Da unten stand sie. Die Fischersfrau. Sie kam gerade vom Mark und hatte sich - nach näherer Analyse des Einkaufskorb - frisches Obst und Gemüse besorgt.
Frische Lebensmitte wurden in Ankh-Morpork mit Gold aufgewogen. So gut wie alles musste importiert werden, das in der Stadt selbst, dem konterminierten Boden nichts mehr wuchs - nicht einmal Unkraut - und etwas das in diese Stadt kam verdarb innerhalb von Minuten. Das galt für Gemüse und für Menschen. Es waren die Flussgase oder die Versuchungen an jeder Straßenecke. Wer konnte das wissen?
Frau Schimmelpfennig jedenfalls schien genügend Gold aufbringen zu können um sich frisch Lebensmittel leisten zu können.
Wo hatte sie es her?
Endlich gab es einen Beweis dafür, dass der Dieb einen Komplizen hatte.
Kenneth hatte das schon seit einiger Zeit vermutet. Die ganze Nachbarschaft verhielt sich seltsam und er nahm das persönlich.
Frau Schimmelpfennig traf unten auf der Straße auf Frau Milchweiß von schräg gegenüber. Die beiden verstanden sich verdächtig gut.
Es war geboten diese Beziehung näher zu beobachten.
Wenn Kenneth Fleischmeister neben einem Fernglas auch ein Gerät gehabt hätte, dass Geräusch in weiterer Entfernung für seine Ohren hörbar gemacht hätte, dann hätte er folgendes Gespräch vernommen:
Frau Schimmelpfennig (fröhlich): „Hallo Frau Milchweiß! Auch auf dem Weg zum Markt?".
Frau Milchweiß (plötzlich lächelnd): „Oh nein, wir haben noch Salat von gestern und mein Mann ist jemand der Pflanzen zu essen für ungesund hält. Er meint ein gutes Steak verlängert das Leben mindestens um den Zeitraum, den eine Karotte ihn kosten würde.".
Frau Schimmelpfennig (wissend): „So sind die Männer. Glaubst du meiner rührt auch nur einen Häring an? Meint, man sollte nichts essen, von dem man weiß, wo es herkommt. Aber mal unter uns: Seine Fische sind bei weitem weniger giftig als die Würstchen, die der alt Schnapper verkauft. Aber heute habe ich mich endlich einmal durchgesetzt. Weißt du das ewige Fleisch ist nichts für die Figur, wenn du verstehst, was ich meine. Habe mich extra in Unkosten gestürzt und hinten beim Schmuggler frisches Gemüse gekauft. Wir halten Diät!".
Frau Milchweiß (überrascht): „Tatsächlich? Seit wann? Und er lässt das einfach so mit sich machen?".
Frau Schimmelpfennig (milde): „Seit heute. Aber es wird ihm nichts anderes übrig bleiben, als zu essen, was auf den Tisch kommt!".
Frau Milchweiß (skeptisch): „Meinst du nicht, dass er sich außerhalb mit fettigem Fleisch vollstopfen wird?".
Frau Schimmelpfennig (triumphierend): „Bestimmt nicht! Ich habe mich mit der jungen Charlotte darüber unterhalten. Hat ganz gesunden Ansichten, das Mädel. Muss man ihr lassen. Verwaltet das Geld ihres Mannes und so. Trifft die Entscheidungen.".
Frau Milchweiß (interessiert): „Im Ernst? Ja, die jungen Frauen bringen frischen Wind in das Viertel. Wir werden sehen wie lange sie brauchen um zu resignieren.".
Frau Schimmelpfennig (überzeugt): „Oh nein. Die Charlotte ist nicht von hier. Und oben in Ankh lebt man bereits seit Jahren so fortschrittlich. Meine Cousine hat mir letzte Woche erzählt, dass Frauen dort sogar ihrer eigenen Kutschen fahren und ihr eigenes Schlafzimmer. Ich bin sicher, Charlotte wird den anerzogenen Fortschritt nicht aufgeben. Nicht für diesen... Kerl.".
Frau Milchweiß (nickend und mit gesenkter Stimme): „Ja, die Charlotte hat Stil. Aber ihr Mann ist ein komischer Kauz. Hat das Bein gebrochen und sitzt jetzt den ganzen Tag zu Hause.".
Frau Schimmelpfennig (flüsternd): „Und starrt unentwegt hinaus auf die Straße. Ich fühle mich regelrecht verfolgt von diesen Blicken. Er ist ein Wächter, nicht wahr?".
Frau Milchweiß (verschwörerisch): „Ja, aber er ist aus der Palastwache gelogen und hatte Ärger mit der Diebesgilde. Überhaupt erst der Grund für seine Heirat mit der Charlotte Freemont. Sagt meine Nichte jedenfalls. Und die kennt sich aus. Arbeitet als Wäscherin im Palast, weißt du?".
Frau Schimmelpfennig (schockiert): „Wirklich? Das arme Mädchen! Sie trägt es mit Fassung. Sehr anständiges Ding!".
Frau Milchweiß (unschlüssig): „Ich weiß nicht. Mein Schwippschwager meinte - du weißt, er sein Sohn hat eine Ausbildung zum Dieb gemacht - er meinte, die jung Freemont hielte sich nicht so gut mit ihrer Familie. Hätte Streit. Aber wirklich ein bildhübsches Mädchen!".
Frau Schimmelpfennig (plötzlich verstehend): „Jetzt wird mir einiges klar! Ja, das könnte stimmen. Seit ihr Mann krank ist, verlässt sie jede Nacht allein das Haus und Harry, du weißt, der Hausmeister drüben im Hotel, sagte mir, er hätte letztens eine weibliche Nachtwächterin gesehen. Überleg dir mal! Die arme bekommt kein Geld von ihrer reichen Diebesfamilie und muss nachts in den Schatten Patrouille gehen, damit sie ihrem fetten Ehemann, was zu essen auf den Tisch bringen kann! Ein tapferes Mädel!".
Frau Milchweiß (erzürnt): „Und ein Schlappschwanz von einem Ehemann! Wenn er für etwas wäre, hätte er eine Möglichkeit gefunden, dass seine Frau nicht arbeiten muss! Ich glaube, dass es bestimmt auch bei der Wache Schreibtischarbeit gibt! Wenn du mich fragst, ist der faul! Und paranoid! Sieh mal, da ist er. Hat sein Fernrohr. Hält es wie ein Heckenschütze! Da helfen sicher noch nicht einmal mehr Froschpillen... Ja! Da sind wir! Spionier und ruhig aus! Wir haben nichts zu verbergen! Dreckskerl!".
Frau Schimmelpfennig (erschrocken und schockiert): „Ach herrje! Was? Sieh nur, er... Nein! Vorsicht! Halt!".
Zu spät. Frau Milchweiß hatte ihm zu gewunken. Ein offensichtliches Zeichen für eine überhebliche Provokation!
Das konnte Kenneth nicht auf sich sitzen lassen und machte eine drohende Geste.
Dies reichte natürlich nicht aus, um die beiden Verdächtigen zu beeindrucken. Er hatte sich aufgestemmt...
Und das Gleichgewicht verloren.
Jetzt sah er wie der Boden in beträchtlicher Geschwindigkeit immer näherkam, ehe er...
Er schrie vor Schmerz.
*
