Der Palast des Patriziers war ein quadratisches Gebäude in Mitten eines üppigen Gartens, der wiederum von einer hohen Mauer umgeben war. Auf dieser Mauer gab es vier Wachtürme, die mit Mitgliedern der Palastwache besetzt waren. Hin und wieder patroulierten einige von ihnen auf der Mauer und zeigten ihre Armbrüste.
Einlass erhielt man durch ein prunkvolles Tor, das über Nacht geschlossen wurde und ebenfalls von Palastwächtern bewacht wurde.
Für den heutigen Tag hatten die Palastwächter ihre Brustharnische besonders glänzend poliert und trugen extra bunte Federn an ihren Helmen. Als sie die Truppe der Stadtwächter erblickten, grinsten sie hämisch.
Man hatte Mumm und seinen Leuten mehr oder weniger verboten das Palastgelände zu betreten. Die Palastwächter hatten ihnen recht deutlich gemacht, dass es für sie ungesund werden würde, wenn sie es sich anmaßen würden, in ihr Revier einzudringen.
So blieben Mumm, der bereits sein einiger Zeit unruhig um die Mauern des Palastes geschlichen war, Colon, Nobby und Karotte vor dem Portal der Palastmauer stehen und blickten mit gereckten Hälsen nach oben.
Feldwebel Colon, immer bedacht abzusichern, dass sein Eindruck mit dem der Gruppe übereinstimmte, murmelte: „Ein Dieb, der da hinüberklettern will, muss lebensmüde sein.".
„Ein Dieb der da hinüber will und nicht lebensmüde ist, müsste schon ziemlich dumm sein.", kommentierte.
„Ich glaube nicht, dass er dumm ist.", meinte Karotte, „Immerhin hat der die Diebesgilde und uns bis jetzt ausgetrickst.".
„Oh, das ist keine Kunst.", erklärte Nobby, „Jeder weiß, dass die Diebesgilde unter Charlie Freemont schwer kommen gelassen hat und die Stadtwache ist auch nicht gerade für ihre überschäumende Intelligenz bekannt. Ich meine, sieh dir uns doch mal an: Wenn wir intelligent wären, wären wir schon lange keine Wächter mehr!".
„Es reicht, Nobby!", brummt Mumm, ohne seinen Blick von der Mauer abzuwenden.
„Wo bleibt Charlotte?", fragte Karotte plötzlich.
Er bekam keine Antwort. Die drei anderen Wächter beschränkten sich darauf erschrocken, erstaunt oder bewundernd an der Außenmauer hinauf zu starren. Wie um alles in der Welt sollte ein Mensch da ungesehen hinauf klettern?
Charlotte wusste, dass die Mauer ein schier unüberwindbares Hindernis für jemanden wie Lilian war. Lilian war keine so gute Kletterin, wie sie. Sie wusste nicht, worauf es ankam, wenn man lautlos agieren wollte, deshalb musste sie sich einen anderen Weg suchen.
Charlotte schritt um die Außenmauer, vermied es schleichend zu wirken. Die Palastwächter sollten sie ruhig sehen.
„Hey! Halt! Was machst du da?", schallte es Charlotte entgegen und sie vernahm außerdem, wie sich eine Sehne spannte.
Sie drehte sich langsam um und blickte hinauf zu den Wächtern: „Alles in Ordnung! Ich gehöre zur Nachtwache!", rief sie, „Hier ist meine Dienstmarke!", sie hielt die kleine Plakette den Palastwächtern entgegen. In der Dämmerung konnten sie das Ding nicht erkennen, aber die Gelassenheit in ihrer Stimme reichte aus, um die Armbrüste sinken zu lassen, die auf die gerichtet waren.
„Wer bist du?", bellte es von oben.
„Gefreite Charlotte Freemont.", antwortete sie ruhig.
„Ein Mädchen!", die ganze Bande lacht von oben herab, „Es gab wohl keine Uniform für dich, was?".
„Doch, aber ich hielt es für angemessener bequeme Kleidung zu tragen, wenn wir einen schnellen und geschickten Dieb verfolgen und stellen müssen.", erwiderte Charlotte.
„Du bist gekleidet wie ein Dieb, Mädchen. Das ist gefährlich in diesen Tagen.".
„Nein, ich glaube nicht. Die Diebesgilde beschäftigt sich nicht mehr mit dem Fassen von Dieben und Palastwächter sind so jämmerlich, dass sie glauben an nichts weiter als die Würde ihrer Uniform. Glaubt ihr wirklich damit einen gelenkigen Dieb zu fassen? Ich glaube, mein Aufzug ist nur angemessen.".
