Der 23. Sektober war ein grauer Herbsttag. Charlotte war inzwischen routinierter, was die Arbeit in der Wache betraf. Es ging in den meisten Fällen darum nicht schnell genug zu sein. Wenn man nicht allzu enthusiastisch war, sparte man sich Arbeit und lebte gesünder.
Natürlich durften die Wächter das vor Hauptmann Mumm nicht zugeben, doch wenn dieser nicht hinsah, agierten sie genau nach dieser Prämisse.
Von Karotte lernte Charlotte ein paar rudimentäre Schwerthiebe und Feldwebel Colon zeigte ihr die Funktionsweise der Armbrust.
Die Nächte gingen schnell vorüber, sie lernte wie man in Tavernen für Ruhe sorgt - oder so tut, als wolle man für Ruhe sorgen, sie gewöhnte sich daran tagsüber zu schlafen und wenn sie rief, dass alles gut war, dann war sie sich sicher dabei.
Diese Nacht jedoch würde eine schicksalshafte sein. Charlotte vertraute Lilian nicht. Sie wusste, wie sie in der gleichen Situation handeln würde. Dass sie unvernünftig war, kam ihr nicht in den Sinn. Lilian bauchte lediglich Hilfe und Charlotte hatte einen Plan.
Am Nachmittag klopfte sie an die Zimmertür eines jungen Mannes, den sie als John, Sohn des ehemaligen Gildenoberhauptes der Assassinen, kannte.
Er war noch in der Ausbildung. Doch in der Assassinen-Gilde herrschte die Unart der Vetternwirtschaft. Seine Familie führte die Gilde seit Generationen. Man konnte von einer Dynastie sprechen. Die einzelnen Oberhäupter jedoch hielten nie lange durch. Eine Vetternwirtschaft, durchdrungen von Familienfehden. John Flanellfuß besaß bereits sein eigenes Büro im Gildenhaus.
Charlotte hatte den üblichen Eingang durch die Dachluke gewählt und stand nun vor seiner Tür.
„Herein!".
Charlotte trat ein und es starrte ihr ein furchtsam verzerrtes Gesicht entgegen.
„Guten Tag!", sagte Charlotte um John den Faden wieder zu übergeben, der er verloren hatte.
„G-guten Tag.", kam es zurück.
Ein stotternder Assassine? Charlotte sah den jungen Mann argwöhnisch an. Nun, Assassinen unterlagen Zeit ihres Lebens einem hohen Druck. Jemand der empfindsam veranlagt war, konnte da leicht die Nerven verlieren und in den Wahnsinn abdriften.
„Du siehst aus, als würde dich dein Kunde von gestern Nacht heimsuchen.", scherzte Charlotte und setzte sich, da sie nicht erwartete jemals noch eine Aufforderung dazu zubekommen.
Diese Bemerkung jedoch war zu viel für den jungen Assassinen. Er legte die zitternden Hände auf den Tisch und sprach hastig: „Es tut mir leid. Ich... ich hatte nie die Absicht oder den Auftrag... Ich meine, eigentlich darf ich ja noch keine Aufträge... Aber ich hielt es für eine gute Übung... Nur erschrecken, Miss Freemont! Nichts sonst! Nur eine Übung. Und das Geld habe ich selbstverständlich in die Gildenkasse...".
„Wovon redest du?", fragte Charlotte verwirrt.
„Woran hast du mich erkannt? Ich muss es wissen! Nächsten Monat ist meine Abschlussprüfung!".
Charlotte begann zu verstehen und grinste: „Hör zu, ich werde niemandem etwas von deinem Auftrag erzählen, wenn du mir einen Gefallen tust!".
„Noch einen? Ihr verwendet mich doch nicht etwa um euren Kleinkrieg auszutragen? Das gehört nicht zum Aufgabenbereich eines ehrhaften Assassinen.", betonte John, „Mein Vater wusste das nicht.".
