Charlotte war mit Karotte unterwegs. Das war ihre Strafe dafür, dass sie die Polizeiarbeit behindert hatte. Sie trug es mit Fassung und ließ das Gespräch über sich ergehen:„Wenn dieser ganze Rummel um die Einbrüche vorbei ist, werden wir sicher Zeit finden, um dich ein bisschen besser an den Waffen auszubilden.".

„Karotte, wenn die Einbrüche aufgeklärt sind, bin ich nicht mehr Teil der Wache. Sowas nennt man einen Zeitarbeitsvertrag. Wenn man sein Soll erfüllt hat, wird man vor die Tür gesetzt. Außerdem ist Kenneth ja nicht ewig an den Rollstuhl gefesselt.", stellte Charlotte fest.

„Aber schon komisch. Jetzt hat er sich das andere Bein auch noch gebrochen.".

„Ja, und dabei war das erste gerade am abheilen. Hat sich überanstrengt. Ich lasse ihn jetzt nicht mehr ans Fenster. Was glaubst du, wie peinlich das war! Die Nachbarn mussten ihn wieder hoch in die Wohnung verfrachten und einen Sanitäter herbestellen. Wo er doch vorher so schlecht über die Leute gesprochen hatte.", sagte Charlotte.

„Manchmal glaube ich, solche Sachen passieren, weil man für etwas bestraft wird...", sinnierte Karotte und fügte schnell hinzu: „Natürlich hat dein Mann es nicht verdient. Bei ihm war das alles nur ein schrecklicher Zufall!", und Karotte meinte es wirklich so. Nie wäre ihm in den Sinn gekommen, etwas schlechtes über jemanden zu erzählen.

„Lass gut sein, Karotte. Ich hoffe nur, dass nichts schief geht bei den anderen.", erwiderte Charlotte.

„Was soll den schief gehen?", fragte Karotte.

„Keine Ahnung. Dass sie den Dieb vielleicht nicht fassen.".

„So darf man nicht denken. Ich habe vollstes Vertrauen in Feldwebel Colon und Korporal Nobbs.".

„Davon bin ich überzeugt, Karotte. Aber vielleicht sollten wir doch einen Abstecher zum Haus der Familie Rüffel machen. Nur um sicher zu gehen.", schlug Charlotte vor.

„Unsere Route können wir nicht einfach so verlassen.", warf Karotte ein.

Charlotte rollte mit den Augen: „Ich nehme die Verantwortung auf mich. Komm schon!".

„Aber...".

„Na los!", Charlott war bereits in die kurze Straße abgebogen und es blieb Karotte nichts anderes übrig, als ihr zu folgen, wenn er ihr Leben schützen wollte. Er war davon überzeugt, dass Charlotte jede Menge Schutz benötigte, wenngleich sie es nicht wahrhaben wollte.

Charlotte fühlte sich unbeweglich und das beunruhigte sie. Es fiel ihr generell schwer den energiesparenden Wächtergang, der eher an Watscheln erinnert als an Laufen, hinzubekommen, sie zog es vor zu schleichen oder elegant zu schreiten. Aber jetzt bereitete ihre Uniform ihr zusätzliche Probleme. Unter dem Lederwams, dem Kettenhemd und dem Brustharnisch verbarg sich eine Schicht schwarzer Samt. Selbst für eine frühherbstliche Nacht war das ein schweißtreibender Aufzug.

Sie hörte an den Schritten hinter ihr, dass sie Karotte noch nicht abgehängt hatte. Also machte sie ein zwei Umwege durch kleine, verwinkelte Gassen und über versteckte Marktplätze, an denen des Nachts fragwürdige Waren feilgeboten wurden. Die Schmugglergilde kümmerte sich für gewöhnlich darum.

„Hey Charlotte, du solltest nicht so schnell rennen! Warte mal! Wo willst du denn hin? Charlotte?".

Mit der ganzen Uniform zu klettern war Schwerstarbeit, doch sie hielt durch, wenn gleich ein verdächtiger Schweißtropfen seinen Weg zum Boden direkt neben Karottes Sandale fand.

Er bemerkte nichts und ging ahnungslos an dem überdachten Hauseingang vorbei, unter dessen pavillonartigen Vordach Charlotte klebte wie eine Fledermaus, Arme und Beine in die jeweils vier Ecken gestemmt, mit dem Kopf nach unten und somit der Schwerkraft ein Schnippchen schlagend.

Lange hielt sie es in dieser kraftraubenden Stellung nicht aus, aber als Karotte an ihr vorbei gegangen war und eine weitere Straßenabzweigung genommen hatte, die auf direktem Weg zum Haus der Familie Rüffel führte, konnte sie getrost von ihrem Versteck herabspringen.

