Natürlich war das Seil aus dem Fundus der Diebesgilde gestohlen worden. Das Siegel war in den Widerhaken geprägt.

Mumm las den Bericht zu den Vorfällen der Nacht. Er hätte es nicht lesen müssen, denn er hatte sich die Geschichte schildern lassen. Er hatte jeden einzelnen Wächter antreten und berichten lassen.

Trotzdem las er nun die Synthese dieser Gespräche noch einmal durch. Mehr um sich zu beruhigen, als sich zu informieren.

Natürlich vertraute er seinen Männern, doch es ärgerte ihn, dass er mal wieder für die Fehler seiner Leute vor dem Patrizier gerade stehen musste.

Die unangenehme Unterredung hatte er gerade hinter sich, da stand ihm ein weiteres, nicht minder unangenehmes Gespräch bevor.

Vor seinem Schreibtisch drückte sich ein Häuflein Elend.

Mumm war sich nicht sicher, hier eine grandiose schauspielerische Leistung dargeboten zu bekommen oder ob Charlotte ernsthaft zu weinen begonnen hatte. Er wusste auch nicht, ob er Mitleid haben sollte.

Es erschien ihm ein nahezu undenkbares Bild, dass Charlotte Freemont einen emotionalen Zusammenbruch erlitt und das auch noch auf Grund einer persönlichen Fehleinschätzung.

Er entschied sich für den Gentleman-Mumm in sich und in Charlottes Mentalität nickte ein Komponente wissend und zufrieden mit sich.

Äußerlich schien sie dem Nervenzusammenbruch nahe. Eine solche Vorstellung gewinnt an Ausdrucksstärke, wenn die betreffende Person sich zuvor einen Ruf der Unnahbarkeit erarbeitet hat und - ja - Mumm fiel darauf herein.

Er atmete aus und rang sich zu einem tröstlichen Tonfall durch: „Du bist noch nicht eingearbeitet. Das hätte jedem passieren können. Und vermutlich wäre es auch jedem passiert...".

„Aber ich wurde extra angestellt, um zu verhindern, dass genau das passiert und eine Frau in einem Männerberuf muss immer mindestens doppelt so gut sein wie ein Mann um akzeptiert zu werden.", jammerte Charlotte.

„Das ist doch nicht war.", sagte Mumm unbeholfen.

„Warst du schon mal eine Frau, Hauptmann?", fragte Charlotte und blickte auf. In ihren Augen blitzten kleine Messer.

„Naja... Nein, aber ich... also... ich mache keine Unterschiede... Ich versuche zumindest nicht...", stotterte der Hauptmann.

„Ich trage die volle Verantwortung für den Vorfall.", Charlotte richtete sich um und erweckte plötzlich wieder ein Eindruck, als könne man vernünftig mir ihr sprechen. Darauf war Mumm bereits allzu oft hereingefallen.

„Keine Angst. Ich habe Lord Vetinari bereits Bericht erstattet und ich werde dich nicht der Wache verweisen!".

„Weil ich eine Frau bin, nehme ich an.", sagte Charlotte und heuchelte Interesse.

„Es hat offenbar auch positive Aspekte, nicht wahr.", Mumm grinste.

Charlotte erwiderte es und sprach in verschwörerischem Tonfall: „Darauf lässt sich etwas aufbauen, Hauptmann.".

„Aber...", und jetzt wurde Mumm ernst, „... du wirst am 28. Sektober nicht am Wachdienst teilnehmen. Ich habe dich mit Karotte zum Streifendienst eingeteilt. Ich denke Fred und Nobby kommen gut alleine klar. Sie werden den Diebstahl nicht verhindern, aber sie zeigen Präsenz, während ihr den üblichen Pflichten nachkommt.".

„In Ordnung. Aber ich muss zugeben, dass es mich enttäuscht, dich so resigniert zu hören.", sagte Charlotte.

„Nun, ich bin realistisch. Wenn dieser Dieb -oder diese Diebe - keinen Fehler machen, werden wir sie nie fangen können. Aber vielleicht können die Herren Palastwächter ja mehr ausrichten.", erklärte Mumm, „Ich will keine Energie verschwenden. Der Fall wird sich im Palast lösen, da bin ich sicher.".