„Das tut mir leid.", sagte Charlotte kleinlaut, „Nein. Ich brauch dich, um... eine Person zu schützen. Das ist ein ehrenvoller Auftrag nicht wahr?".
„Kommt darauf an, wen ich schützen soll.", gab der Assassine zurück.
„Nun, du sollst eigentlich nur für ein Ablenkungsmanöver sorgen. Alles andere wird sich von allein erledigen, hoffe ich.", Charlotte kniff die Augen zusammen und fokussierte John Flanellfuß, „Ich werde dich nicht fragen, wer dich beauftragt hat. Ich habe einen Verdacht, vielleicht mehr als das. Aber ich erklär mir bitte, was das sollte!".
„Für mich war es eine Übung. Über etwas anderes kann ich dir keine Auskunft geben. Assassinen-Kodex.".
„Kommt ja auch nicht oft vor, dass einen die Kunden danach fragen, oder?", konterte Charlotte.
„Eher selten, ja.", gab John zurück, „Aber es ging nie darum... dich zu inhumieren.".
„Du beginnst die Fehler deines Vaters zu machen. Und das noch bevor du sein Amt bekleidest.", sagte Charlotte kühl, „Konzentrier dich auf die ordnungsgemäße Abwicklung deiner Aufträge und nicht um Nebeneinkünfte! Die können einem die Schlinge um den Hals legen. Wo kämen wir den hin, wenn Diebe neben Diebstählen noch... sagen wir, Steuern eintrieben?".
„Ja, Misses.", kam die resignierte Antwort unter einem gesenkten Haupt hervor.
„Ansonsten musst du ein wenig am Drama arbeiten.", sagte Charlotte.
„Wieso? War es nicht gut genug?", fragte John überrascht, „Was meinst du mit Drama?".
„Sich im Mondlicht auf einem Dach aufbauen... Das ist ziemlich gefährlich und dumm.", erklärte Charlotte.
„Aber ich wollte doch gar nicht... Ich meine... wenn man jemanden nur bedrohen will, dann muss man sich doch bemerkbar machen.", verteidigte sich John.
„Wenn ich ein Wurfmesser gehabt hätte, würdest du jetzt nicht mehr hier sitzen!", sagte Charlotte knapp und stand auf, „Wir treffen uns heute Abend um 22 Uhr vor der Villa Siedentopf!".
„Und dann?", fragte der verschüchterte Assassine.
„Das wirst du sehen! Aber sei vorbereitet schnell und unerkannt flüchten zu müssen. Eine gute Übung, übrigens.", antwortete Charlotte, schob den Stuhl vor, drehte sich um und verließ das Haus der Assassinen-Gilde.
John Flanellfuß kannte sowohl Lilian als auch Charlotte. Bisher hielt er sie für eine verschworene Gemeinschaft, das menschliche Äquivalent zu eine Bronze-Legierung.
Jetzt schienen sie sich zu bekriegen. Wie war er nur da hinein geraten? Wieso er? Und waren Frauen immer so rigide, wenn sie Lektionen erteilten? Vielleicht sollte man sie in der Assassinen-Gilde zulassen, überlegte er und schrieb es auf seine noch recht kurze, mentale Zu-Erledigen-Liste für die Zeit, da er das Amt seines Vaters erben würde.
Ihm blieb jedoch keine andere Wahl. Er musste da sein und er musste mitspielen, was auch immer Charlotte plante. Ob es stimmte, dass sie etwas vom Diebeshandwerk verstand? Lilian hatte sich dahingehen etwas bedeckt gehalten. Gestern Nacht war sie jedenfalls recht professionell geflüchtete.
Bis jetzt hielt er das ganze lediglich für eine Fehde zwischen zwei Freundinnen, allerdings hielt er die Methoden der Mädchen doch für etwas übertrieben.
Eigentlich konnte es ihm egal sein, wenn er nicht irgendwie da hineingeraten war, ohne zu wissen wie und wohin.
Warum er? Warum immer er?
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