Sie war nicht mehr weit von Haus entfernt und Charlotte musste das Risiko eingehen ihre Uniform hier zurück lassen. Sie stopfte den Wams, das Kettenhemd, den Harnisch, die braune Hose und die Sandalen ins nächste Gebüsch und war nun von der Nacht nicht mehr zu unterscheiden. So sah ein professioneller Dieb aus:

Schwarz von Kopf bis Fuß. Die Kleidung nicht unnötig weit oder ausgestellt, in all ihrem Enganliegen doch beweglich und keines Falls einengend. Spikes unter den Schuhe, die erstaunlich leicht und biegsam waren, sodass man sie zusammenknautschen und in der kleinsten Tasche transportieren konnte. Schwarze Handschuhe mit eisernen Widerhaken. Eine praktische, schwarze Tasche, die man um den Bauch schnallen konnte und die ebenfalls so weich und zusammenknautschbar war, dass man sie leicht unter gewöhnlicher Kleidung tragen konnte ohne sie wahrzunehmen.

Charlotte huschte wie ein Eichhörnchen um das Haus, in dessen Eingang sie sich gerade versteckt hatte, fand ein Abflussrohr für Regenwasser, dass vom Dach direkt bis in den Boden führte.

Es war ein Leichts daran empor zu klettern.

Der Weg über die Dächer hin zum Haus der Familie Rüffel war denkbar einfach. Die Häuser in dieser Gegen waren allesamt Reihenhäuser, was den Vorteil hatte, dass jeweils zwei Häuser eine Wand sparen konnten. Zwei Häuser teilten sich einen Giebel.

Auch das Haus, welches Ziel des nächtlichen Einbruchs werden sollte gehörte in diese Reihe. Charlotte kletterte über zwölf Dächer, die alle mehr oder weniger ein einziges Dach darstellten und verharrte hinter einem Schornstein.

Jetzt musste sie warten.

Vier Stockwerke unter ihr patroulierten Feldwebel Colon und Korporal Nobbs missmutig.

Und da kam auch schon der Gefreite Karotte, ein leichter Anflug von Panik lag in seinen Schritten.

„Ist sie schon hier?", rief er außer Atem.

„Wer? Sie?", fragte Colon irritiert.

„Die Diebin...", Nobby krümmte sich vor Lachen.

„Charlotte!", antwortete Karotte und er lachte nicht.

„Nein, wieso?", erwiderte der Feldwebel.

„Sie wollte hierher und dann ist sie mir... abhanden gekommen.", gab Karotte zu.

„Sowas...", lachte Nobby dreckig, „Bist eben kein Typ für die Frauen, was?".

„Ist gut jetzt, Nobby.", mischte sich Colon ein, der nicht umhinkam die beiden Wächter abschätzend zu betrachten um zu einem ziemlich klaren Ergebnis zu kommen, was ihre Chancen bei einer durchschnittlichen Frau betraf.

Das Gespräch ging noch weiter, doch Charlotte bekam keine Gelegenheit mehr, es sich weiter zu belauschen.

Da vorne hatte sich was bewegt.

Natürlich waren die Wächter nicht auf die Idee gekommen, dass der Dieb bereits drei Straßen weiter auf die Dächer geklettert sein konnte. Wenn Charlotte sie nicht darauf hinwies, waren sie blind für alle diebischen Aktivitäten. Vielleicht nicht unbedingt Hauptmann Mumm, er hatte gewisse Sinne entwickelt, aber Feldwebel Colon, war nicht weiter als ein gemütlicher, denkfauler Feigling.

Charlotte hielt sich hinter dem Schornstein. Lilian würde nicht versuchen zu kämpfen, sie würde auch nicht schreien, sie würde nicht versuchen zu gewinnen, aber sie würde versuchen Charlotte zu umgehen.

Eine schwarz gekleidete Gestalt kroch über das schattige Dach. Niemand konnte sie von der Straße aus sehen, selbst wenn die vier streitenden Wächter hinaufgesehen hätten.

Erstaunlich, wie sich Männer immer so leicht ablenken lassen. Halten sich selbst für wichtiger, als ihre Pflichterfüllung.

Die Gestalt hielt inne, sah sich um und nahm offensichtlich nicht das wahr, was sie erwartet hatte. Ganz leicht, mehr unbewusste, zuckte sie mit den Schultern und kroch weiter.

Auf das Dach zu gelangen war kein Problem gewesen. Schwierig würde er werden von hier aus an ein offenes Fenster zu gelangen. Man musste sich einige Augenblicke an die Regenrinne hängen und sich so kurzzeitig eventuellen Blicken aussetzen, die einen von unten erreichen konnten.

Die Wächter stritten immer noch. Gut so!

Hinter dem Schornstein konnte sie einen Blick nach unten risk...

Von einem auf den anderen Augenblick lastete ein verhältnismäßig enormes Gewicht auf dem Rückgrat der Gestalt. Das Atmen fiel ihr schwer, da eine Hand auf ihrem Mund gedrückt wurde.

„Versprichst du ruhig zu bleiben? Ansonsten kann ich für nichts garantieren!", flüsterte Charlotte.

Die Gestalt nickte.

Charlotte ließ von ihr ab und rollte sich zur Seite: „Wir müssen reden!".

*