Erschöpft kam Charlotte nach Hause. Sie ging aus reiner Angewohnheit durch die Hintertür und wäre fast über einen Stolperdraht gefallen, der eine komplexe Kettenreaktion losgetreten hätte, an deren Ende ein herabfallendes Netz gestanden hätte, das einen vermeintlichen Dieb in der Küche festgesetzt hätte.
Aus reiner Routine heraus machte sie jedoch einen großen Schritt und trat gegen einen Kochtopf.
Charlotte begann wieder zu zittern und dann verlor sie die Fassung. Ihr gesamter Hausstand lag auf dem Küchenboden verteilt.
„Was ist denn hier los?", schrie sie und ein dünner Lichtschein in einer Ecke der Küche fiel auf Kenneth Fleischmeister, der auf einem Stuhl saß, eine Öllampe hielt und eine gespannte Armbrust auf seinem Gipsbein abgelegt hatte.
„Du bist es!", brachte er hervor, „Fast hätte ich auf dich geschossen.".
„Was hast du dir dabei gedacht?".
Und plötzlich kam Kenneth sich sehr dämlich vor. Er antwortete trotzdem wahrheitsgemäß: „Ich bin mir sicher, dass sie einen Einbruch bei uns planen. Wir sind so ziemlich die einzigen hier in der Gegen, die nichts mit den ganzen Einbrüchen zu tun habe und da sind wir natürlich die nächsten Opfer...".
Charlotte massierte sich die Schläfen: „Ich gehe jetzt ins Bett. Ich hab Kopfschmerzen.".
„Und was ist mit mir?", fragte Kenneth kleinlaut.
„Du kannst das da aufräumen!".
Kenneth seufzte. So hatte er sich die Ehe nicht vorgestellt.
Charlotte war sich sicher: Die ganze Welt war verrückt geworden und hatte sich gegen sie verschworen.
Sie brauchte Zeit. Sehr lange hatte sie ihr Leben damit verbracht der ganzen Welt etwas vorzuspielen. Sie war kalt gewesen und berechnend und das nur, weil sie Angst vor dem hatte, was sich jetzt abzeichnete. Man konnte es nicht verdrängen. Man konnte es nur hinauszögern.
Jetzt war Lilian kalt und berechnend und jetzt wusste Charlotte wie es sich anfühlte. Sie hatte ihre Freundin doch ziemlich von oben herab behandelt. Sie konnte nicht erwarten, dass sie jetzt Gehör fand. Sie hatte all die Jahre gelogen, jetzt konnte sie nicht erwarten, dass man ihr glaubte, dass sie etwas ernst meinte.
Sie war eine gute Schauspielerin, aber nur weil es ihr unglaublich schwer fiel sie selbst zu sein.
Sie wusste ja selbst kaum etwas über sich. Das Leben war an ihr vorbei gegangen und sie hatte sich nicht darum gekümmert. Sie hatte sich selbst von ihrem Leben abgelenkt.
Deshalb war sie ein Showgirl und ein Flittchen.
Und dann die Sache mit dem Assassinen. Charlotte wagte kaum darüber nachzudenken und beschloss unter keinen Umständen jemals darüber zu sprechen. Mit wem auch? Mit Lilian jedenfalls nicht mehr.
Lilian? Sie hatte gute Beziehungen zur Assassinen-Gilde. Sie kannte junge Lehrlinge. Aber sie würde nie Charlotte umbringen lassen! Auch wenn sie Streit hatten. Das durfte Charlotte einfach nicht denken. Das wollte sie einfach nicht denken.
Sie wollte gar nicht mehr daran denken. Eine Verwechslung, wiederholte sie.
Dennoch beschloss sie in naher Zukunft in der Nähe ihrer Kollegen bei der Wache zu bleiben.
Wenn Karotte auch ein Langweiler war, er konnte im Fall eines Falles mit dem Schwert umgehen.
Sie zuckte mit den Schultern. Es musste irgendwann wohl passieren. Viele Menschen hatten Probleme. Vielen Leuten wuchsen ihre Probleme über den Kopf. Nun hatte auch sie Probleme, die gelöst werden musste.
Seltsam, dass sie gerade jetzt so wenig Tatendrang verspürte. Da war nur Müdigkeit.
Zum ersten Mal: Angst, keine Gewissheit, keine Sicherheit, Improvisation.
Abenteuer machten keinen Spaß, wenn man sie nicht unter Kontrolle hatten.
Charlotte schlief ein. Sie wollte sich nicht an die Zwischenfälle der Nacht erinnern.
Sie vergas sogar die Tür abzuschließen. Aber es machte keinen Unterschied, denn Kenneth konnte die Treppe ohnehin nicht mehr hinauf klettern, jedenfalls nicht bis zum Ende der Nacht.
Stattdessen schickte er sich an, den Fußboden der Küche aufzuräumen. Am besten wurde seine Frau am nächsten Morgen nicht mehr an den Zwischenfall in der Nacht erinnert.
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