Lilians Fenster stand offen, als hätte sie auf Charlotte gewartet.
Sie saß vor ihrem Spiegel und kämmte sich die schwarzen Locken glatt. Ein fast aussichtsloses Unterfangen und eigentlich diente es nur dem Anschein des Beschäftigt-Seins.
Fast lautlos landete Charlotte auf dem Fenstersims und stieg in das Zimmer der ehemaligen Freundin.
Wäre sie durch die Tür gekommen, hätte das nur zu unangenehmen Fragen von Lilians Mutter geführt. Die Sache war jedoch zu wichtig und duldete keine Umwege und keinen Aufschub.
„Was willst du?", fragte Lilian, nachdem sie sich umgedreht hatte und in ihrem Gesicht jegliche Emotion vermissen ließ.
Charlotte hingegen wirkte etwas angeschlagen. Sie zog die Kapuze vom Kopf und ihr Haar wies deutliche Zeichen dafür auf, dass es nicht mehr ganz so eifrig gepflegt wurde, wie noch vor einigen Monaten. In ihrem Gesicht hatte die Müdigkeit Spuren hinterlassen und auch ernsthafte Sorgen zeichneten sich ab.
„Lilian, du hattest deinen Spaß. Ich verlange auch gar nicht, dass es zugibst. Aber bitte hör auf damit! Das ist Wahnsinn! So wichtig ist es nicht! Du könntest die ganze Diebesgilde in Verruf bringen.".
„Ich weiß nicht, wovon du redest.", sagte Lilian kühl.
„Das ist erst! Du musst damit aufhören! Du bist nicht gut genug!", brachte Charlotte hervor.
„Ich habe wirklich überhaupt keine Ahnung.", sagte Lilian.
„Was denkst du dir eigentlich dabei? Einbrüche ankündigen? Das ist der pure Wahnsinn! Das ist Selbstmord! Wenn die Diebe dich erwischen... Du weißt, was sie mit Dieben machen, die sie erwischen!".
„Man hängt sie als Wetterfahne über dem Gildenhaus auf.", sagte Lilian ruhig.
„Eben! Mich hätten sie nicht aufgehängt. Ich wäre mit Stubenarrest davon gekommen. Aber du...".
„Charlotte, begreifst du es nicht? Ich habe nichts mit irgendwelchen Einbrüchen zu tun!", erklärte Lilian und kämmte sich erneut durchs Haar.
„Ich werde nicht zulassen, dass du weiter machst, Lilian!", fauchte Charlotte.
„Tu, was du nicht lassen kannst! Ich glaube, bei der Wache bist du gut aufgehoben, was? Kannst dich voll ausleben. Hast du jetzt nicht Dienst? Willst du mich festnehmen?".
„Eben das will ich nicht! Deshalb hör auf damit! Ich will noch nicht mal ein Geständnis.", keuchte Charlotte.
„Du wirst auch keins bekommen, Charlotte!" erwiderte Lilian und fügte in Gedanken hinzu: Noch nicht, „Und wenn du jetzt bitte mein Zimmer verlassen würdest. Ich fange langsam an, das als Hausfriedensbruch zu werten. Ihr Wachen kennt euch ja damit aus...".
Wortlos schwang sich Charlotte aus dem Fenster hinauf aufs Dach und verschwand vom Haus der Spionenfamilie.
So in der Art hatte sie es sich vorgestellt. Aber probieren musste sie es.
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