Wolken glitten am Nachhimmel dahin. Sie konnten das Licht es Vollmondes nicht vollständig verdecken, gaben ihm jedoch einen unheimlichen Schimmer.
Die Minuten glitten dahin. Nichts geschah.
Nobby hatte sich auf den Boden gesetzt und lehnte an der Mauer. Seinen Helm hatte er demonstrativ vor das Gesicht gezogen. Er wollte nicht gestört werden, während er döste. Seiner Ansicht nach war es eine Verschwendung von Ressourcen Nachts um diese Zeit im Dienst zu sein, wenn es nichts zu tun gab.
Feldwebel Colon vertrat sich die Beine, indem er langsam auf und ab schlenderte und kleine Steinchen durch die Dunkelheit schoss. Hin und wieder gab er ein erschöpftes Seufzen von sich.
Karotte blieb wachsam und ließ seinen Blick über das ganze Gelände streifen, starrte in das stockdunkle Strauchwerk, um das sich kein Gärtner kümmerte und warf ab und an einen besorgten Blick hinüber zum Palast.
Da er bei Zwergen aufgewachsen war, mussten sich seine Augen von klein auf an düstere Schächte, Halbdunkel und Finsternis anzupassen lernen. Deshalb hatte er von allem Wächtern den schärfsten Blick bei Nacht.
Hauptmann Mumm wartete. Er war kein geduldiger Mensch, aber diesmal zwang er sich durchzuhalten. Es würde sich eine Chance ergeben einen Dieb bei frischer Tat zu ertappen.
Charlotte warf unauffällige Blicke zum hinteren Tor, an dem zwei Palastwächter Posten bezogen hatten und deren Kichern bis zu ihnen drang.
Niemand sprach ein Wort. Es war eine dieser Nächte, in denen alles unausgesprochen blieb, was am folgenden Morgen zu erheblichen Kopfschmerzen führen würde, wenn alle beteuerten, sich an nichts zu erinnern, wenngleich in allen Gehirnen Mutmaßungen, Verdächtigungen und Unaufrichtigkeit reiften.
Es war kein einvernehmliches Schweigen. Die Stimmung war gespannt, zum zerreißen gespannt.
Sogar Nobby spürte das unterschwellig gehrende Misstrauen. Es fiel ihm schwer einzuschlafen.
Deshalb blinzelte er kurz unter seinem Helm hervor, als wollte er sichergehen, dass seine Kameraden ihn nicht im Stich gelassen hatten und es nicht schon längst Morgen war.
Es beruhigte ihn, als er Dunkelheit wahrnahm und Fred Colon einen Stein gegen die Mauer pfefferte, als hegte er einen persönlichen Grolle entweder gegen den Stein oder gegen die Mauer.
„Hey, man merkt, dass der Patrizier ein ziemlich hohes Tier ist. Bekommt sogar Nachts noch Lieferungen!", murmelte er.
Man konnte es für schlaftrunkenes Gebrabbel halten, doch Mumm hakte nach: „Was meinst du?".
„Da hinten ist ein Dienstmädchen am Tor!", gähnte Nobby und zog sich den Helm wieder ins Gesicht.
„Ach so. Ich glaube, das ist nicht ungewöhnlich für einen Patrizier.", sprach Mumm und wandte sich ab, „Was meinst du Charlotte?".
„Keine Ahnung. Vermutlich müssen viele Dienstmädchen Nachts arbeiten, damit am nächsten Morgen alles vorbereitet ist.", mutmaßte Charlotte, „Allerdings...", sie stockte und beobachtete, wie die beiden Palastwächter das Tor bereitwillig öffneten, „Allerdings bin ich nicht sicher, ob das ein Dienstmädchen ist.".
„Wie meinst du das?", fragte Karotte plötzlich.
„Für einen Dieb ist es viel leichter durch das Tor zu gehen, als über die Mauer zu klettern.", erklärte Charlotte kurz.
„Du meinst, er hat sich als Dienstmädchen verkleidet? Hat ein Kleid angezogen und so?", vergewisserte sich Colon und blieb stehen.
„Vermutlich trägt er seine Diebeskleidung darunter.", spekulierte Charlotte.
„Vielleicht trägt er gar keine.", quiekte Nobby von unten, „Wenn ich Charlottes Logik folgen kann, ist es für einen Dieb leichter durch die Hintertür zu gehen, als durch ein offenes Dachfenster zu steigen.".
Einige Stirne legten sich in Falten, nur Charlotte kombinierte weiter: „Nein. Das wäre zu einfach... und auf der anderen Seite aussichtslos.".
„Bitte?", fragte Nobby.
„Ein Dienstmädchen, dass irgendwo durch die Hintertür eintritt, wird sofort mit Aufgaben überhäuft, man drückt ihr einen Putzeimer in die Hand oder schickt es in die Küche. Niemals bekommt es aber die Gelegenheit alleine, ohne Aufsicht den Trakt der Bediensteten zu verlassen. Ich glaube außerdem, dass die Hauswirtschafterin ihre Dienstmädchen kennt, beziehungsweise sich daran erinnert, wen sich Nachts zurück erwartet... Und da drin sind sicherlich andere Lichtverhältnisse als hier draußen. Man würde wahrscheinlich sofort erkennen, dass...".
„Was?", fragte Mumm, „Dass er kein Mädchen ist? Also mir kam die Gestalt eigentlich doch recht weibl...".
Gerade als Mumm auftrumpfen wollte, entfuhr Charlotte ein Zischen, das nur deshalb kein Schrei war, weil sie die patrouillierenden Palastwächter nicht aufmerksam machen wollte: „Seht euch das an!".
Vier Augenpaare folgten Charlottes Fingerzeig und starrten zum Palast, der nun im gedämpften Mondlicht stand. Lediglich Karotte erkannte auf Anhieb, was Charlotte meinte: Ein Seil, vermutlich mit einer Armbrust nach oben geschossen, hatte Halt an einer Regenrinne gefunden.
„Verdammt!", entfuhr es Karotte, „Ich wusste, wir hätten die Palastwächter warnen sollen! Jetzt liegt es in ihrem Zuständigkeitsbereich und sie bemerken es nicht!".
Mumm sah Charlott an: „Weißt du, du hast das ja ziemlich intelligent angestellt. Du wusstest, dass er durch das Hintertor gehen würde. Deshalb hast du dafür gesorgt, dass wir uns hier postieren, weil du wusstest, dass wir dir vertrauen würden. Von wegen, kein Komplize! Du ist der Komplize des Diebes! Oder der Diebin!".
Charlotte antwortete nicht, da sie zu seh damit beschäftigt war ein Messer in die Fassade der Mauer zu rammen, sie sprang darauf, zückte ein zweites Messer, das zu einer zweiten Stufe umfunktioniert wurde und nach einem weiteren Schritt verschwand sie auf dem Mauersims und in der Baumkrone dahinter. Sie bewegte sich wie ein Eichhörnchen, selbst beim Erklimmen von senkrechten Mauern.
„Verdammt!", entfuhr es dem Hauptmann.
„Was hast du gerade gesagt?", fragte Nobby höflich interessiert.
„Sie war es die ganze Zeit!", rief Mumm, „Sie manipuliert Menschen! Die ganze Zeit manipuliert sie uns wie sie es will!".
„Aber... sie ist ein...", begann Karotte.
„Frauen sind falsch! Schlangen! Allesamt!", rief Mumm und sprintet über die Messerstufen über die Mauer hinweg und folgte Charlotte.
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