„Meinst du, wir sollten ihm folgen?", fragte Nobby vorsichtig.

„Nein.", sagte Colon sofort und hielt Karotte an einem Arm fest, „Das muss er alleine machen. Das will er alleine machen! Hat was mit seinem Ego zu tun...".

Die drei Wächter blieben am Fuß der Mauer stehen und blickten ins schwarz der schattigen Baumkrone. Sie waren sich sicher, dass sich darin niemand mehr befand, aber irgendwo mussten sie hinstarren.

Keiner der Palastwächter hatte etwas bemerkt. Sie patrouillierten irgendwo, nur dort, wo man sie gebrauchen konnte, waren sie nirgendwo zu sehen.

Am Tor zockte man Karten, in den Türmen schlürfte man erlesenes Lagerbier und an den Posten auf der Mauer polierte man gelangweilt repräsentative Rüstungsteile und Waffen.

Mumm verfolgte Charlotte irgendwo im Schatten des Parks. Charlotte trug die Kluft eines Diebes und war flink genug um bei Dunkelheit nicht sofort gesehen zu werden. Schnelligkeit ist einer der wichtigsten Tugenden eines erfolgreichen Diebes, Langsamkeit eine eines überlebenden Wächters.

Mumm schleppte eine nicht gerade leichte Rüstung mit sich herum, rannte dennoch was dazu Zeug hielt.

Sie huschten durch Sträucher und Büche, Charlotte schlug ihm immer wieder Äste und Dornenranken ins Gesicht, doch der Hauptmann ließ sich nicht abschütteln.

Gerne hätte sie etwas gerufen wie „Du verstehst das falsch! Du machst alles kaputt! Dummer Idiot!", doch sie konnte nicht schreien, ohne ihren Aufenthaltsort den Palastwächtern mitzuteilen, die mit Sicherheit zutiefst verwundert über die Situation sein würden.

Mumm hätte gerne etwas gerufen wie „Bleib gefälligst stehen! Ich hab dich durchschaut! Du bist ein kaltschnäuziges Biest, nichts weiter!", aber auch er hätte dadurch seinen Aufenthaltsort den Palastwächtern offenbart, die er bei seiner Mission nicht unbedingt zugegen haben wollte, geschweige denn einen Prozess wegen Hausfriedensbruch hernach, immerhin fiel diese Verfolgungsjagd nicht mehr in seinen Zuständigkeitsbereich.

Charlotte hatte sich einen ordentlichen Vorsprung ersprintet. Sie gelangte als erste zum Palast. Für weiteres Messerklettern hatte sich nicht mehr genügend Stufen bei sich und so sprang sie durch ein Blumenbeet direkt an der Palastmauer. Es dauerte nicht lange, da fand sie auf der Erde die abgestreiften Kleider eines Dienstmädchens, direkt darüber baumelte lässig ein Seil im fahlen Mondlicht.

Charlotte prüfte kurz die Stabilität des Widerhakens am anderen Ende, indem sie an ihrem Ende zog, klassifizierte es als sicher genug, vor allem im Anbetracht der Tatsache, dass ein wütender Wächter soeben durchs das Gebüsch schleichen und direkt hinter ihr auftauchen würde um sie festzunehmen.

Mit einem gekonnten Schwung, brachte sie die ersten drei Meter senkrecht an der Wandentlang schnell und mühelos hinter sich. Ab diesem Punkt gestaltete sich das Klettern als Schinderei, aber sie war nicht so weit gekommen, um sich jetzt über schwielige Hände zu beschweren.

Wieder war die fehlende Uniform für sie von Vorteil und auch die Tatsache, dass das Seil nun unter ihr ein Gewicht aufwies, dass das Schwingen in Grenzen hielt, erleichterte ihr die Arbeit.

Mumm kletterte hinter ihr, rackerte sich ab. Er besaß mehr Muskeln und Kraft als Charlotte, aber eben auch mehr Masse und die ungelenke Uniform.

Charlottes Vorsprung weitete sich wieder aus.

Auf der Außenmauer rieb sich ein Wächter die Augen und stieß, als er sich völlig sicher war, seinen Partner an. Er wienerte gerade die Spitze eines Armbrustbolzens.

„Siehst du das auch?".

„Ein Schatten an der Mauer.", stellte der Kollege fest und wunderte sich kein bisschen, ein deutliches Anzeichen für eklatanten Mangel an Phantasie.

„Ja, und er bewegt sich.".

„Hmm.".

„Sollten wir das melden?".

„Hmm.".

„Ich meine, wenn man genau hinsieht, könnte man meinen, da klettert einer an einem Seil die Wand hinauf.".

