Charlotte fühlte zum ersten Mal in ihrem Leben, was Nervosität bedeutete. Und es gefiel ihr nicht. Es war ein Gefühl des Kontrollverlustes und hatte so gar nichts mit dem Kick zu tun, den sie bis vor kurzem für Nervosität gehalten hatte.

Sie machte sich Sorgen. Sie lernte ein Gefühl namens Angst kennen.

Charlotte mochte es, wenn Situationen kontrolliert wurden. Vorzugsweise von ihr selbst. Sie zog gerne die Fäden und spielte. Sie spielte mit anderen Menschen, wie sie mit ihrem eigenen Bild spielte. Und sie war gut darin. So gut, dass jemand bei ihr in die Lehre gegangen ist, ohne dass sie es merkte.

Lilian spielte Charlottes eigene Tricks gegen sie aus. Jetzt musste sie reagieren.

Bisher hatte es Charlotte gefallen zu beobachten, wie Menschen es schwer fiel auf ihr Auftreten zu reagieren. Sie hatte sich einen Spaß daraus gemacht, andere Leute zu manipulieren, vor den Kopf zu stoßen und ihnen die Schamesröte ins Gesicht zu treiben. Nun war sie selbst gefragt. Jetzt musste sie beweisen, dass sie... mit einem Menschen umgehen, der handelte wie sie selbst.

Doch diesmal war es anders. Es war anders als bei den Einbrüchen, die Charlotte begangen hatte.

In Villen oder großen Stadthäusern einzubrechen war kein großes Risiko, welches Charlotte selbst trug.

Irgendwie fühlte sich Charlotte jedoch ebenfalls für Lilians Ambitionen verantwortlich.

Lilian nahm die Sache nicht mit dem nötigen Ernst und verließ sich darauf, dass Charlotte kommen würde. Sie verließ sich auf ihre Hilfe, obwohl die beiden Freundinnen Streit hatten. Sie verließ sich darauf und dass Charlotte den Ernst der Lage erkannte und es nicht zulassen würde, dass man Lilian fasste.

Lilian bewegte sich wie eine Schlafwandlerin auf einer Großbaustelle, die sich darauf verlassen musste, dass jemand die Stahlträger vor ihren Füßen in die Richtige Position brachte. Lilian bewegte sich bewusst so, dass Charlotte alle Hände voll zu tun hatte, sie vor Schlimmerem zu bewahren und genoss es offensichtlich.

Lilian wusste, dass Charlotte sie nicht hängen lassen würde, allein deswegen, weil sie selbst mit drin hing.

Welche Möglichkeiten hatte Charlotte?

Sie war Mitglied der Wache und dazu eingeteilt, den Palast zu bewachen und davor zu schützen, dass ihre beste Freundin dort einbricht - nach ihrem eigenen Vorbild.

Sie konnte Lilian ignorieren und gewähren lassen. Das wäre gleichbedeutend mit Beihilfe zum Selbstmord.

Sie konnte den Wächtern den Hinweis darauf geben, wie ein Dieb versuchen würde in den Palast einzubrechen, sodass sie von Mumms Leuten, statt von der Palastwache gestellt wurde.

Auch diesen Einfall verwarf Charlotte wieder. Sie musste die Wächter da heraus lassen. Sie durften nie überhaupt erfahren, dass Lilian dahinter steckte und Lilian durfte nie die Gelegenheit bekommen Mumm oder dem Patrizier gegen über eine Beschuldigung in Charlottes Richtung zu formulieren.

Die einzige Möglichkeit, ihre ehemals beste Freundin aufzuhalten, die Charlotte sah, war die, welche Lilian wahrscheinlich von ihr erwartete.

Charlotte begann nachzudenken. Was hätte sie selbst erwartet?

Dass Lilian die Gefahren unterschätzte, glaubte Charlotte nicht. Sie kalkulierte ihre ehemals beste Freundin und immer noch beste Diebin der Stadt mit ein. Wenn Charlotte sich selbst halfen wollte, musste sie das tun, was Lilian von ihr wollte. Sie musste Lilian helfen.

Charlotte überlegte einen Schritte weiter: Wenn sie gleich ziehen wollte musste sie das tun, was man von ihr verlangte. Aber Charlotte Freemont wollte nicht gleichziehen. Sie wollte überholen.

Lilian war schlau vorgegangen, hatte Charlotte unter Zugzwang und unter Druck gesetzt. Allerdings hatte sie nicht bedacht, dass Charlotte dieses Spiel schon ein wenig länger spielte.

Nein, Lilian brauchte sich keine Sorgen zu machen. Aber eine Lektion würde sie erhalten.

Um einen Eindruck des Zielobjekts zu erlangen, musste Charlotte sich zum Palast begeben. Dort musste sie sich ohnehin mit den Wachen treffen, um ihnen irgendetwas über das Profil des Katzeneibrechers zu erzählen. Sie musste möglichst schnell selbst eine Überblick erlangen und es schaffen ohne eine lange, gründliche Vorbereitung unbemerkt in den Palast zu gelangen. Es würde schwer werden, aber wenn es schief laufen sollte, hatte sie das Gesetz in Form einer kleinen Dienstmarke auf ihrer Seite. Lilian mochte jedoch Schlimmeres zustoßen. Es waren ganz schön hohe Ansprüche, das sie an ihre ehemals beste Freundin stellte...

Charlotte kleidet sich in ihrem schwarzen Flanellanzug und machte sich auf den Weg zum Palast.

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