Er hatte es fast geahnt. Der angekündigte Einbruch würde nicht stattfinden um dem Showdown in der folgenden Nacht eine gebührende Portion Drama zu verleihen, um die Wächter zu verunsichern und zu zermürben.

Was konnte auf einen Einbruch in den Palast folgen? Kein Gebäude der Stadt war besser gesichert, als der Palast des Patriziers. Nicht einmal die Universität mit ihren diversen Schutzzaubern und Bannen konnte nicht mit den elitär ausgebildeten Scharfschützen des Patriziers mithalten. Sie konnten auf eine Distanz von 75 Metern eine Fliege an einen Baum heften, ohne sie zu töten, hieß es.

Es würde vorbei sein nach dieser Nacht. Dies würde der letzte Auftritt der Katze sein und es entschied sich, wer gewann: Dieb oder Wache.

Es war ein Spiel, fuhr es Hauptmann Mumm durch den Sinn. Ein Spiel. Die Katze spielt mit uns wie mit einem Wollknäuel.

Der Dieb hatte bewiesen, dass er auf einer großen Menschenansammlung einbrechen und davonkommen konnte. Er hatte gezeigt, dass er die Wachen überlisten konnte, selbst wenn sie auf ihn warteten. Er hatte es fertig gebracht die Wache vorzuführen, indem er nicht auftauchte. Er hatte die Diebesgilde an den Rand der Illegalität getrieben - womöglich hatte er sie gar selbst bestohlen. Der letzte Triumph würde der über Lord Vetinari und seine Spione sein.

Mumm war sich sicher, dass der Patrizier ständig über alles, was in der Stadt vor ging, bestens informiert war. Er wusste alles, alle Zusammenhänge, alle Entwicklungen. Meist wusste er sogar noch bevor die Dinge geschahen, was geschehen würde oder zumindest, was man tun musste, damit sie geschehen mussten.

Doch in diesem Fall zweifelte Mumm. Er hatte kein Ahnung warum. Vielleicht war es eine Ausgeburt eines eingebildeten Bedürfnisses nach Genugtuung, einen Drang nach der Gewissheit, dass Lord Vetinari ihm nicht immer zwei Schritte voraussein konnte, der tiefe Wunsch beweisen zu können, dass der Patrizier auch nur ein Mensch und fehlbar und nicht allwissend war. Mumm wünschte sich, dass der Patrizier im Schlaf von einem Einbrecher überrascht wurde! Einfach nur, damit er selbst nicht wieder der einzige gewesen blieb, der Mühe aufbringen musste einen Fall aufzuklären.

Mumm lachte ein bitteres, humorloses Lachen. Fast tat ihm der Dieb noch nicht einmal leid, wenn er sich vorstellte, wie die Palastwache ihn erwischte. Niemandem war es zu gönnen von diesen Großmäulern gefasst zu werden und auch Mumm wünschte diese Demütigung keinem, nicht einmal einem Verbrecher. Doch dieser Dieb war hart an der Grenze.

Er kostete Nerven und Zeit und Energie und viel zu viele Gedanken. Außerdem hing diese Diebesgöre beinahe jeden Tag hier herum.

Er freute sich auf das Ende des Spiels, dennoch wollte er es gewinnen.

Ein Plan war von Nöten. Ein guter Plan. Ein Plan, der im besten Fall besser sein musste, als der des Diebes.

Mumm ging logisch vor: Um besser zu sein als ein Dieb musste, man das Ziel und das Vorhaben des Diebes kennen. Man musste die Beute kennen. Man musste wissen, wie man in das einzubrechende Objekt hineinkam. Man musste wissen, wann der Dieb zuschlagen wollte. Man musste selbst ein Dieb sein oder denken wie ein Dieb.

Mumm sträubte sich gegen den Gedanken, aber er ließ sich nicht wegargumentieren: Die einzige Profilerin, die ihm zur Verfügung stand, war Charlotte.

Nachdem er hin und her überlegt hatte, eine eigene, auf Polizeisinnen und Erfahrung beruhenden Analyse der Situation und der Gegebenheiten durchgeführt hatte, nach nicht einmal zwei Minute aufgeben musste und sich zerknirscht eingestand, dass er keine andere Wahl hatte, machte er sich auf den Weg zur Diebesgilde.