„Es ist nicht unsere Aufgabe die Wand zu bewachen. Wir sind für die Mauer zuständig. Du denkt in zu großen Dimensionen, Korporal. Freidenker werden nicht befördert.".

„Aber...".

„Das ist Sache den Inneren. Ich wette die haben mal wieder Mist gebaut.".

„Aber sind nicht wir eigentlich...".

„Ich habe nichts gesehen, du etwa?".

„Wenn du mich so fragst... Nein.".

„Eben! Ich werde dich für eine Beförderung vorschlagen, bist ein lernfähiger Bursche.".

Mumm keuchte. Er wünschte sich, er hätte ebenfalls Handschuhe an wie Charlotte, die an alles gedacht zu haben schien.

Wenn er jedoch in Charlottes Haut gesteckt hätte, hätte er gewusst, dass Flanellhandschuhe keinen wirklichen Schutz vor dem Verbrennen der Handinnenflächen bildeten. Charlotte hätte sich selbst geohrfeigt, wenn sie dadurch nicht vom Seil gefallen wäre. Zu Hause in ihrer Nachtischschublade lagen griffige und blasenneutrale Lederhandschuhe...

Beide Kletterer stützten sich mit den Füßen an der Wand ab und gingen praktisch die Wand hoch. Das einzige, was sie vom erbarmungslosen Griff der Schwerkraft schützte, war die eigene Muskelkraft in den Armen, indem sie sich an das raue Seil krallten.

Jeder Schritt musste geplant werden, denn er bedeutete gleichzeitig eine Bewegung der Hände, was jedesmal einen kurzen, aber nicht unerheblichen Gefahrenmoment bedeutete, wenn das eigene Gewicht und die eigene Existenz nur noch an einer Hand hing.

Charlotte war routinierte und ihre Planung beanspruchte nur wenige Gehirnzellen, während Mumms Konzentration auf Hochtouren lief.

Das einzige offene Fenster des ganzen Palastes, als hätte Lord Vetinari auf diesen nächtlichen Besuch gewartet, befand sich im obersten Stockwerk. Gerüchten zu Folge mussten dies die Privatgemächer des Patriziers sein.

Mumm seufzte.

Charlotte hatte noch nicht einmal die Hälfte des Weges hinter sich gebracht und er selbst keuchte ihr hinterher.

Einen Augenblick lang wagte er es sich auf einem Fenstersims abzustützen und zu verschnaufen.

Charlotte warf einen Blick nach unten und seufzte erleichtert. Sie gönnte sich ebenfalls eine Pause und murmelte: „Ich dachte schon, dem geht nie die Puste aus!".

Mumm überlegte, wie hoch seine Chancen standen, dass er Charlotte einholte, bevor sie ihre Komplizin im Palast treffen würde.

Konnte er gegen zwei Frauen etwas ausrichten?

Was konnten sie gegen ihn ausrichten?

Er wollte es sich lieber gar nicht vorstellen, was geschehen würde, wenn Lord Vetinari davon erfuhr. Er, des Nachts, an einem Seil, drauf und dran in den Palast einzudringen, auf den Fersen einer Diebin, die eigentlich eine reiche und einflussreiche Frau sein sollte.

Mumm seufzte. Immer geriet er in derartige Situationen und aus irgendeinem Grund konnte er nicht einfach lockerlassen und die Palastwache den Fall aufklären lassen. Aus irgendeinem Grund konnte er nie den geordneten Dienstweg gehen.

Wie groß waren die Chancen, dass diesmal alles glimpflich ausging?

Er besah sich die Situation, wagte einen Blick unter sich, einen Blick über sich.

Völlig klar, der Punkt, an dem er vom Ziel und vom Start gleich weit entfernt war. Point of no return. Solche Gedanken quälten einen immer an genau diesem Punkt. Es war völlig egal, wofür er sich entschied, es würde unangenehm werden. Langsam weiter hinauf? Oder schnell wieder nach unten?

Da Charlotte über ihm das Rennen wieder aufnahm, blieb ihm keine andere Wahl, er stiegt weiter.

Die Chancen, dachte er und keuchte, dass alles gut geht, dass Vetinari nichts von alledem je erfährt, dass ich mir nicht den Hals breche und die Palastwächter nicht ewig über meine Niederlage gegen zwei Frauen lachen, liegen etwas bei eins zu einer Millionen.

Aber es könnte klappen, fügte er schnell hoffnungsvoll in Gedanken hinzu. Er glaube nicht daran, aber traditionell musste man diesen Nachsatz hinzufügen, wenn sich wahrhaftig um eine Chance bemühen wollte.

Es wurde nicht leichter das Klettern. Muskeln, Arme und Beine wurden langsam müde, steif und unverlässlich.

Was wenn Charlotte plötzlich fallen würde? Er würde sie kaum auffangen können. Eher würde sie ihm mitreißen.

