Es dämmerte und die Wachen fanden sich an der Villa Siedentopf ein. Mumm hatte beschlossen, dass dem Hinweiszettel nachgegangen werden sollte, nicht dass es am Ende heißen würde, man habe gewusst, wo eingebrochen würde und habe sich mit Absicht fern gehalten.

Nobby, Colon, Karotte und Charlotte patroulierten um das weiß getünchte Haus am Stadtrand von Ankh.

Schwierige Fassade für einen Einbrecher, dache Charlotte und starrte hinauf zu den Fenstern im ersten Stock. Sie muss von unten kommen. Sie muss irgendwie aufs Dach.

Dort oben gab es eine Dachluke aus der heraus ein Rohr führte, das irgendwelche Abgase nach draußen leitete.

Es war sicherlich der einfachste Weg ins Haus hinein und wieder hinaus. Gute Einbrüche funktionierten immer über das Dach.

Charlotte sinnierte gerade über die Besten Spikes für diese feine Fassade, da rief eine Stimme hinter ihr: „Du solltest hier nicht allein herum laufen, Charlotte! Du bist noch kaum vertraut mit der Armbrust und überhaupt hast du noch keine Erfahrung, was die praktische Arbeit angeht.".

Es war Karotte, der sie sanft am Arm mit sich zog: „Du musst sehr vorsichtig sein. Diebe sind gerissen und bewaffnet. Und du bist noch sehr... ungeübt mit dem Umgang mit ihnen. Und außerdem bist du...", er stockte.

„... ein Mädchen?", zischte Charlotte und riss ihren Arm wieder unter ihre Kontrolle.

„Ich wollte dich keinesfalls verletzen.", entschuldigte sich Karotte.

„Hör zu.", entgegnete Charlotte, „Der Hauptmann hat mich in der Wache eingestellt, eben weil ich Erfahrung mit Dieben habe! Ich kenne mich mit ihrem Wahrnehmungsspektrum besser aus, als ihr alle zusammen. Ich weiß, wo sie sich verstecken und welche Wege sie einschlagen. Ich weiß, nach was sie suchen und welche Risiken sie eingehen und welche nicht. Ich denke voraus. Ihr reagiert nur.".

„Aber die Waffen. Du kannst ja kaum dein Schwert halten...", führte Karotte an.

„Ich lerne es noch, okay! Zunächst versuche ich die Situation einzuschätzen. Also würdest du mich bitte in Ruhe meine Arbeit erledigen lassen?!", zischte Charlotte ungeduldig.

„Ja, aber...", begann Karotte, gab jedoch auf und trottet zurück, von wo er gekommen war, vermutlich zu den anderen Wächtern.

Charlotte besah sich weiter das Gebäude und fragte sich, in welcher Richtung Lilian verschwinden würde, wenn sie fertig war. Sie musste schließlich dafür sorgen, dass man Lilian nicht zufällig erblickte.

Charlotte seufzte. Diese Aktion konnte sie ihren Job kosten, aber das war es ja auch, was Lilian wollte.

Lilian würde durch den Garten flüchten, vermutlich würde sie auch durch die Hecken herangeschlichen kommen.

Charlotte wusste, dass ihre ehemalige Freundin keine gute Kletterin war und schätzte, dass sie sich ein Seil mit Widerhaken mitbringen würde, das sie an der Regenrinne befestigen würde und an dem sie hinauf und hinunter klettern konnte, ohne die weißen Wände zu beschmutzen.

Charlotte arbeitete nicht gerne mit Seilen. Sie waren unpraktisch zu transportieren, waren einem bei einer schnellen Flucht im Weg und das Werfen des Widerhakens verursachte unnötige Geräusche. Davon, dass es vergleichsweise lang dauerte, das Seil sicher zu platzieren und nach dem Einbruch wieder einzuholen, ganz zu schweigen.

Trotzdem war die bei diesem Haus die einzige Möglichkeit auf Nummer sicher zu gehen. Zur Not musste sie das Seil eben da lassen. Sie würde nicht so dumm gewesen sein, eines aus dem Fundus der Spionage-Gilde gestohlen zu haben.

Sie musste also das KLONK übertönen, dass zu hören sein würde, wenn der Eisenhaken auf die Kupferregenrinne traf.

„Charlotte, sei vernünftig!", sagte Nobby direkt neben ihrer Taille, „Komm hier weg!".

Charlotte verdrehte die Augen und folgte dem Korporal.

Vor der Villa saßen die zwei übrigen Wächter und spielten Karten. Charlotte und Nobby setzten sich zu ihnen.

Erst nach einiger Zeit der einvernehmlichen Stille, fragte Feldwebel Colon: „Und, was hast du herausgefunden?"

„Ich denke der Dieb wird dort drüben aus dem Viertel kommen. Er weiß sicher, dass wie hier Wache halten und deshalb wird er es für klug halten von uns gesehen zu werden, damit wie ihn für harmlos halten.", erklärte Charlotte und hoffte, dass es logisch klang.

