Wieso? Diese Frage hallte in Mumms Gedanken nach. Die Fakten haben viele Interpretationen her.

Der Zettel: War es wirklich eine Provokation oder wollte der Dieb von seinen eigentlichen Zielen ablenken, weil ihm die Jagd zu heiß wurde?

Der Fingerabdruck: War wirklich mit Absicht hinterlassen worden oder war es vielleicht tatsächlich ein Versehen?

Der Fußabdruck: Noch eine Provokation? Der Beweis dafür, dass ein Gildendieb dahinter steckte? Wollte der Dieb der Gilde etwas anhängen?

Handelte es sich überhaupt um den Phantomdieb, den sie bereits kannten oder lediglich um einen Trittbrettfahrer, der etwas schlampiger arbeitete oder der Gilde eins auswischen wollte?

Wagte es tatsächlich ein Dieb im Palast des Patriziers einzubrechen? Es musste ein Ablenkungsmanöver sein!

Neben all diesen Fragen hallte eine besonders deutlich: Konnte er Charlotte Freemont trauen in den Dingen die sie sagte, wenn ihre Familie und die Gilde in das Fadenkreuz der Ermittlungen wandern könnte?

Mumm betrachte sich den Beweiszettel erneut. Es würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als die entsprechenden Häuser zu bewachen.

Sollte er Freemont informieren?

Er entschied sich dagegen, schließlich befand er sich nun selbst im Kreis der Verdächtigen.

Mumm saß allein in seinem Büro und hatte die Füße auf den Schreibtisch gelegt. Von außen sah es aus, als würde er dösen oder schlafen.

Nur selten verbrachte er seine Freizeit in seiner schäbigen Wohnung.

So wartete er auch jetzt die Zwischenzeit zwischen zwei Schichten ab.

Plötzlich flog die Tür auf. Mumm öffnete die Augen und fand sich bestätigt in seiner Annahme.

„Was ist los?", fragte er und zog seine Füße unter den Tisch.

„Bitte! Ich brauche heute Abend frei! Es ist im Sinne des Falls!", keuchte Charlotte.

Mumm legte den Kopf schief: „Was weißt du?".

„Nichts genaues!", erwiderte Charlotte und fasste sich wieder, „Ich nehme an, dass du verstehst, dass ich mit meinem Vater sprechen muss.".

„Das muss ich dir untersagen.", Mumm genoss es, dass sich das Machverhältnis zwischen ihm und Charlotte seit ihrer Anstellung in der Wache gedreht hatte.

„Tut mir leid. Ich bin in Zivil, im Augenblick!", entgegnete Charlotte.

„Das tut nichts zur Sache. Die Diebesgilde ist im Augenblick nicht unser Verbündeter. Deshalb dürfen keine Erkenntnisse zum Fall dorthin gelangen.", argumentierte Mumm.

„Es ist mein Vater!", hielt Charlotte dagegen.

„Nein!", sagte Mumm und lehnte sich zurück.

„Ich könnte dafür sorgen, dass keinerlei Diebstähle mehr passieren, wenn du mir heute Abend frei gibst und keine weiteren Fragen stellst.", sagte Charlotte und blickte Mumm durchdringend an.

Es funktionierte. Es funktionierte immer. Charlottes grüne Augen hatten hypnotische Wirkung.

Mumm seufzte: „Na schön. Du hast frei! Für heute steht ohnehin kein Diebstahl auf dem Zettel.".

Er grinste dumpf und bleckte sie Zähne.

„Versprichst du nicht nachzuforschen?", schwor Charlotte ihn ein.

„Nein. Das werde ich nicht versprechen. Ich lasse dich gewähren und sollte sich das Problem lösen, weiß ich, dass du weißt, wer der Dieb ist.", sprach Mumm und lächelte überlegen, „Das würde nicht gerade für deine Integrität sprechen, weißt du?".

„Was erwartest du von einem Flittchen?", entgegnete Charlotte scharf.

„Ich gebe dir noch eine Chance: Wer ist es?", fragte Mumm ungerührt.

„Ich weiß es nicht!", log Charlotte, „Jedenfalls nicht genau.".

„Wodurch hat er sich verraten? Hast du es heute herausgefunden? War es der Schuh? Der Dieb hatte bestimmt nicht damit gerechnete, dass du seine Spuren untersuchen wirst, habe ich recht?".

Charlotte antwortete in Gedanken: Nein, ich bin sicher, das hat er ganz genau gewusst!

Sie sagte: „Schon möglich. Aber ich will niemanden brandmarken, wenn ich nicht ganz sicher bin.".

„Du wirst mir keine Namen nennen?".

„Du kannst ihn selbst herausfinden.", erwiderte Charlotte und lächelte ihr Schlangenlächeln, „Du könntest so viel, wenn du dir nicht selbst im Weg stehen würdest.".

„Lass das!", würgte der Hauptmann sie ab.

„Nun, ich werde dir nicht vorweggreifen. Vergiss nicht, Frauen lassen Männer glauben, dass sie selbst die guten Ideen gehabt haben.", sagte Charlotte, „Hat etwas mit Stolz zu tun.".

„Damit kennst du dich natürlich prächtig aus.".

„Nicht nur damit. Aber belassen wir es beim Stolz. Ich werde versuchen, den Stolz meiner Zunft zu retten, ohne dass es peinliche, öffentliche Bekundungen geben wird. Ich denke, dass ist in unser beider Sinn. Eigentlich kannst du nicht an meiner Integrität aussetzen. Ich habe dir ordnungsgemäß Meldung erstattet über mein Vorhaben.".

„Wir werden sehen, was es bringt!", erwiderte Mumm und deutete auf den Zettel, „Am 24. Sektober.".

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