Charlotte nickte, das selbe hatte sie auch gedacht:„Dieser Dieb liebt das Drama, nicht wahr?".

„Er liebt es vor allem, mir auf die Nerven zu gehen.", sagte Mumm nachdenklich.

„Sieh es von der positiven Seite: Er gibt dir was zum Nachdenken. Dir ist nicht langweilig, oder?", warf Charlotte ein.

„Mir ist nie langweilig. Wenn es nicht dieser Dieb ist, ist es ein Mörder oder eine Schlägerei in eine Zwergenkneipe oder... eine nette Unterredung mit Lord Vetinari.".

„Man hat es nicht leicht, wenn man zulässt, dass einem die negativen Erlebnisse zu nahe gehen.", sinnierte Charlotte.

„Blödsinn! Einer muss es doch machen!".

„Von mir aus. Ich jedenfalls genieße die Spannung und die Herausforderung. Ich habe sogar eine Lektion gelernt.".

„Tatsächlich?", fragte Mumm verblüfft.

„Eine Lektion über meine eigenen Grenzen.", antwortet Charlotte und lächelte, „Ich kann eben doch nicht alles. Man glaubt das so leicht, wenn man die ganze Zeit nur Romane liest, bei denen am Ende der Kommissar gewinnt.".

„Das hier ist kein Roman.", erwiderte Mumm knapp und kühl.

„Das habe ich bereits gemerkt... Am eigenen Leib.".

„Übrigens, was die Unterredung mit Lord Vetinari angeht: Ich musste mit ihm natürlich über die Diebesgilde sprechen. Du weißt, der Fußabdruck, das Seil.".

„Ja.".

„Die Gilde wird bis auf Weiteres von dem Fall abgezogen.".

„Was?", rief Charlotte, „Der Patrizier hat kein Recht, der Diebesgilde vorzuschreiben, wen sie zu verfolgen hat und wen nicht! Was steckt dahinter?".

„Befangenheit! Es könnte sein, dass die Diebesgilde weiß, wer der Einbrecher ist. Sie würde ihn - sie - schützen und das kommt... Untreue gleich.".

„Das ist absurd!", rief Charlotte und schlug mit der Faust auf den Tisch.

„Natürlich ist es absurd.", sagte Mumm süffisant, „Aber wenn es der Wahrheit entsprechen sollte, würde die Diebesgilde mit Sicherheit für illegal erklärt werden.".

„Du sagst das so, als würde dich das freuen.", sagte Charlotte vorwurfsvoll.

„Nun, es würde wahrscheinlich reichen des Gildeoberhaupt auszutauschen.", lenkte der Hauptmann ein.

„Und das hältst du für erstrebenswert?", fragte Charlotte und die Messer in ihren Augen blitzten wieder.

„Naja... Es ist mir egal. Ehrlich gesagt.", erklärte Mumm schnell.

„Es ist mir egal, was du von der Diebesgilde oder meinem Vater hältst, Hauptmann. Ich halte nicht viel von der derzeitigen Struktur. Aber ich kann mir das erlauben. Ich weiß nicht, ob du dich nicht auf sehr dünnem Eis bewegst gerade.", kommentierte Charlotte.

„Du kannst es dir also leisten?", bohrt Mumm nach.

„Ich darf mich nicht nützlich machen. Ich darf keine Ausbildung machen. Ich darf lediglich hübsche Kleidchen anziehen und auf Partys auftauchen. Ich glaube, ich hab ein Recht, die Gilde nicht zu mögen. Aber dir nehmen sie viel Arbeit ab, vergiss das nicht!".

„Schon gut. Ich will mich nicht mit dir streiten.", sagte Mumm einlenkend.

„In dem Fall...", begann Charlotte enttäuscht, „... ist alles gesagt, denke ich.".

„Ja. Ich auch.", sagte Mumm und kratzte sich am Ohr. Charlotte war sich sicher, dass es ihn nicht juckte.

Sie stand auf, drehte sich um und verließ das Wachhaus.

Hauptmann Mumm atmete auf.

*