„Leuchtet mir ein.", sagte Nobby, „Mit offenen Karten spielen und dann ein As im Ärmel haben.".

Charlotte nickte schnell: „Ich denke dass es in der ersten Nachhälfte passieren wird.".

„Wenn es überhaupt passiert.", warf Colon ein.

„Ja. Also, ich schlage vor, dass sich jeder von uns eine Seite des Hauses vornimmt, die er überwacht. Vier Seiten, vier Wächter.", erläuterte Charlotte näher, „Karotte nimmt am beste die Vorderfront. Er hat ein unglaublich gutes Gespür für Verbrecher. Vielleicht erwischt er ihn, noch bevor er sich an dem Haus zu schaffen machen kann." -Damit war der gefährlichste Wächter ausgeschaltet. - „Korporal Nobby kann die rechte Seite nehmen und Feldwebel Colon die linke. An einer von beiden muss er schließlich ansetzen. Und ich nehme die Rückfront.".

Charlotte sah sich um und vernahm zufrieden, das Karotte das aussprach, was sie vorspielen wollte: „Das ist eine gute Idee. Hinten ist es bestimmt am sichersten. Nicht wahr?".

„Ja. Weil ich ja noch nicht so gut mit den Waffen umgehen kann.", pflichtete Charlotte bei.

„Und wenn etwas sein sollte, rufst du nach uns?", vergewisserte sich Nobby.

„Aber natürlich!", bestätigte Charlotte und dachte: Darauf könnt ihr Gift nehmen!

„Ich muss sagen, für ein Mädchen machst du ganz gute Pläne!", lobte Feldwebel Colon.

„Danke.", sagte Charlotte und knirscht mit den Zähnen, „Aber jetzt sollten wir unsere Posten beziehen.".

„Augenblick! Ich bin immer noch euer aller Vorgesetzter!", warf Colon ein.

„Na gut. Also?", machte Nobby ungeduldig.

„Wir sollten jetzt unsere Posten beziehen!", sagte Colon.

„Na bitte!", murmelte Nobby.

„Was soll ich mache?", hauchte eine Stimme aus den Büchen.

„Warte, bis ich dir ein Zeichen gebe, dann kommst du heraus, und wenn sie dich gesehen haben, rennst du davon. Vielleicht zeigst du ein bisschen deine Messer oder so.", flüstere Charlotte.

„Wozu das alles?", fragte John.

„Um sie abzulenken! Lass dich bloß nicht erwischen!", erklärte Charlotte.

„Wovon ablenken?", fragte John hoffnungsvoll, aber er erwartete gar keine Antwort.

Charlotte schwieg.

Einige Zeit verging.

„Hör mal, es ist recht unbequem hier drin!", jammerte John.

„Tut mir leid, aber manchmal muss man auf die Gelegenheiten warten.", kam zur Antwort.

„Hrmpf.", kam aus den Büschen.

Charlotte sollte recht behalten. Sie hörte das vermiedene Rascheln der Büsche vom Garten her.

Nervös winkte sie John zu und zischte, als dieser sich etwas zu viel Zeit ließ.

„Und jetzt?", fragte er unsicher.

„Warte...", flüsterte Charlotte.

„Was ist?", fragte er.

„Warte!", wiederholte Charlotte und lauschte auf weiter unterdrückte Geräusche.

„Ähm...?", machte John, der sich zunehmend unwohl fühlte sich in der unmittelbaren von drei echten Wächtern zu befinden und das auch noch ohne Tarnung.

Charlotte wartete noch einen Augenblick, dass hauchte sie: „Jetzt!".

„Was denn?", erkundigte sich John nervös.

„Hilfe! Bei den Göttern! Er ist bewaffnet! He! Männer! Da ist er!", rief Charlotte und stieß John von sich: „Jetzt sieh zu, dass sie dich nicht erkennen oder gar erwischen!".

„Bist du wahnsinnig?", John zitterte, was man ganz deutlich an den schwachen Lichtreflexionen seines Messers erkennen konnte.

„Wo bleibt ihr denn?", rief Charlotte und in diesem Augenblick stürmte Karotte um die Ecke, sein Schwert gezückt.

Ihm folgte - vorsichtiger und zögerlicher - Nobby Nobbs.

Karotte ließ einen Kampfschrei vernehmen, als er auf den vermeintlichen Dieb zu stürmte.

Jetzt zeigte sich Frederik Colon auf der anderen Seite. Er war zu schwerfällig und zu langsam um den jungen Assassinen zu erwischen und er bemühte sich auch nicht recht.

John sprang über die Hecken hinweg und kletterte auf das Dach eines Schuppens, in dem eine Kutsche lagerte.

Karotte rezitierte den Gesetzestext der Stadt und irgendwo im Hintergrund verklang ein kaum hörbares KLONK.

