vor dem Fenster befand um dort nach eventuellen Spuren zu suchen.
„Was hast du gefunden?", fragte Nobby.
„Einen Fußabdruck.".
Die Wachen blickten sich abwechselnd an, bis ihre Blicke auf Charlotte ruhen blieben.
Sie sagte hektisch: „Provokation! Ich bin sicher, diese Dinge hat er extra hinterlassen!".
Die Wachen und Frau von Lichtfeld folgten Karotte nach draußen und besahen den Abdruck direkt unter dem Fenster im Schlamm, der viel zu deutlich zu erkennen war, als dass er zufällig hinterlassen worden war.
Als Charlotte sich den Abdruck näher besah, erlitte sie fast einem Herzinfarkt und hätte es sich fast anmerken lassen: „Das... ist das Wappen der Diebesgilde!", bracht sie hervor.
Tatsächlich zeichnete sich innerhalb den Abdruck wie eine Art Siegel das Wappen der Diebesgilde ab.
Die Worte „Acvtvs Id Verberat" waren deutlich zu lesen.
„Offizielle Diebe erhalten nach der bestandenen Abschlussprüfung ein paar dieser Schuhe, damit sie sich überall ausweisen können, auch wenn sich nicht mehr vor Ort sind. Eine Tradition bevor sie auf die Idee kamen Visitenkarten zu drucken.", erklärte Charlotte.
„Was hat das zu bedeuten?", fragte Mumm düster und wandte sich an Charlotte.
„Jemand will meinem Vater etwas anhängen.", sagte Charlotte ohne aufzublicken.
„Der Schuh war recht klein, was?", warf Karotte ein.
„Größer als meine.", sagte Nobby beleidigt.
„Damit wollte ich dir nicht zu nahe treten, aber wenn ich mir das so ansehe, dürften die Schuhe höchstens Größe 39 haben.", sagte Karotte.
„38.", sagte Charlotte tonlos.
„Woher weißt du das?", wollte Karotte wissen.
Charlotte zog ihre Sandale aus und hielt sie über den Sohlenabdruck im Boden. Sie deckten sich.
„Die Diebesgilde stellt Schuhe in Damenschuhgröße her, wenn sie keine Damen aufnimmt?", argwöhnte Mumm.
„Ich habe 37, Hauptmann!", meldete sich Nobby.
Mumm winkte ab.
Der Fall stank ihm so langsam.
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