Charlotte war gerade vom Fenster verschwunden, da trat Lilian an das selbe. Sie grinste und griff nach einem Spiegel und einer Kerze.
Auf der anderen Seite der Straße gab ein weiterer Spiegel Antwort.
Na schön, Charlotte, mal sehen wie nervenstark du wirklich bist, dachte Lilian und setzte sich wieder vor ihren Spiegel.
Charlotte bewegte sich über die Dächer der Stadt Ankh-Morpork, lautlos wie eine Katze und beinahe unsichtbar für ein ungeschultes Auge.
Einem Dieb drohte normalerweise keine Gefahr. Diebe und Assassinen hatten das Tarnen perfektioniert. Sie trugen schwarze Samtanzüge, hielten ihr Gesicht bedeckt und kannten die Geheimisse des Katzengangs. Sie kannten sich mit Licht und Schatten aus und ihrer Ohren waren trainiert auf jene Geräusche, die nicht gehört werden sollten.
Sobald Charlotte ihren Samtanzug trug, fühlte sie sich sicher im nächtlichen Ankh-Morpork. Sie hätte sich sogar in die Schatten gewagt, wenn es dort etwas zu holen gegeben hätte.
Ankh-Morpork bot Sicherheit, wenn man selbst dafür sorgte, dass niemand sie durchbrach. Ein hübsches, reiches und bekanntes Mädchen in den Straßen bei Nacht, lief nicht nur Gefahr entführt zu werden, sondern konnte damit ihren Eltern einen gehörigen Schrecken einjagen, der im Endeffekt zu einer Taschengelderhöhung oder einer eigenen Kutsche führte.
Charlotte hatte niemals Angst gehabt allein nach draußen zu gehen. Sie bewegte sich fast ausschließlich auf Pfaden über den Straßen.
Routiniert wie eh und je verbarg sie sich vor dem Licht der Straßenlaternen hinter Schornsteinen, mied Dachfenster und hangelte sich an Regenrinnen entlang.
Dennoch war dort etwas. Sie sah nichts. Sie hörte nichts.
Und dieses Nichts war ein Etwas. Oder ein Jemand.
Sie blickte sich um, suchte nach einem schwarzen Samtanzug irgendwo in ihrer Nähe. Sie horchte und bewegte sich einige vorsichte Schritte weiter.
Nichts.
Charlotte wand sich plötzlich um und sah nicht das erhoffte.
Nichts.
Charlotte beeilte sich und hechtete zum Dach gegenüber. Sie hoffte, dass es sich nur um eine zufällige Begegnung handelte und der Verfolger sie nun nicht mehr behelligen würde.
Es kam immer mal wieder vor, dass ein Assassinen-Schüler auf einen Dieb traf. Man ging sich respektvoll aus dem Weg.
Aber dies war anders. Der andere verhielt sich nicht respektvoll. Er verzog sich nicht. Er war immer noch da und er gab sich nicht besonders viel Mühe unbemerkt zu bleiben.
Oh, man sah und hörte nichts. Aber das sehr deutlich.
Charlotte begann zu rennen. Sie versuchte das Phantom auf ihren Fersen abzuhängen.
Ihr blieb keine Zeit, um nachzudenken, um sich zu überlegen, was gerade vor sich ging. Wer konnte da hinter ihr her sein? Und warum?
Und plötzlich blieb sie stehe. Sie hatte einen Schatten gesehen.
Im Augenwinkel war eine schwarze Gestalt hinter einen Schornstein gesprungen. Wenn es ein Dieb war, befand sie sich in einer verfänglichen Situation. Sie trug einen Diebesanzug und bewegte sich über die Dächer der Stadt.
Wenn es ein Assassine war, befand sie sich in Gefahr. Assassinen waren bewaffnet und je nachdem wer ihr Auftraggeber war, konnten sie einer geheimnisvollen Gestalt auf dem Dach gefährlich werden. Sie war sich sicher, dass eine Verwechslung vorlag, doch was würde das ändern, wenn sie ein Messer im Rücken stecken hatte?
Charlotte begab sich die Deckung hinter einem weiteren Schornstein. Sie konnte nicht auf direktem Weg nach Hause, schoss es ihr durch den Kopf. Ein Dieb würde sich fragen, was ausgerechnet Charlotte Freemont über den Dächern der Stadt zu suchen hatte.
Der Verfolger musste abgehängt werden.
Im Schatten des Schornsteins bewegte sich Charlotte auf die Regenrinne zu und stieg darüber. Sie hängte sich mit beiden Händen daran und hangelte sich an der Wand entlang zum Nachbarhaus.
Sie achtete darauf, dass sie an den Fenstern des Obergeschoss nicht zu sehen war, indem sie ihre Füße gegen die Wand presste und praktisch senkrecht daran entlang lief.
Am Ender der Regenrinne musste Charlotte feststellen, dass die Distanz zum nächsten Dach zu weit war. Oben auf dem Dach hätte sie springen können, aber an beiden Händen an der Regenrinne hängend konnte sie nur wenig Schwung holen.