„Pass auf, was du sagst! Die Palastwache ist die Elitetruppe... was Wachen angeht, in ganz Ankh-Morpork! Außerdem sind wir diejenigen, die hier die Armbrüste in den Händen halten.", rief der unangefochtene Sprecher der Wächter auf der Mauer.
„Ihr würdet es nicht wagen. Der Patrizier würde euch fristlos entlassen.", sagte Charlotte trocken.
„Vielleicht nehme ich es in Kauf.", Charlotte ahnte, dass der Wächter grinste, „Vielleicht erfährt es niemand.".
„Du erwägst ernsthaft einen Mord?", fragte Charlotte und grinste ebenfalls, „Ich werde Hauptmann Mumm davon berichten müssen.".
„Tatsächlich? Ist ja niedlich! Hauptmann Mumm! Es würde mich wundern, wenn es ihn interessieren würde. Mumms Horizont reicht doch gerade mal bis zur nächsten Taverne.", die Palastwächter lachten.
Charlotte runzelte die Stirn: „Ihr solltet euch lieber auf den echten Dieb konzentrieren, statt euch die Zeit damit zu vertreiben, wirklich arbeitenden Polizisten zu verunglimpfen.".
„Jetzt will sie uns sagen, wie wir unseren Job zu machen haben!", die Palastwächter kriegten sich nicht mehr ein, „Ein Mädchen in einem schwarzen Flanellanzug, das zu Mumms Truppe gehören will, versucht uns zu erklären, wie wir unseren Job machen sollen! Habt ihr das gehört?".
Der Wächter wartete die Lacher ab und richtete sich dann wieder an Charlotte: „Hör zu, Kleine! Das ist sehr wichtig! Dieser Palast ist sicher! Siehst du diese Mauer hier? Niemand kann sie erklimmen, ohne gesehen zu werden.".
Es juckte Charlotte in den Fingern ihnen das Gegenteil zu beweisen, aber damit musste sie noch abwarten.
„Man sollte sich nie zu sicher sein.", erwiderte Charlotte stattdessen.
Die Wächter lachten erneut. Es hatte sich bereits eine recht große Gruppe auf der Mauer über Charlotte eingefunden. Offenbar hatte es sich bereits um den ganzen Palast herumgesprochen, dass er hier etwas zu lachen gab.
„Und ich gebe dir noch einen Tipp und zwar gratis, mein Schatz: Streif hier nicht allein herum! Nicht in diesem Aufzug! Such dir eine ordentliche Arbeit oder am besten heiratest du irgendjemanden, der dumm genug ist.".
„Was ist den hier los?", ertönte eine Stimme hinter Charlotte und aus dem Schatten trat die Gestalt vom Gefreiten Karotte. Sein Brustharnisch glänzte wie der eines Palastwächters, nur schien er nicht zum Lachen aufgelegt zu sein.
„Die junge Dame hier behauptet, Teil von Mumms Truppe zu sein. Ich weiß, dass die Stadtwache ziemlich heruntergekommen ist, aber ich hätte nicht gedacht, dass es so weit mit ihr abwärts geht.", antwortete der wortführende Palastwächter.
Karotte ignorierte ihn: „Gefreite Freemont, wo ist deine Uniform?".
„Es ist leichter für mich einen Dieb zu verfolgen, wenn ich den schweren Brustharnisch nicht tragen muss.", antwortet Charlotte und salutierte.
„In... Ordnung.", sagte Karotte zögerlich, „Aber was tust du alleine hier? Ich dachte, wir hätten über derartige Alleingänge gesprochen!".
„Oh, ich war nicht allein.", sagte Charlotte mit einem Wink hinauf zu den Palastwächtern, „Ich dachte, ich könnte mich ganz auf die Unterstützung unserer Kollegen verlassen.".
Karotte knurrte etwas uns zog Charlotte dann mit sich in den Schatten, aus dem er getreten war.
„Du kannst ihnen nicht vertrauen.", flüstere er und Charlotte musste erneut feststellen, dass der junge Gefreite ironische Bemerkungen immer noch nicht zuordnen konnte.
„Schon gut.", sagte sie, „Lass uns um die Mauer gehen, ich suche nach einer Schwachstelle.".
„Eine Schwachstelle?", fragte Karotte.
„Irgendwie muss der Dieb von außen hinein gelangen. Hier sind überall Wächter. Aber irgendwo muss es eine Stelle geben, an der er ansetzten will, hineinzugelangen. Vielleicht ein nicht einsehbarer Winkel oder Tunnel oder so etwas.", erklärte Charlotte.
