Natürlich war Karotte nicht damit einverstanden, dass die Palastwächter nicht eingeweiht wurden, was die Ermittlungen ihrer Profilerin betraf und so schmollte er ein wenig, als Hauptmann Mumm seine Bitte auf Einhaltung der Vorschriften mit folgenden Worten kommentierte: „Wenn ich dieser Bande helfe, könnte ich mich selbst nicht mehr im Spiegel betrachten! Sollen sie doch ihrer eigenen Ermittlungsmethoden bemühen! Ich habe gehört, sie haben einigen Erfolg damit, Zeugen zu verhören, indem sie sie mit gespiegelten Gaslampen blenden oder ihnen ihren Zigarettenrauch ins Gesicht blasen. Und so jemand lacht über mich!".

Der Herbst brachte frühe Dunkelheit und die Wächter postierten sich an der Stelle, die Charlotte ihnen genannt hatte.

Hauptmann Mumm nickte anerkennend: „Wer hätte das gedacht. Es gibt tatsächlich eine Schwachstelle.".

In regelmäßigen Abständen schritten zwei Wächter das Gebiet um die Außenmauer herum ab. Ein solcher Rundgang dauerte bei einem strammen Schritte etwa eine Viertelstunde, im sparsamen, schlendernden Schritt eines Wächters ungefähr eine halbe Stunde.

Karotte und Nobby waren gerade losgezogen. Karotte, weil er sich über Hauptmann Mumm geärgert hatte und Nobby, weil Hauptmann Mumm sich permanent über ihn ärgern musste.

Dies gab Mumm die Gelegenheit mit Charlotte zu sprechen, ohne, dass Karottes unkonspirativ, und Nobbys gleichermaßen verschwörerisch veranlagte Ohren zuhörten: „Sag mal, Charlotte, was glaubst du, ist dieser Einbrecher für ein Mensch?".

Fast war Mumm diese Frage peinlich, allerdings nicht peinlich genug um herum zu drucksen.

Feldwebel Colon starrten über die Mauer hinweg und betrachtete die oberen Stockwerke des Palastes, das einzige, was man von hier aus von der Behausung des Patriziers sehen konnte. Er überlegte und warf ein: „Ich glaube nicht, dass er es auf die Beute abgesehen hat. Ich habe nie bemerkt, dass Lord Vetinari große Reichtümer in seinem Palast lagert.".

„Oh, er ist sicher nicht auf die Beute angewiesen. Ich glaube, er will etwas beweisen. Er will es jemandem zeigen.", sagte Mumm.

Jetzt erwartete man eine Einschätzungen von Charlotte und sie kam sofort, kaum musste sie nachdenken: „Drama! Er will Drama. Deshalb die Spuren und der Zettel und alles. Der Dieb ist nicht so dumm. Er hat sie Spuren gelegt und er hat uns hier her gelotst, weil er heute Nacht seinen großen Auftritt hinlegen will. Und wir sind sein Publikum.".

„Klingt fast nach einem guten Schauspieler.", argwöhnte Mumm und blinzelte.

„Er ist nicht annähernd ein guter.", erwiderte Charlotte kühl und fügte hinzu: „Meiner Meinung nach.".

„Was ist er dann?", bohrte Mumm weiter.

„Nun.", begann Charlotte zögerlich, „Ich halte ihn für einen Mann zwischen 30 und 35. Älter ist er sicher nicht, er bewegt sich noch recht geschickt und schnell. Aber Männer in diesem Alter neigen dazu, in eine Art Lebenskrise zu geraten und beginnen damit, sich und der Welt etwas beweisen zu wollen.".

„Solche Krisen kenne ich. Sie befallen Männer im mittleren Alter und junge Frauen.", murmelte Mumm gerade hörbar.

„Ich finde diese Ambitionen lächerlich!", ließ Colon verlauten, „Man sollte zufrieden sein, wenn man jeden Tag eine warme Mahlzeit bekommt und ein eigenes Bett besitzt. Das ist völlig ausreichend für ein erfülltes Leben.".

„Was, glaubst du, ist die angestrebte Beute?", fragte Mumm und blinzelte erneut zu Charlotte.

Sie blieb erstaunlich gelassen und zuckte mit den Schultern: „Er hat sicher recherchiert und weiß mehr über den Inhalt des Palastes als wir. Aber im Grunde geht es ihm nicht um das Materielle. Er will uns nur überlisten, aber nicht heute Nacht! Heute hat dieses Spiel ein Ende!".

„Also doch ein Spiel?", Mumm hob eine Augenbraue.

„Ein schlechtes!", gab Charlotte grimmig zurück.