Ein Schweißtropfen materialisierte sich auf seiner Stirn.

Nein, Charlotte konnte nicht fallen. Sie hatte sicher alle Unwägbarkeiten berechnet. Dennoch schien auch sie langsamer zu werden.

Es würde nicht leichter werden.

Bevor es leichter wurde, trafen einen alle Unwägbarkeiten, die man zuvor ausgeschlossen hatte, um wenn es sich dabei um eine fallende Meisterdiebin handelte...

Mumms Gehirn wies nun langsam einen kritischen Adrenalin-Spiegel auf. Er begann zu phantasieren.

Was wenn plötzlich ein Fenster aufging und jemand hinaus auf die seltsame Szene sehen würde?

Was wenn jemand über ihm seinen Papierkorb über ihm entleerte und ihm der ganze Müll ins Gesicht fiel?

Was wenn jemand auf die Idee kam über ihm das Seil durchzuschneiden - Er war sich sicher, dass Charlotte noch irgendwo ein Messer versteckte...?

Was wenn plötzlich... er überlegte und ersann ein geeignetes Szenario, das gleichzeitig so unrealistisch war, dass es ihm beinahe Hoffnung machte... Was wenn plötzlich eine Horde Vögel verrückte wurde und mit dem Schnabel voran in die Tiefe stürzten, während in diesem Fall die Tiefe sein Gesicht darstellte?

Ein Regen bestehend aus Fischen oder Fröschen war in Ankh-Morpork - vor allem in unmittelbarer Umgebung der Unsichtbaren Universität - nicht ungewöhnlich, aber regnende Vögel? Mumm wurde unsicher. Eine Eule rauschte lautlos an ihm vorbei und der Luftzug, der sein Ohr streifte, bewirkte ein unwillkürliches Schaudern im Hauptmann.

Er beschloss nicht mehr an Eventualitäten zu denken. Das Leben bestand nicht aus Eventualitäten. Eventualitäten hatten die Angewohnheit, nicht real zu sein und es auch meistens nicht zu werden.

Jedenfalls: Wenn er schnell genug sein würde, bekamen die Eventualitäten keine so großen, temporären Spielraum, der es ihnen erlaubte etwas wahrscheinlicher zu werden.

Weiter hinauf.

Weiter hinauf.

Auf dass Lord Vetinari friedlich schläft!

Auf dass die Palastwache in einem anderen Trakt des Schlosses unterwegs ist!

Auf dass Charlotte und ihre Komplizin vernünftig genug ist sich zu stellen, ohne großes Aufsehens zu erregen.

Vielleicht konnte es dann gut gehen...

Charlotte erschien die Situation absurd. Ein klärendes Gespräch wäre selbst hier oben sinnvoller gewesen als diese kopfloses Jagd senkrecht an der Palastwand entlang, die zudem gesäumt war mit Fenstern und nicht wirklich von der Sicht der Palastwächter auf den umgebenden Mauer abgeschottet war.

Der Hauptmann wollte es aber nicht anders. Er brauchte irgendeine Art von Triumph. Also musst sie mitspielen.

Sie musste ohnehin mitspielen, Lilian verlangte es. Und es war immer noch besser den Hauptmann an den Fersen zu haben, als einen Assassinen.

Mumm war ein von den Guten. Er mochte das vielleicht nicht wahrhaben oder hören, aber er war gut und er wollte immer nur das Gute und Gerechte. Wenn sich die Situation aufklärte, würde er sicherlich nicht allzu streng sein, dafür wüsste sie zu sorgen.

Bevor es jedoch so weit war, musste sie ihm wenigstens so lange entkommen, bis sie Lilian gefunden hatte.

Lilian. Es ging hier nicht um sie und ihre eigenen kleinen Raubzüge. Lilian befand sich in einer Gefahr, die sie selbst nicht einschätzen konnte.

Ein klärendes Gespräch mit dem Hauptmann wäre vielleicht doch eher kontraproduktiv. Sie musste vor allem eins: Schnell da oben sein!

Mumm war manchmal ohnehin etwas schwer von Begriff. Man besah sich nur einmal diese Situation hier...

Charlotte seufzte.

Weiter hinauf.

Weiter hinauf.

Auf dass Lord Vetinari einen gesegneten Schlaf hatte.

Auf dass seine Spione tatsächlich Lilians Pläne nicht kannten.

Auf dass die Palastwache in einem anderen Trakt des Schlosses unterwegs war.

Auf dass der Hauptmann vernünftig genug war, um Lilian und Charlotte nicht lautstark und mit unnötig viel Aufhebens in den Gemächern des Patriziers festnehmen zu wollen.

Auf dass das Drama bald ein Ende haben würde.

*