„Glaubst du so etwas gibt es?".
„Der Dieb hat einen Plan, wie er theoretisch in den Palast gelangen kann. Also muss es eine theoretische Schwachstelle geben.".
„Und wir verwandeln sie in eine nicht mehr existente Schwachstelle.".
„Du hast es erfasst, Karotte!".
Dass Karotte jetzt an ihrer Seite war, störte Charlotte, doch es war kein unumgehbares Problem.
Die Rückfront des Palastes, war ebenfalls von der Mauer geschützt. Auch hier befand sich ein Eingangstor, der obligatorische Hintereingang für Dienstmädchen.
„Glaubst du, er wird den Dienstboteneingang benutzen?", fragte Karotte.
Er ist schlauer als er aussieht, dachte Charlotte und antwortete: „Nein, der Hintereingang wird genauso bewacht, sie der Haupteingang. Sie lassen hier lediglich Dienstmädchen hinein. Mädchen, Karotte. Unser Dieb wird sich wohl kaum als Frau verkleiden.".
Karotte nickte bedeutungsvoll, „Bestimmt nicht.".
„Wenn du mich fragst, versucht er es von dort drüben.", Charlotte wie lässig auf eine Stelle weiter vorn direkt neben einem Wachturm an der Ecke der Rückfront.
„Wieso gerade dort?", fragte Karotte.
„Der Mond steht hier, also fällt der Schatten der Wand genau dort hin und auch auf den Bereich vor der Mauer. Die Wächter müssten sich recht weit vorbeugen, um an der dunklen Wand herunter sehen und etwas erkennen zu können, und das tun sie nur bei einem konkreten Verdacht, den sie nicht haben werden, so lange sie nichts hören. Die Lampen, die sie bei sich haben streuen das Licht, man kann es nicht fokussieren und schon gar nicht senkrecht nach unten leiten. Der Dieb muss nur einen Augenblick abpassen, da die Wächter auf der anderen Seite patrouillieren, dann kann er über die Mauer steigen. Es ist nicht ungefährlich. Er muss vollkommen leise klettern, er muss den Zeitpunkt genau abwägen und unter Umständen mehrere Minuten an der Wand kleben. Aber die Lichtverhältnisse sind auf seiner Seite und direkt hinter der Mauer steht ein Baum. Seine Äste reichen darüber. Sobald er auf der Mauer ist, kann er sich in den wirren Schatten der Blätter zurückziehen und über den Baum nach unten in den Hof klettern. Auch das ist sehr schwer, weil Blätter - vor allem im Herbst - leicht zu rascheln anfangen, aber in den Nachschatten, die ein Baum wirft, kann man für gewöhnlich keinen Menschen erkennen, der sich darin versteckt. Ich weiß nicht, wie der Garten hinter der Mauer aussieht, aber ich wette, es befinden sich Büche und Sträucher darin. Er wird einen Weg finden bis zum Palast selbst.", dozierte Charlotte.
„Donnerwetter.", entfuhr es Karotte, „Und da bist du dir sicher?".
„Nun, es gibt einige Stellen an der Mauer, an der die Wachen nicht ständig die ganze Umgebung überblicken. Bei jedem Turm gibt es tote Winkel. Aber der Schatten und der Baum sind zwei gute Argumente für diese hier.", sagte Charlotte, wissend, dass Lilian keine Ahnung vom Abschätzen eines strategisch guten Ansatzpunkt für einen Einbruch hatte. Lilians Plan war viel leichter.
„Wir sollten die Palastwächter informieren.", sagte Karotte.
„Nein. Der Hauptmann will ihnen den Triumph nicht überlassen, da bin ich sicher. Und ich will es auch nicht!", sagte Charlotte fest.
„Aber wir sind verpflichtet, alles in unserer Mach stehende zu tun, um den Dieb aufzuhalten. Wir müssen sie einweihen.", beharrte Karotte.
„Sie haben sich über Hauptmann Mumm und mich lustig gemacht!", erwiderte Charlotte, „Wenn wir den Dieb nicht stellen, wünsche ich ihm, dass er dem Patrizier etwas großes und wertvolles stiehlt, ohne behelligt zu werden!", knurrte Charlotte.
„Dann lass uns die anderen rufen. Wir sollten uns hier positionieren und hin und wieder um den ganzen Palast patrouillieren.", schlug Karotte vor.
„In Ordnung.", sagte Charlotte und sie begaben sich zu den restlichen drei Wächtern vor dem Haupttor.
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