Es gab zwei Möglichkeit. Entweder sie sprang hinunter auf die Straße oder sie kletterte hinauf aufs Dach.
Sie hatte ihre Tasche nicht bei sich. Ihr fehlten die Diebesutensilien um ein Fenster aufzubrechen. Ein fachfraulicher Blick verriet ihr, dass keines der Fenster geöffnet war. Inzwischen hatte es sich in der Stadt herumgesprochen, dass unlizenzierte Einbrüche passierten.
Charlotte entschied sich gegen die Straße und für das Dach. Sie schwang sich hinauf und blieb flach auf dem Bauch auf den Ziegeln liegen. Sie beobachtete den Schornstein, hinter dem sie ihren mutmaßlichen Verfolger vermutete.
Hier an der Ecke des Daches, hatte sie einen recht guten Überblick und niemand konnte sich von hinten an sie heranschleichen.
So blieb sie einige Minuten liegen und lauschte.
Es war der Wind, der die Anwesenheit eines zweiten Dachkletterers verriet. Der Luftzug traf auf ein Hindernis, das nicht da sein sollte und verwirbelte. Charlotte nahm es wahr und lokalisierte die schwarze Gestalt...
... hinter dem zweiten Schornstein, der Charlotte vorhin als Deckung gedient hatte.
Er kam näher und er beobachtete.
Charlotte lag im Schatten, aber wenn sich ein Dieb nicht bewegte, wurde er früher oder später entdeckt. Das lernte man bereits im ersten Ausbildungsjahr: Ein Dieb muss immer in Bewegung sein. Ein Diebstahl muss schnell von statten gehen. Eine gute Flucht ist die Flucht, die bereits erfolgreich beendet ist.
Langsam kroch Charlotte weiter nach oben, bis sie den Sattel des Daches erreicht hatte.
Sicherlich verwirbelte sich auch der Wind an ihrem Körper. Auch ihre Anwesenheit ließ sich wahrnehmen, wenn man die richtigen Sinne entwickelt hatte.
Deshalb musste Charlotte so schnell wie möglich von der Bildfläche verschwinden, solange sie sich unsichtbar auf der anderen Seite des Daches befand.
Vom Standort des Verfolgers konnte sie hier vorerst nicht gesehen werden, aber auch sie hatte keine Überblick mehr.
Sie schaute hinunter: Es befand sich ein Garten unter ihr.
Immer noch sträubte sie sich den Dachpfad zu verlassen. Unten war es sicher noch gefährlicher. Unten musste sie Umwege einschlagen. Unten konnte sie sich verlaufen.
Eine Sekunde hielt Charlotte inne: Wer konnte das nur sein, der sie verfolgte? Handelte es sich um eine Verwechslung oder hatte es tatsächlich jemand auf sie persönlich abgesehen?
Charlotte starrte hinauf auf den Sattel des Daches und nachdem sie sich noch einmal umgesehen hatte, musste sie resigniert feststellen, dass sie keine Chance hatte ein anderes Dach zu erreichen. Das Nachbarhaus war weiter vorgebaut und die Distanz zwischen den beiden Dächern war hier noch größer als vorne.
Und da stand sie nun. Die Kontur der schwarzen Gestalt zeichnete sich im Mondlicht ab.
Ein Assassine.
Charlotte war sich sicher. Aber Lilian konnte doch nicht etwa...?
Etwas blitzte in der Hand der Gestalt. Charlotte wusste Bescheid über die Wurfmesser der Assassinen-Schüler und wie präzise diese damit umgehen konnten.
Charlotte sprang und rann, Haken schlagend durch den Schatten des Gartens.
Kein Metall flog und das beunruhigte sie.
Im Schatten einer Scheune schaute sie hinauf zum Dach. Der Assassine stand am gleichen Ort wie zuvor und schaute starr hinunter. Hatte er sie aus den Augen verloren? Jedenfalls durfte er sie nicht wieder finden.
Was war das für ein Typ? Wer hatte ihn beauftragt? Und auf wen hatte er es wirklich abgesehen?
Er sah noch sehr jung aus. Das was Charlotte gesehen hatte, wirkte unsicher. Ein guter Assassine blieb nicht im Mondlicht auf einem Dach stehen. Ein solches Verhalten wurde mit dem Entzug der Lizenz bestraft, wenn es nicht ohnehin den Verlust des Lebens nach sich zog.
Aber noch in der Ausbildung befindliche Assassinen durften keine Aufträge annehmen.
Sehr seltsam, dachte Charlotte und schlich um die Scheune herum, kletterte auf das Vordach einer Terrasse und verschnaufte.
Charlotte zitterte am ganzen Leib und sie musste einen Augenblick warten, bis es sich gelegt hatte. Noch nie war sie sich so bewusst geworden, dass ihre Nerven nicht endlos belastbar waren.
Natürlich blieb sie wachsam. Wer konnte wissen, ob der Verfolger nicht plötzlich wieder auftauchte, doch es blieb ruhig in ihrer unmittelbaren Umgebung.
Eine Verwechslung, redete sie sich ein. Für jetzt ist es eine Verwechslung und wenn ich zu Hause bin kann ich es mir genauer überlegen.
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