Charlotte atmete auf. Teil eins war geschafft.

„Er ist entwischt!", sagte Nobby und man konnte einen gewissen erleichterten Tonfall heraushören, „Er ist sogar Karotte entwischt.", bemerkte er schadenfroh.

„Zu erst muss man die Opfer schützen, dann den Verbrecher jagen!", verlautete Karotte.

„Ist dir was passiert?", richtete sich Colon an Charlotte.

„Ich weiß nicht.", log Charlotte um Zeit zu schinden, sie schaffte es sogar zu schniefen, „Ihr hattet Recht. Für ein Mädchen ist es nichts allein irgendwo Wache zu halten. Vor allem, wenn es nicht mit Messern und so umgehen kann.".

„Ist ja schon gut.", tröstete Nobby, „Jeder muss seine Grenzen erst kennen lernen. Aber du bist nicht verletzt?".

„Ich glaube nicht. Aber er hatte ein Messer und ich bin sicher, er hätte es eingesetzt! Aber ihr seid ja gleich gekommen und habt ihn in die Flucht geschlagen, ehe er einbrechen konnte.".

Das Nicht-Quietschen eines sich öffnenden Fenster versetzte Charlotte in Alarmbereitschaft. Jetzt stellte sich heraus, wie gut Lilian von Charlotte gelernt hatte.

Sie wusste nicht genau aus welchem Fenster sie klettern würde, aber so lange es nicht eines an der Rückfront war, konnte sie sicher sein, dass kein Wächter an seinem Platz sein würde. Charlotte hatte den Widerhaken auf der Seite von Nobby vernommen und ging davon aus, dass Lilian auch auf dieser Seite wieder aus dem Haus hinausklettern würde.

Ein bisschen fragte sie sich, ob es das alles wert war. Von außen betrachtet, waren diese Einbrüche sinnlos und Energieverschwendung. Die Verschwendung von angestauter, überflüssiger Energie in ihrem Fall und die Verschwendung von Racheenergie in Lilians.

Etwas glitt an einem Seil hinunter und vermied dabei akustische Signale, die von Nicht-Dieben nicht wahrgenommen werden konnten.

Es raschelten eine Blätter der Hecken im Wind, als eine unsichtbare Gestalt hindurchkroch.

Sie hatte das Seil dagelassen. Schlaues Mädchen, dachte Charlotte anerkennen. Ich wette es ist aus dem Fundus der Diebesgilde.

„Hey! Was ist denn das hier?", rief Charlotte plötzlich, als sie sich scheinbar zufällig umwandte.

„Was denn?", fragte Nobby immer noch in fürsorglichem Ton.

„Das ist... das ist ein... ein Seil!", stotterte Charlotte.

„Es wird doch nicht...", begann Colon und trat näher um sich das Ding zu betrachtet.

„Ein Ablenkungsmanöver?", fragte Charlotte.

„Ja.", bestätigte der Feldwebel.

„Vielleicht ist er noch drin!", vermutete Nobby.

„Glaub ich nicht.", sagte Charlotte resigniert, „Er ist sicher über das Dach hinein und hat dann von innen das Fenster da geöffnet. Vorhin hat es nicht offengestanden und von außen konnte man es nicht öffnen. Jedenfalls nicht geräuschlos. Er ist über das Dach hinein und durch das Fenster hinaus. Er ist cleverer als ich dachte. Er ist verdammt gerissen! Immer einen Schritt voraus. Er hat...".

„Er hat und vorgeführt!", vervollständigte Karotte den Satz und es fiel ihm sichtlich schwer es auszusprechen.

„Und ich bin schuld.", sagte Charlotte.

„Ach nein!", widersprach Nobby, „Das konnte keiner voraussehen! Du hast ja zum Teil vorausgesagt, was passieren wird.".

„Aber wir wissen jetzt, dass er einen Verbündeten hat!", sagte Colon langsam, „Einen Mitwisser in einem illegalen Diebstahl kann man nicht einfach bei einer Gilde anheuern. Da muss man schon ein eingeschworenes Team sein!".

„Das wird Kenneth interessieren.", murmelte Charlotte, „Er verdächtigte die halbe Stadt.".

„Übereifriger Kerl.", kommentierte Nobby.

„Ungesund. Sieht man ja.", meinte Colon.

„Aber ehrenhaft.", sagte Charlotte.

„Das ohne Zweifel.", bestätigte Nobby schnell.

„Und was machen wir jetzt?", fragte Karotte.

„Sollen wir dem Hauptmann Bescheid geben?", überlegte Charlotte.

„Nein. Morgen früh. Die Backpfeife verkrafte ich jetzt nicht. Wir sollten warten, bis die Leute den Diebstahl bemerken.", sagte Nobby, „Wie wär's, wenn wir auf ein Bierchen 'runter in die Trommel gehen?".

„Einverstanden.".

„Na gut.".

„Aber...".

„Ach, was soll's! Also los!".

*