Charlotte hielt sich tagsüber nicht oft, und wenn dann nicht lange, zu Hause auf. Die meiste Zeit verbrachte sie mit dem ziellosen durchstreifen dürftiger Einkaufsstraßen in Ankh oder in einem Straßencafé. In letzter Zeit war sie auffälliger Weise häufig allein unterwegs.

Wenn man einen Passanten auf der Straße fragte, ob er kürzlich Charlotte Freemont gesehen hatte, sagte er mit großer Wahrscheinlichkeit: „Ist mir kürzlich begegnet. Ziemlich ungewöhnlich für ein Mädchen allein durch die Straßen zu laufen. Wenn ich ihr Vater wäre...".

Genau das wollte Mumm herausfinden. Was dachte ihr Vater?

Das Gildenhaus der Diebe war ein stattliches Gebäude in der Nähe des Flusses auf der Seite Morporks. In dieser Gegend stach es dadurch hervor, dass es nicht verfallen, marode oder abgebrannt war.

Die Diebe legten großen Wert auf Stil und Ästhetik. Außerdem konnten sie es sich leisten.

Man konnte das Gildenhaus bereits von weiten daran erkennen, dass oben auf ihrem Turm eine besonders eindrucksvolle Wetterfahne befestigt war. Es handelte sich um den jeweils letzten gefassten und verurteilten lizenzlosen Dieb der Stadt, der so der Stadt nach seinem Tod noch einen Dienst erwies, indem er die Windrichtung anzeigte und andere lizenzlose Diebe abschreckte.

Derzeit war der Galgen unter den Glockengewölbe leer. Eine ungewohnte Situation. So etwas geschah für gewöhnlich nur bei Streiks oder wenn im Hochsommer die Verwesung schneller von statten ging, als die Beschaffung von frischen Wetterfahnen. - Auch das Diebeshandwerk ist dem Sommerloch unterlegen. Auch Diebe verdienen sich ihren Sommerurlaub.

Beide Fälle trafen derzeit nicht zu. Die Gilde streikte nicht und der Sommer war bereits in den Herbst übergegangen.

Das Gildenhaus strahlte Resignation und Schockzustand aus. Das Einholen des Wahrzeichens - der Wetterfahne - deutete auf eine tiefe Krise, einen schmerzhaften Identitätsverlust hin.

Mumm klopfte an.

Ein Schiebefenster in der Tür öffnete sich um das Gesicht eines Diebes, dem man Wachdienst aufgebrummt hatte, erschien: „Ja bitte?", fragte er genervt.

„Ich möchte mit Charles Freemont sprechen.", antwortete Mumm.

„Hast du einen Termin?".

„Nein, aber ich gehe davon aus, dass er mich empfangen wird.", sagte Mumm gespielt geduldig.

„Das Gildenoberhaupt ist sehr beschäftigt dieser Tage.".

„Mit Auszugsvorbereitungen nehme ich an.", sagte Mumm und konnte sich ein unterschwelliges Grinsen nicht verkneifen.

„Ähm...", kam es von drinnen, „Ich werde kurz nachfragen, wenn du dich so lang gedulden kannst.".

Das Fenster schlug zu und der Pförtner trippelte davon.

Nur wenige Augenblicke später öffnete sich die Tür.

Mumm trat ein und bemerkte eine bedrückende Stimmung im Gildenhaus. Diebe schlichen vor Zimmer zu Zimmer. Jedoch handelte es sich nicht um das gewöhnliche Diebesschleichen, sondern eher um ein nervöses, verängstigtes huschen.

„Bitte hier entlang!", forderte der Pförtner Mumm aus, dessen Augen auf einem jungen Diebeslehrling haften geblieben waren, der hastig einen Stapel Handbücher transportierte.

Sieht so aus, als bereiteten sie sich wirklich auf den Rauswurf vor, dachte Mumm, nicht ohne Genugtuung.