„Er hat einen Sinn für Inszenierung.", sagte Mumm beiläufig.

„Aber keinen Sinn für Gefahren und Risiken!", entfuhr es Charlotte, „Ich sage euch, der Mann ist vielleicht ein technisch passabler Dieb, aber er ist unglaublich dumm!".

Das waren gleich zwei Lügen, dachte Mumm und lächelte milde.

„Glaubt ihr der Patrizier weiß Bescheid? Ich meine, er hat überall seine Spione und so. Er weiß Dinge bevor sie überhaupt passieren, bevor sie überhaupt geplant sind.", gab Feldwebel Colon zu bedenken.

„Ich glaube, unser Einbrecher umgeht Vetinaris Spione, ganz einfach indem er seine Identität geheim hält.", erwiderte Charlotte bissig, „Wie soll man jemanden ausspionieren, von dem niemand weiß, wer er ist?".

„Er hat Komplizen, schon vergessen?", wand Mumm ein, „Sie könnten sich verplappern oder so.".

„Dieser Dieb hat keinen echten Komplizen!", sagte Charlotte fest, „Der arbeitet allein und wenn er einen Handlanger braucht engagiert er anonym einen auf dem Markt, wo die Tagelöhner ihre Dienste anbieten. Es gibt genug lizenzlose Diebe, die nicht in die Gilde aufgenommen werden, weil sie zu schlecht sind oder... und es nicht wagen ihr Handwerk freiberuflich auszuüben. Die sind ganz versessen auf ein solchen Engagement und glaubt mir, die halten dicht, auch wenn man sie in die Mangel nimmt. Es gibt einen Ehrenkodex, selbst unter freischaffenden Dieben!".

„Wir haben heute also mit einem Alleingang zu rechnen?", fragte Colon.

„Da bin ich sicher!", gab Charlotte zurück.

Mumm lächelte immer noch. Sein Verdacht nahm Form an.

„Wie viel Uhr haben wir?", fragte Nobby, um die unangenehme Stille zu überwinden.

Karotte schwieg, dann bemerkte er, dass man das Wort an ihn gerichtet hatte: „Oh, entschuldige! Gleich Neun, glaube ich.".

Wieder entstand eine peinliche Pause.

„Herrliche klare Herbstnacht.", begann Nobbs, „Eher nichts für schattenliebende Einbrecher.".

„Ich glaube nicht, dass es richtig ist, die Palastwächter nicht einzubinden in unsere Arbeit.", sagte Karotte.

„Also ich glaube, nicht dass diese Kerle überhaupt etwas von unseren Ermittlungen wissen wollen. Die halten nicht viel von uns und das ist ihr Fehler, will ich meinen.", meinte Nobby aufmunternd, „Mach die keinen Kopf darum. Der Hauptmann weiß, was er tut. Die Palastwache ist ein Band von arroganten Federträgern. Sowas konnte er noch nie ausstehen. Es würde ziemlich an seiner Ehre kratzen, wenn er mit ihnen zusammenarbeiten müsste. Und er befindet sich ohnehin schon seit einiger Zeit in einer ziemlichen Sinnkrise. Ich meine, dieser Dieb macht ihn fertig. Er will es allen beweisen und so... Kommt bei Männern in seinem Alter hin und wieder vor.".

„Aber sobald der Dieb auf der Mauer ist fällt die Angelegenheit nicht mehr in unseren Aufgabenbereich. Wenn wir wirklich für Sicherheit sorgen wollen, müssen wir die Palastwache darauf aufmerksam machen, welche Stelle sie besonders im Auge behalten sollen.", argumentierte Karotte trotzig.

„Hör zu! Du wirst hier keine Alleingänge machen!", warnte Nobby, „Ich bin dein Vorgesetzter und verbiete es dir!", es ging ihm runter wie Öl, das sagen zu können. Seine Hühnerbrust schwoll unter dem Brustharnisch an, „Und überhaupt. Wer hat behauptet, dass es um Sicherheit geht? Es geht um Selbstprofilierung! Entweder Mumm oder der Dieb! Die Palastwache wäre nur ein weiteres Hindernis, das wir nicht wirklich gebrauchen können. Merk dir das: Es geht hier nicht um Sicherheit! Es geht ums Gewinnen!".

„Du tust gerade so, als sei das alles ein Spiel.", sagte Karotte.

„Vielleicht ist es das.", sinnierte Nobby.

Dann schwiegen sie.

Karotte rang sich dazu durch der Palastwache keinen Tipp zu geben. Am Ende fand er es auch nicht mehr so wichtig. Das alles war ohnehin nur ein Spiel.

*