„Ich wusste, dass du kommen würdest.", sagte Lilian und zog sich die Tarnkappe vom Kopf, als ob die beweisen müsste, wer sie war, „Und ich muss sagen, du bist gar nicht mal schlecht.".

„Hattest du etwa Zweifel?", zischte Charlotte und beantwortete sie Frage für sich selbst: „Du musst Zweifel gehabt haben, sonst wärst du nicht hier.".

„Meine Zweifel sind berechtigt, Charlotte, du hast Schwäche gezeigt. Sogar du bist nicht perfekt. Und du bist hier, das zeigt, dass du zusätzlich noch ziemlich dumm bist.", bemerkte Lilian.

„Ich habe gelernt Gefahren abzuwägen und ich bin hier, weil ich dich vor einer großen Dummheit bewahren will! Lilian, du bist mir nicht egal, also hör auf mit dem Blödsinn!", flehte Charlotte.

Lilian kicherte leise und sah dann ihrer ehemaligen Freundin scharf in die Augen: „Du hast Angst, Charlotte Freemont! Du hast Angst! Und du hattest auch letztens Angst, nicht wahr?".

„Darum geht es nicht! Das hier ist der pure Wahnsinn! Da unten stehen vier Wächter, die nur darauf warten die einen Bolzen durch den Körper zu jagen!".

„Und du bist einer von ihnen, nicht wahr? Oh nein, warte! Du bist hier oben... Und den Tränen nah!", kommentierte Lilian.

„Du bist verrückt! So kenne ich dich nicht, Lilli.".

„So kenne ich dich auch nicht, Lotte!", erwiderte Lilian kühl und warf einen abschätzigen Blick hinunter, wo die vier Wächter nun das Gebüsch absuchten, offensichtlich auf der Suche nach Charlotte.

„Du hast Angst. Zum ersten Mal, nicht wahr? Was ist mit deinem Vater? Hat er auch Angst? Hab gehört die Diebesgilde steht kurz vor der Schließung...", flüsterte Lilian.

„Ich werde dich nicht hier einbrechen lassen!", sagte Charlotte fest, „Ich lasse dich gehen. Ich werde noch einmal dafür sorgen, dass du davon kommst. Aber wenn du im Palast einbrichst, garantiere ich für nichts!".

Lilian lachte, „Welche eine Drohung! Von dir! Ausgerechnet! Du hast es dir immer ausgemalt einmal in den Palast einzubrechen und den Patrizier zu überlisten.".

„Vermutlich weiß er schon längst, dass du dahinter steckst!", zischte Charlotte, „Er hat überall Spione. Ich wette er spioniert sogar die Spionagegilde aus!".

„Die vielleicht. Aber nicht Lilian Craine.", gab die angesprochene zurück.

Charlotte ließ die Schultern hängen: „Verschwinde einfach! Wenn du versuchen solltest einzusteigen, mach ich die Wächter aufmerksam!".

„Du würdest es zulassen, dass sie mir einen Bolzen durch den Körper jagen?", fragte Lilian verächtlich.

„Es wäre Selbstmord und Selbstmörder soll man nicht aufhalten!", erwiderte Charlotte kalt.

„Weißt du, Charlotte, ich mache mir da gar keine Sorgen. Das wirst du schon für mich übernehmen. Bis morgen dann!", Lilian grinste, als sie sich die Kappe wieder über ihr Gesicht zog und über die Dächer zurück zu klettern begann.

Charlotte wusste, Lilian hatte nie vorgehabt heute Nacht etwas zu stehlen. Es ging ihr nur um ihre Demütigung um ihre Verunsicherung. Lilian hatte mit Charlotte gerechnet, sich das ganze Gespräch hundert Mal durch den Kopf gehen lassen, wahrscheinlich vor dem Spiegel geprobt. Lilian war kein schlagfertiger Mensch unter normalen Umständen.

Wieso agierte sie so boshaft? Warum wollte sie die Diebesgilde mit hineinziehen?

Charlotte wusste es nicht und das machte sie nervös und unsicher. Sie kletterte in die andere Richtung zurück, von wo sie gekommen war.

Die Regenrinne erwies sich als gute Vorrichtung um daran geräuschlos herunter zu rutschen.

Im Gebüsch fand Charlotte ihre Uniform, streifte sie über und eilte durch die Straße zu ihren Wächterkollegen.

„Entschuldigung! Ich dachte, ich hätte da jemand verdächtigen gesehen. Aber es erwies sich nur als ein Bettler. Mit Genehmigung.", log sie, als sie bei Colon, Nobby und Karotte ankam.

Kollektives Aufatmen. Langsam hatte sie der Gedanke manifestiert, dass die Gefreite Freemont mehr Probleme verursachte, als löste.

„Und hier? Alles ruhig soweit?", fragte sie.

„Oh ja. Keine Anzeichen für einen Einbruch.", meldete Nobby.

„Na dann sollten wir vielleicht unsere Route wieder aufnehmen, Karotte.", schlug Charlotte vor.

„Na gut, ja.", gab der zurück und war erleichtert, dass er sich jetzt wieder an die Regeln halten konnte, „Aber ab jetzt bleibst du immer in meiner Nähe! Partner schützen sich gegenseitig und agieren nicht auf eigene Faust!".

„Ja du hast Recht. Es war dumm von mir. Ich bin manchmal etwas übereifrig.", Charlotte atmete auf. Insgeheim.

*