Charlie Freemonts Büro befand sich unter dem Dach, direkt unter dem Gebälk, dem Turm und der Wetterfahne. Man erreichte das Zimmer durch eine Falltür, an der eine Strickleiter angebracht war.

Pförtner uns Mumm kletterten hinauf und stiegen ins Büro des Gildenoberhauptes ein.

„Guten Tag!", grüßte Mumm fröhlich.

„Hauptmann Mumm von der Stadtwache, Herr!", kündigte der Pförtner an.

Freemont blickte auf. Er wirkte bleich und kränklich: „Guten Tag.", sagte er langsam, „Ich nehme an, du willst mich unter vor Augen sprechen.".

„Ja.".

„Schon gut, Siebenschrot. Du kannst gehen.".

Der Pförtner stieg die Strickleiter wieder hinab und entfernte sich von der Dachkammer.

Freemont wartete seine Schritte ab und sagte dann zu Mumm: „Ich nehme an, er schickt dich mir Lizenzen zu entziehen.", seufzte der Dieb.

Mumm genoss den Augenblick, dann sagte er: „Nein. So weit ist es noch nicht. Ich bin wegen etwas anderem hier.".

„Alles andere kann nur eine gute Nachricht sein!", kommentierte Freemont, „Es geht um den Einbrecher? Ich kann nur noch einmal versichern, dass ich nichts damit zu tun habe! Keiner meiner Diebe...".

„Ja, ja schon gut!", schnitt Mumm ihm das Wort ab, „Es ist ein sehr talentierter Dieb. Scheint sein Handwerk gelernt zu haben.".

„Ich habe nichts damit zu tun!", beharrte Freemont und begann zu schwitzen.

Mumm glaubte ihm sogar. Kein Gildenoberhaupt würde seine Stellung riskieren, indem er Verbrechen in der Stadt zuließ, die in seinen Zuständigkeitsbereich fielen. Es gab keine Beute, die ein solche Risiko wert war."

„Heute Nacht ist der Palast an der Reihe.", bemerkte Mumm ruhig.

„Wir werden nicht zugegen sein!", sagte Freemont.

„Ein Dieb, der schlauer ist, als die Diebesgilde...", murmelte Mumm, „Führt sie an der Nase herum und schafft es sie an den Rand der Legalität zu treiben...".

„Worauf willst du hinaus, Hauptmann? Du bist nicht hier um mich zu demütigen, nehme ich an.", zischte Freemont.

„Nicht nur.", erwiderter Mumm, „Ich würde gerne wissen, woher deine Tochter ihr Wissen über den praktischen Teil des Diebesgewerbe bezieht.".

Betretenes Schweigen wandelte sich in eine peinliche Stille, die sich auszudehnen schien. Vor allem in Charles Freemonts Gedanken. Sein Gehirn lief auf Hochtouren.

„Nun...", begann er zögernd, „Sie liest viel.".

„Das ist mir bekannt!", Mumms Tonfall wie auch sein Gesichtsausdruck wiesen darauf hin, dass er mit dieser Antwort nichts zufrieden war.

„Stell mir keine Fragen, zu denen du glaubst eine Antwort zu kennen, Hauptmann!", sagte Freemont nun gefasster, „Meine Tochter kennt sich in der Theorie des Diebesgewerbes viel zu gut aus, als dass ich es gutheißen würde. Aber ich konnte sie nicht davon abhalten, sich ihr Wissen anzulesen. Sie ist ein Mädchen und darf deshalb keine praktische Ausbildung in der Diebesgilde antreten und ich bin dabei geblieben, obwohl sie mich bestimmt hundert Mal gebeten hat.".

„Charlotte ist nicht dumm.".

„Nein, sicher nicht.".

„Sie ist vermutlich intelligenter als so mancher Dieb.", mutmaßte der Hauptmann.

„Du erwartest darauf doch keine Antwort oder?".

„Nein, es reicht, wenn du mir zuhörst.", erwiderte Mumm und grinste.

„Sie war während des Einbruchs im Haus Siedentopf zugegen. Sie war am Tatort und deine Wächter sahen sie zusammen mit dem Dieb! Schlag dir das aus dem Kopf, Hauptmann!", sagte Freemont und wähnte sich in Sicherheit.

„Da hast du allerdings Recht. Und das ist der Punkt der mich stutzig macht. Im Haus der Familie Rüffel gab es keinen Einbruch und Charlotte war nicht zugegen... Allerdings auch nicht an der Seite ihres Partners auf Patrouille.", sinnierte Mumm. Er hatte sich seine Gedanken ordentlich zurecht gelegt und spielte nun eine Karte nach der anderen aus.

„Kein Einbruch, kein Verbrechen. Du musst nicht ermitteln, wo nichts passiert ist.", wies der Dieb ihn an.

„Das wird sich noch zeigen.", murmelte Mumm.

„Hör zu, Hauptmann, du hast selbst gehört, was meine Tochter zu mir am Fest der Geringen Götter gesagt hat! Du hast gehört, wie sie sich um die Diebesgilde sorgt. Wieso sollte sie sie in Verruf bringen wollen?".

„Weil sie selbst eben nicht die Chance erhält einzutreten.", antwortete Mumm, „Ein Deckzettel, Freemont?".

„Ausgeschlossen!", antwortete der Dieb.

„Charlotte ist eine gute Schauspielerin, nicht wahr?".

„Nun, sie ist ein wenig zu... zeigefreudig, für meinen Geschmack, aber das kann kaum etwas zur Sache beitragen.", brummte Freemont.

„Sie weiß, was sie zeigen muss, nicht wahr?", bohrte Mumm.

„Nun wenn du so willst: Ja.".

„Und sie zieht es vor allein durch die Gegen zu ziehen? Außerdem ist sie recht stur, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat?", fragte Mumm weiter.

„Eine Eigenschaft, die sie von ihrer Mutter hat...".

„Die meisten zielstrebigen Frauen haben das von ihrer Mutter.", warf Mumm ein.

„Sie hat sich mit ihrer Freundin gestritten. Das kommt bei Mädchen erstaunlich häufig vor. Für gewöhnlich wären diese Streitereien nie besonders lang. Ich halte das nicht für verdächtig. Es ist lediglich ein Zeichen für ihre Unreife! Wie dem auch sei, ich hielt es nie für gut, dass sie so nach Freiheit strebt und dachte es würde sich legen, wenn sie erst einmal verheiratet sein würde. Ich hoffte sie würde häuslich werden. Aber dann kamt ihr und nehmt sie in die Wache auf! Etwas dämlicheres konnte euch nicht einfallen oder? Jetzt macht sie sich Hoffnungen und gibt sich unrealistischen Ideen hin. Besten Dank!", sagte Freemont bitter und seine Augen blitzten in Richtung Mumm.

„Ich glaube nicht, dass ihre Ideen unrealistisch sind. Ich halte sie für vernünftig und unterstützenswert. Sie leistet gute und tüchtige Arbeit in der Wache.", das sagte Mumm nur um Freemont zu widersprechen, „Immerhin leben wir im Flughund-Jahrhundert.".

„Eine Welt, in der die Stadt von einer Frau geschützt wird, kann keine sichere Welt sein. Deshalb bleibt die Diebesgilde ihren Prinzipien treu.".

„Bis sie geschlossen wird?", führte Mumm an.

„Ähm...".

„Im Augenblick häng die Existenz dieser Gilde an der Arbeit meiner Männer, zu denen auch deine Tochter gehört. Du sollest lieber hoffen, dass du Unrecht hast, Freemont! Und du solltest hoffen, dass ich Unrecht habe, denn man wird dir Befangenheit vorwerfen... Ich wünsche einen guten Tag!", Mumm drehte sich um und wollte gerade die Strickleiter wieder hinunter klettern, das hielt Charles Freemont ihn auf.

„Wenn du Recht haben solltest, hängst du genauso mit drin, Hauptmann. Charlotte ist ein Wächterin. Bete, dass sie keine Diebin ist! Schönen Tag, Hauptmann!".

Mumm stieg die Strickleiter hinunter und in seinem Inneren verkrampfte sich ein Klumpen stummer, heißer Wut.

*